Botanische Illustrationen

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Chinesischer Wildapfel (Malus asiatica) und wilder Apfel (Malus sylvestris)

Wenn Staunen die Blüte ist, ist der Apfel die Erkenntnis. (Denis Herger)
"Das ist wohl die letzte Liebe, den anderen zu nähren, mit dem, was man ist." (J.W.v. Goethe)

Für unsere indoeuropäischen Vorfahren war der Apfel – auch wenn sie die kultivierten Sorten noch nicht kannten – die wichtigste Frucht, die sie durch den Winter trug. Nördlich der Alpen war der Apfel die Speise der düsteren und der toten Jahreszeit, der sie gesund erhielt und zugleich als Totenspeise geeignet war. Noch immer gehört der Apfel zu den vollkommensten Früchten und er ist eines der gesündesten Nahrungsmittel, die wir haben.

Der Apfel symbolisiert in prallen Farben die untergehende Sonne und somit den Übergang  in die Tiefe, die Welt der Elfen, Ahnen und Götter. Die keltische Bezeichnung hierfür war Avalon. Der Apfel ist in der keltischen Mythologie Symbol für Vollendung und Weisheit; die Frucht der Unsterblichkeit und nicht das Zeichen der Sünde. Die Parole der Kirche: Malum ex malo (Alles Unheil kommt vom Apfel), war für die keltischen Neubegehrten nicht leicht zu verstehen, da die Äpfel in der keltischen Mythologie ewige Jugend und Glückseligkeit verheißen. Und nicht nur das: keltische Druiden konnten anhand der Anordnung der Kerne, die ein Pentagramm bilden, eines horizontal durchschnittenen Apfels, vorhersehen, wie fruchtbar das folgende Jahr werden würde. 

In einer anderen Geschichte heißt es: Ein geheimnisvoller Besucher, mit purpurrotem Mantel und goldbesticktem Rock bekleidet, brachte dem großen König Irlands, Cormac, einen silbernen Apfelzweig mit drei goldenen Äpfeln aus der Anderswelt. Wenn man  diesen schüttelte, ging eine liebliche Musik, die Kranke, Schwerverletzte und Wöchnerinnen einschläfern konnte, von ihm aus. König Cormac wollte wissen, woher der Fremde kommt. Dieser antwortete: Aus einem Land, in dem es nur Wahrheit gibt und wo weder Alter, Verfall noch Hass oder Bosheit herrschen. 

In neuerer Zeit war der Reichsapfel, der sich im Besitz des Herrschers befand, Garant des Wohlstandes eines Volkes. 

Heute kennen wir fast nur noch handelsgerechte Formen und Sorten des Apfels mit leicht einprägsamen Namen aus dem Supermarkt. Erschreckend viele der ursprünglich in Nordeuropa vorkommenden 4.000 Apfelsorten sind vergessen, ausgestorben und werden aufgrund ästhetischer Ansprüche der Standardisierungshysterie nicht mehr kultiviert. Den Römern waren zumindest etwa 30 Apfelsorten bekannt. Ein hohes Maß an Farb-, Form- und Geschmacksvielfalt ist verloren gegangen. Zudem ist der Apfel – und hier findet sich eine besondere Form der Schizophrenie – zu einem der am meisten mit Pflanzenschutzmitteln traktiertem (einheimischen) Nahrungsmittel verkommen.  

Das englische Sprichwort: „An apple a day, keeps the doctor away!“  hat nur noch bedingt Gültigkeit. Der Apfel kräftigt das Immunsystem, das Herz sowie den Kreislauf, stabilisiert den Blutzuckerspiegel, kräftigt die Gefäße, reinigt den Darm, beruhigt den Magen, bindet schlechte Säfte sowie überschüssige Säuren und kräftigt das Zahnfleisch. Erwähnenswert ist sein hoher Pektinanteil, ein Faser- bzw. Ballaststoff, der den Blutfettspiegel senkt und Giftstoffe im Darm bindet. Bestimmte Fruchtsäuren im Apfel hemmen schädliche Fermentbildungen und Bakterienansiedelung im Darm. Leider finden sich heute auf der Schale eines Apfels mehr Pestizide als wir vermuten. Bis zu 32 Mal pro Jahr nutzt ein konventionelle Apfelbauer Pestizide gegen Pilze, Insekten und Unkräuter. Die hinzukommende Paraffinschicht auf der Schale, die an sich nur verkaufsfördernd wirken soll, lässt uns kaum eine andere Wahl, als einen Apfel nur noch geschält zu verzehren. 

 

In der planetarischen Signaturenlehre werden alle Rosengewächse gern der Venus zugeordnet. Dies lässt sich aus der Form des Apfels, dessen meist rosafarbenen Blüten, der Essbarkeit seiner Früchte und seiner Ungiftigkeit ableiten. Die Venus steht für Lebensbereiche wie Liebe, Freundschaft, Anziehungskraft, Sexualität und das Heranwachsen. Psychologisch betrachtet, verkörpert die Venus Vergnügen, Lebenskraft, Harmonie und Gefühle. Die Göttinnen Venus, Aphrodite, Astarte und Freya (Freya steht zugleich für Frau Holle - „Schüttle mich und rüttle mich!“) werden ebenso mit ihrer Symbolik in Verbindung gebracht. Venus regiert die Körperbereiche Haut, Nieren (das Assimilationsorgan), die Drüsen (z.B. Schilddrüse) und Venen. Interessant ist hierbei auch ihre Entsprechung mit dem Metall Kupfer, welches in der anthroposophischen und der Astromedizin bei Hormonstörungen, Nieren- und Venenleiden, Libidostörungen, Störungen der Gefühlssphäre, Vitalitätsschwäche und Verkrampfungen gezielt und homöopathisch aufbereitet angewendet wird. 

 

© Kay Weber

 

März-Veilchen (Viola odorata)

"Liebe ist die Wurzel von Mitgefühl." (Buddha)

 

Ihre stark duftenden, dunkelvioletten Blüten begegnen uns meist im März in Hecken und Gebüschen, an Waldrändern und auffallend oft in Dorfnähe. In Anlehnung an ihren wissenschaftlichen Artnamen wird sie auch Duftendes Veilchen genannt (odor = Geruch, odoratus = wohlduftend). 

In vielen Gedichten und Liedern wird die bescheidene und als attraktiv geltende Pflanze mit hohem Symbolwert gewürdigt. Frühlingsblumen hielt man für ganz besonders heilkräftig und Plinius empfahl, die ersten, die man im Frühjahr findet, zu pflücken, in ein rotes Tuch zu binden und an einem schattigen Ort aufzubewahren. Bei Bedarf sollten diese später einem am Fieber Erkrankten angelegt werden. Neben den Veilchen sollten auch die ersten drei im Jahr gefundenen  Blüten der Schlüsselblume, des Buschwindröschens, des Gänseblümchens, die des Schlehdorns und des Seidelbasts verschluckt werden. Dann bliebe man das ganze Jahr von Fieber, Zahnschmerzen und anderen Beschwerden befreit. Zu Zeiten Leopolds IV., des Glorreichen am Wiener Hof, zog der ganze Hofstaat aus, um das Veilchen zu begrüßen und von einer Jungfrau pflücken zu lassen. 

Allerdings konnten blau blühende Frühlingsblumen wie der Frühlingsenzian, der Kriechende Günsel, das Hundsveilchen oder der Blaustern gefährlich sein. Wer sie berührt oder an ihnen riecht, bekäme Sommersprossen. Wer ebenfalls blau blühende Ehrenpreis-Arten abpflückt, beschwöre so heftigen Regen und Gewitter herbei. Sie ins Haus zu holen galt als Unheil bringend, denn ihr zwiespältiges Wesen verdanken diese Frühlingspflanzen einem sie bewohnenden Pflanzengeist. 

Für die Wahrsagerei haben sämtliche blaublütigen Pflanzen einen besonderen Stellenwert. Ein Tee aus den blauen Blüten verschiedener Pflanzen soll hellsichtig machen, Hexen erkennen lassen und hinter Lug und Trug versteckte Wahrheiten sichtbar machen. 

 

Weniger bekannt als die Nutzung zur Herstellung wohlriechender und beruhigender Duftessenzen ist die Heilwirkung des Veilchens. Ihr wird eine entzündungshemmende Wirkung zugeschrieben und sie erleichtert das Erbrechen nach dem Genuss von verdorbenem Essen. In größeren Mengen kann sie jedoch auch giftig wirken, was sich in heftigem Erbrechen äußert. 

Ein Tee aus Kraut und Blüten wirkt blutreinigend, bei Krampfhusten, Bronchitis, Heiserkeit, Halsschmerzen, Schlafstörungen, Stress, innerer Unruhe, Gelenkschmerzen und Hautleiden. Bei Zahnfleischentzündung, Magenbeschwerden und Blähungen hilft ein Tee aus der Wurzel. 

Die antivirale, antiseptische, antimikrobielle und antimykotische Wirkung von Veilchencreme und Veilchenöl zur äußerlichen Anwendung ist mittlerweile bestätigt und dermatologisch anerkannt. So wird sie bei Hautkrebs, Brustkrebs, Geschwüren, Hautunreinheiten, Ausschlägen, Ekzemen, Wundheilstörungen, Säuglingsekzemen und Milchschorf angewandt. Daneben bietet Veilchen-Salbe eine Alternative bei Nebenhöhlenbeschwerden, Bindegewebsknoten, Lymphdrüsenschwellung, Myomen und als Prophylaxe nach Röntgenbestrahlung. Bei chronischer und frühklimakterischer Depression empfiehlt selbst Hildegard von Bingen das Veilchen. Auch sagt sie: „Wenn jemand traurig ist, dann soll er vom Veilchenwein trinken. Das hat eine froh machende Wirkung und stärkt die Lunge.“ Der Veilchenwein, ein Weingemisch aus Veilchenblüten, Wein, Galgant und Süßholzwurzel bringt wieder Freude ins Leben. 

 

Im griechischen Altertum war das Veilchen Begleiter der Götter, deren Duft ihre Speise. Zeus ging bei seinen Seitensprüngen immer recht erfindungsreich zu Werke, verwandelte die schöne Nymphe Io in eine Kuh und bettete sie auf einer duftenden Veilchenwiese. Der Tochter des Gottes Atlas verfiel er auch und verwandelte sie selbst in ein Veilchen, um sie vor dem Sonnengott Helios zu verbergen. Seitdem lebt sie geschützt vor seinen Strahlen im Dickicht des Waldes. 

 

Im deutschen Brauchtum galt das Veilchen als sicherer Frühlingskünder, doch kam die Blüte zu früh, nähme der Sommer ein frühes Ende. „Wenn im März die Veilchen blühn, an Ludwig (25. August) schon die Schwalben ziehn.“ Als Ernte-Orakel galt es, wenn Veilchen am 19. März blühen und die Buchen am 30. April ausschlagen, dass eine reiche Kornernte eingefahren wird. 

In der Bretagne existiert noch heute der Brauch, dass Veilchen an Karfreitag ausgesät werden, um den Frühling herbei zu locken. 

In Ungarn werden zu Ostern Mädchen mit Wasser übergossen. Zuvor fragen die Männer mit einem Vers um Erlaubnis: „Ich ging im kleinen Wald, sah ein blaues Veilchen, es wollt verwelken, darf man es gießen?“  

In Kroatien werden Karsamstag Veilchen gepflückt und deren Blüten in Wasser gelegt. Ein Gesicht, mit diesem Wasser gewaschen, soll das ganze Jahr frisch und schön bleiben. 

 

Astrologisch ist das März-Veilchen - im Monat der von Neptun regierten Fische blühend - nicht nur aus diesem Grund dem Planet Neptun (Poseidon) zuzuordnen. Er ist der Planet der Mysterien, des Nebulösen, des Glaubens und der Hingabe, der göttlichen Liebe und der Grenze zwischen Realität und Phantasie. Genau in dieser Phase, wenn die Sonne allmählich wieder Einzug ins neue Jahr hält, der Traum nach mehr Licht aus dem Dunkel heraus wahr zu werden scheint und die Kräfte des Winters sich wieder und wieder gegen den aufkeimenden Frühling auflehnen, ist die Zeit der Unentschlossenheit der Fische deutlich zu erkennen. Denn auch ihr Regent, Neptun, steht für Undefinierbares, nicht Greifbares, sich nicht festlegen Wollendes. Seine wetterbezogene Unklarheit und Ungewissheit, teilweise auch Falschheit (falsche Versprechungen), ist in dieser Jahreszeit, die alle Überraschungen offen hält, mehr als deutlich. So wie das Tierkreissymbol zwei (unentschlossene) Fische darstellt, von denen der eine stromabwärts, der andere stromaufwärts schwimmt, so wechselhaft zeigt sich in dieser Zeit auch das Wetter. Dennoch ist die Fische-Periode eindeutiger Vorbote des kommenden Jahres, ohne jedoch konkret zu versprechen, was es bringen wird.  Die Fische sind Vollendung und zugleich Vor-Anfang des Tierkreises. So repräsentieren sie die Möglichkeit zur Erleuchtung, zur Überwindung des Stofflichen, zur Verwirklichung der Wahrheit.

In dieser oft nicht genau zu definierenden Jahreszeit zeigt das Veilchen deutlich, dass der Kreis des Lebens vorwärts gegangen werden muss. Und das das Besinnen auf das Vergangene einer Schwermut gleichkommt, die mit dem Verharren in einem pränatalen Zustand vergleichbar ist. Eben dieser fischetypische und neptunische Schwermut, diese Melancholie und Lustlosigkeit ist es, gegen die Hildegard von Bingen den Veilchen-Lautertrank auch empfiehlt: „Wer durch Melancholie und Ärger (…) beschwert ist und so die Lunge schädigt, koche Veilchen in reinem Wein (…) trinke es, und so wird die Melancholie unterdrückt, und das Veilchenelixier wird ihn fröhlich machen und seine Lunge heilen.“ 

Noch deutlicher wird sie, indem sie sagt: „Das Veilchen ist zwischen warm und kalt. Aber es ist doch mäßig kalt und wächst von der Süße und Reinheit der Luft, wenn sich die Luft nach dem Winter eben erst zu erwärmen beginnt.“

Das Veilchen blüht im Verborgenen, 

 

In der Literatur wird dem Veilchen eben so viel Aufmerksamkeit entgegen gebracht, wie sonst nur Rosen oder Lilien. Goethe soll bei seinen Spaziergängen in und und um Weimar stets Veilchensamen mit sich geführt haben, um sie an geeigneter Stelle auszusäen und so zu verbreiten: „Das gute Veilchen schätze ich sehr; es ist so gar bescheiden - und duftet schön.“

Shakespeares Leartes in Hamlet wünscht: „Es mögen Veilchen aus Ophelias Körper sprießen - voller Würze, nicht dauerhaft, lieblich, nicht beständig - der Duft und das Gewähren einer Minute.“

Auch Theodor Storm schwärmte: Der Frühling kommt, der Himmel lacht, es steht die Welt in Veilchen.“ Und Nikolaus Lenau poesiert: „Ein Veilchen auf der Wiese stand an Baches Rand, und sandte ungesehen bei sanftem Frühlingswehen süßen Duft durch die Luft.“

 

Das Veilchen 

 

Ein Veilchen auf der Wiese stand, gebückt in sich und unbekannt;

es war ein herzig´s Veilchen.

Da kam eine junge Schäferin, mit leichtem Schritt und munterm Sinn,

daher, daher, die Wiese her, und sang.

 

„Ach!“ denkt das Veilchen, „wär ich nur die schönste Blume der Natur,

ach, nur ein kleines Weilchen, 

bis mich das Liebchen abgepflückt und an dem Busen matt gedrückt!

Ach nur, ach nur ein Viertelstündchen lang!“

 

Ach! aber ach! das Mädchen kam und nicht in acht das Veilchen nahm,

Ertrag das arme Veilchen.

Es sank und starb und freut´ sich noch: „Und sterb` ich denn, so sterb` ich doch

durch sie, durch sie,

zu ihren Füßen doch.“

 

J.W.v. Goethe

 

© Kay Weber

Weinberg-Lauch (Allium vineale)

"Wer in der Jugend einen Weinberg anlegt, hat im Alter Trauben." (unbekannt)

Der Weinberg-Lauch gilt als typischer Weinberg-Begleiter, ist jedoch weit darüber hinaus verbreitet und anzutreffen. Weinberge bilden aufgrund lockerer sandiger, kalkiger und lehmiger Böden ideale Bedingungen für diese zierliche und, wenn er nicht gerade blüht, leicht zu übersehende Pflanze.

Zum ersten mal begegnete er mir vor vielen Jahren in den toten Tälern, einem sehr zu empfehlenden Orchideen-Lehrpfad, nahe Freyburg an der Unstrut. Bis dahin kannte ich ihn nur aus der einschlägigen Literatur. Seitdem jedoch, wenn die Aufmerksamkeit einmal geschult ist, finde ich ihn in vielen lichten, kargen, sonnigen und vor allem kalkigen Lagen. Offensichtlich ist er ein typischer Magerwiesen- und Streuobst-Liebhaber. 

Vineális steht in direkten Bezug zum lat. víneeàis, dem Wein, was weiter zu vínea, dem Weinberg führt. Man geht davon aus, dass diese Bezeichnung zunächst dem albanischen vené entspringt und somit aus einer Sprache der östlichen Balkanländer entlehnt sein muss, da die Kultur des Weinstocks mit dem Dionysos- oder Bakchos-Kult (Bacchus!) erst spät von Thrakien (östliche Balkanhalbinsel, die heute zu Bulgarien, Griechenland und der Türkei gehört) aus nach Griechenland und Rom gelangte. Der sprachliche und botanische Befund lässt den Schluss zu, dass die indogermanischen, semitischen, hamitischen und kaukasischen Völker den Weinstock in ihrer Urheimat als eine dort wild wachsende Sippe in Kultur nahmen. Dies stimmt mit der aus Genesis 9,20 mythologischen Überlieferung überein, demzufolge Noah bei seiner Landung in Armenien den Weinstock kennen lernte, ihn kultivierte und sich als erster am Wein berauschte (Gen 9,20: Noach wurde der erste Ackerbauer und pflanzte den Weinberg. Gen 9,21: Er trank von dem Wein, wurde davon betrunken und lag entblößt vor seinem Zelt). 

 

Sein Erscheinungsbild ist recht markant. Wuchshöhen bis zu 70 cm sind nicht selten. Sein langer, rühriger Stängel reckt sich elegant der Sonne entgegen und trotzt Wind und kräftigen Gewittern. Mit seinen sehr schmalen, röhrigen Laubblättern bietet er dem Wind zudem kaum Angriffsfläche. Sanft und geduldig lässt er sich wiegen und trägt seine Blüte von Juni bis in den August hinein, aus der sich viele Brutzwiebeln entwickeln. Diese und die Brutzwiebeln an den Knollen sichern die Ausbreitung. Die oberirdischen Brutzwiebeln schmecken nach Knoblauch und lassen sich ganz wie dieser verarbeiten und einsetzen. Vor der Blüte können die zarten Halme als kräftig schmeckender Schnittlauchersatz geerntet werden.

Für Magerwiesen- und Hortus-Besitzer (ich erinnere mal wieder an das Hortus-Netzwerk) ist der Weinberg-Lauch eine sehr willkommene Pflanze, da ihr Nutzen als Weinberg-Begleiter oder kulinarische Anreicherung weit hinaus geht. Er ist äußerst pflegeleicht, vermehrt sich selbst, bedarf keiner besondern Fürsorge und sollte dem Naturgärtner, der die Dinge vorwiegend sich selbst überlässt, eine willkommene Bereicherung der heimischen Artenvielfalt sein. Ökologisch orientierte Weinberg-Besitzer sorgen im Übrigen durch die typische Art der Bewirtschaftung zum Erhalt der Artenvielfalt. Die alternative Querterrassierung der Weinberge bietet durch Böschungen und Terrassen vielen gefährdeten Pflanzen, Insekten und Tieren einen notwendigen und speziellen Lebensraum. 

Solche offenbodigen Geröllflächen neben schwach bewachsenen und trockenrasenähnlichen Standorten eröffnet vielen Wildbienenarten, Hummeln, Schwebfligen, Wespen, Käfern, Wanzen und Spinnen ideale Bedingungen. 

Auffällig oft sind am Weinberg-Lauch sich von Blüte zu Blüte schaukelnde Tagfalter, der auf der roten Liste stehende Schwalbenschwanz, der stark gefährdete Segelfalter und zahlreiche Bläulinge zu sehen. In einem solchen Habitat finden sich auch zahlreiche Heuschrecken-Arten, wie die gestreifte Zartschrecke, die Zweipunkt-Dornschrecke oder die rotflügelige Odlandschrecke. Gerade Extremstandorte wie steillagige Weinberge oder extrem sonnige, offene und steinige Flächen lassen erkennen, welche biologische Einzigartigkeit diese beherbergen können. Heuschrecken reagieren äußerst empfindlich auf jedwede Veränderung in ihrem Lebensraum, da deren Eiablage immer in den offenen und warmen Bereichen des Bodens oder unter Steinen erfolgt. Krautige Pflanzen sind dann für die Entwicklung der Larven notwendig. Eine Sukzession durch Vergrasung und überambitioniertes „Begrünungs-Management“ bedeutet bei diesen Offenboden-Biotopen immer das Ende einer solchen Population. Dies gilt für alle Arten, die auf xerotherme Standorte angewiesen sind.  

Neben der Weinbergs-Traubenhyazinthe (Muscari neglectum), der Weinbergs-Tulpe (Tulpia sylvestris), dem Acker-Gelbstern (Gagea villosa) und dem nickenden Milchstern (Ornithogalum nutans) zählen die kleinen und wenigen Blüten des Weinberg-Lauchs zu jenen mit den meisten Bestäuberbesuchen. Zu dieser Flora mit den dazugehörigen bestäubenden Insekten gehören u.a. Fetthennen, Mauerpfeffer, Thymian oder Wolfsmilchgewächse. Solche Flächen leiden oft massiv unter menschlicher Einwirkung/Bewirtschaftung, auch wenn diese wohlgesonnenen Ambitionen entspringt. Besonders auf Magerflächen und Extremstandorten gilt: „Weniger ist mehr!“. 

An zahlreichen Beobachtungsflächen von Landesanstalten, Universitäten und biologischen Gärten konnte sicher festgestellt werden, dass die Sukzession durch Düngung, erhöhten Stickstoffeintrag, Eutrophierung oder Erhöhung der Kohlendioxidkonzentration (besonders in Nähe von Ballungsgebieten) deutlich und massiv zur Reduzierung der Artenvielfalt beiträgt.

 

Wie beim Knoblauch ragen aus dem Weinberg-Lauch auch die Signaturen von Saturn, Jupiter und Neptun hervor.  

Besonders Saturn, der Planet der Ruhe und der Gesetze, der Widersteher, drückt sich in der aufrechten und geschmeidigen Unbeugsamkeit des Weinberg-Lauchs erkennbar aus. Auch seine pflanzenbezogene Eigenschaft, nur wenig Energie in üppige Farben, Düfte, Blüten und ein auffälliges Erscheinungsbild zu lenken, dafür aber mit reichlich inhaltlichen Werten aufzuwarten, entsprechen dem Weinberg-Lauch in augenscheinlicher Weise. Das Leben erstarrende (saturnische) Muster, wie Unbeweglichkeit, Rheuma, Gicht, Unnachgiebigkeit, Halsstarrigkeit, demnach fehlende „Federung“, wird gern einer gewissen Altersstarre zugewiesen, sind aber immer einer Unbeweglichkeit des Bewusstseins zuzuordnen. Saturn verlangt Demut auf jedem Lebensgebiet und fordert uns auf, sich selbst mit einem prüfenden Blick zu inspizieren, zu konzentrieren, Selbstverantwortung zu übernehmen und Klarheit zu gewinnen. Zu einer Vermauerung der Seele führt es, wenn dieses lebenslängliche Erfordernis ignoriert wird. Vielleicht ist es das Aufrechte, das sich in die Höhe ragende, das einerseits Unbeugsame und anderseits doch geschmeidig-biegsame und bewegliche Erscheinungsbild des Weinberg-Lauchs, das uns genau diese Botschaft, diesen für viele Menschen so schwierigen Balanceakt, vermitteln will und soll. Seine dem Knoblauch gleichenden Inhaltsstoffe tragen zumindest allen Formen der Verhärtung etwas entgegenzusetzen.

Neptun, der Mystische, der Nebulöse, der zwischen Realität und Phantasie stehende, zeigt sich in der Welt der Pflanzen in violetten Farben, samtigen Strukturen und Oberflächen, besonders aber in allen Veilchengewächsen, zu denen alle lauchartigen ohnehin gehören. 

Dort, wo Saturn Verantwortung, Reife und Disziplin verlangt, zeigt Neptun, dass mit Hingabe und Liebe (gegenüber allen Lebewesen) gedient werden soll. Hierdurch werden zur Verhärtung führende Lebenseinstellungen ebenso, wenn nicht gar deutlicher angesprochen.

Aufrecht stehende und essbare Früchte tragende Pflanzen spiegeln u.a. jupiterische Eigenschaften wieder. Er ist der menschenfreundliche Herrscher, der mit Weitblick, Ehre und Verantwortung handelt. So wie sich die Brutzwiebeln tragenden Blüten des Weinberg-Lauchs über alle anderen Pflanzen erheben, könnte man durchaus eine Art Weitsicht vermuten. Um neue Verbreitungsgebiete zu erobern (was wiederum als eine Mars-Analogie gilt), muss man sich durchaus mit klarem Blick Übersicht verschaffen, neue Bereiche erkunden und selbst für Ausdehnung und Erweiterung sorgen. Dies sind typische Jupiter-Eigenschaften, dem die Leber (Speicher der Wut, Entgiftung) und das Bindegewebe (Beweglichkeit, Flexibilität) zugeordnet sind. Auch hier ist es, wie beim Knoblauch, das Allicin, welches im Organismus entgiftend, reinigend, desinfizierend, ausleitend - Alles in Allem -, befreiend wirkt! 

 

Jede Form der Krankheit - die Abwesenheit von Gesundheit - mag pathologische (Pathologie = „Die Lehre vom Leiden“) Gründe haben. So lernen wir es, so sind wir konstituiert und manifestieren unseren Glauben daran zunehmend. Oft schon definiert sich der Mensch über seine Krankheiten, weil es ihn scheinbar in einen besonderen Achtsamkeits-Status katapultiert und ihm somit Gehör und Aufmerksamkeit verliehen wird. Man möchte ja auch „Mitreden“ können und endlich dürfen! Scheinbar genügen rein menschliche Eigenschaften weniger zur eigenen Definition, zumal diese in einer zur Verurteilung neigenden Gesellschaft eher zur stigmatisierenden Schwächeauslegung geeignet sind. Diesen Prozess festigend und verstärkend wirkt besonders auch die immerwährende Konzentration auf das Negative. Sätze wie: „Es wird eh nicht besser!“, „Ich hab’s doch so kommen sehen!“, „Das nimmt kein gutes Ende!“ oder „Alles wird immer schlimmer!“ und „Früher war Alles besser!“ verheißt doch nur, dass wir keine positive Erwartungshaltung gegenüber unserer Zukunft annehmen. Letztlich programmieren wir so und durch ständige Wiederholung dessen unser Gehirn, einen Biocomputer. Dieser hat keine andere Wahl, als genau dieser Programmierung, also unserer Erwartungshaltung, zu folgen und unser Verhalten so zu steuern, dass sich diese selbst erwählte Prophezeiung erfüllt. 

Jede körperliche Ermangelung wurzelt zunächst in einem seelischen Ungleichgewicht. Diese Sprache der Unausgewogenheit nehmen wir durch Dauerbeschäftigung kaum bis gar nicht mehr wahr. Die Stimme unseres Egos ist laut, unüberhörbar und unterdrückt die zarten, bisweilen schüchternen Warnungen unserer Seele. Diese sieht keine andere Möglichkeit, als diese Themen auf physiologischer und/oder psychologischer Ebene Stück für Stück und immer deutlicher werdend zu manifestieren. Wir jedoch reagieren immer auf dieselbe Weise, indem dieser Misszustand repariert werden muss, um schnellstmöglich wieder die Norm erfüllen zu können und der gesellschaftlichen Erwartungshaltung hauptsächlich als Produktionsfaktor kuriert und energiegeladen zu erfüllen. Wir unterdrücken zwar nur bis zum nächsten Ausbruch, doch funktionieren wir zunächst wie erwünscht. Der Pfropfen im Krater wächst, der Druck steigt stetig und irgendwann, wenn das Maß voll ist, kommt es zu einem heftigen Ausbruch, von dem wir uns nur schwer erholen.

Ich finde es seltsam und befremdlich, dieses selbstvernichtende Verhalten stark verbreitet beobachten zu können, währenddessen jene, die diesen Weg bewusst nicht verfolgen, mit sonderlichen, abwertenden Titulierungen bezeichnet werden.

 

Alles ist in Allem enthalten und Alles ist in Allem zu finden. Unsere enge Beziehung zur und Abhängigkeit von der uns umgebenden Natur betrachte ich nicht nur auf der nüchternen Basis der Nahrungsgrundlage. Alle uns innewohnenden Eigenschaften werden augenscheinlich von der Pflanzenwelt gezeigt und gespiegelt. Allein durch deren Erscheinungsbild, deren Farben, Formen, Gerüche, Standorte und Zyklen können wir ableiten, wo wir Rank- oder Kletterhilfe finden, wie wir aufrecht stehen oder besser auf dem Boden bleiben sollten, wo wir uns anlehnen können, wie wir im Sturm standhalten, festen Stand gewinnen, wann wir nachgiebig oder unnachgiebig sein sollten, wann wir ruhen, wann wir wachen sollten. Wann wir uns zu zeigen erheben und unseres Selbst erfreuen. Hierzu gibt es unzählige Möglichkeiten und Wege, Analogien und Signaturen zu finden. 

Der Weinberg-Lauch hat mich daran erinnert, den Kopf aufrecht zu halten und meine Gedanken (Brutzwiebeln) zu streuen, ihnen Boden, Halt und Beständigkeit zu geben.

 

© Kay Weber 

 

Zypressenwolfsmilch (Euphorbia cyparissias)

"Achte mit Sorgfalt darauf, dass durch die Wechselhaftigkeit deiner Gedanken die grünende Kraft, die du von Gott hast, in dir nicht dürr wird." (H.v. Bingen)

Wenn im April unsere Wiesen, Wegränder und Kalkhänge noch recht karg und farblos sind, hebt sich die leuchtende Zypressen-Wolfsmilch mit ihren gelb-grünen Blütenständen zwischen den trockenen Halmen der Gräser und Wiesenpflanzen des Vorjahres mutig hervor. Deutlich kündigt sie die allmählich immer höherstehende und mehr und mehr wärmende Sonne an. Selbst auf kargen und trockenen, besonders jedoch sich selbst überlassenen Böden, gedeiht sie prächtig. Doch nur kurz macht sie ihre Aufwartung, denn die sich immer mehr regende Vegetation überdeckt (beschützt/versteckt?) sie bald. Nur an Standorten, welche für andere Pflanzen unmöglich zu besiedeln sind, bewahrt sie ihre Dominanz einige Wochen länger. Für viele Insekten, besonders für Wildbienen, ist sie ein willkommener Nektarspender. Äußerst wichtig jedoch ist sie für den Bestand des stark gefährdeten Wolfsmilchschwärmers. Für seine Raupen stellt sie die wichtigste Nahrungsquelle dar. Als xerophytische Wanderpflanze findet die Zypressen-Wolfsmilch in unserer intensiv bewirtschafteten Kulturlandschaft immer weniger geeignete Standorte. In unserem Hortus gedieh diese mutige und zähe Pflanze außerordentlich prächtig und machte ihrem Namen als „Wurzelkriechpionier“ (bis zu 60 cm Wurzellänge bei 10 bis 30 cm Wuchshöhe) alle Ehre. Besonders an den kalkig-trockenen und der Kraft der vollen Sonne ausgelieferten südlich gelegenen Hängen bewies sie ein unglaubliches Stehvermögen und wuchs auch in regenarmen Zeiten zu stattlicher Größe heran. Leider hat sich der Wolfsmilchschwärmer hierdurch nicht anlocken lassen; vielleicht wohl auch, weil die vier Jahre im Hortus Viridis Mons zu wenige gewesen sind.

Namensgebend für diese Pflanze ist ihr gummiartiger Milchsaft, dem eine außerordentliche Giftigkeit nachgesagt wird. Die frühere Verabreichung der frischen Pflanze als Brech- und Abführmittel hat zu Vergiftungen geführt. Daher wird sowohl von dieser Anwendung als auch der zur Behandlung von Warzen abgeraten.

Die Milch (oder auch dem Harz), welche in Nordwest-Afrika auch aus weiteren sukkulenten Wolfsmilcharten als Arzneimittel gewonnen wird, widmete (nach Plinius) der hochgebildete König Juba II. von Mauretanien seinem Leibarzt Euphorbos. Diese wohl recht stimmige etymologische Deutung gilt als weniger irreführend, als die Anlehnung an das griechische euphorbia.  Diese bedeutet „gute Nahrung“ und wird in Fachkreisen abgelehnt.

 

Im Mittelalter wurde zu vielerlei Pflanzen ein Hexen- oder Teufelsbezug hergestellt. Hierbei handelt es sich um Pflanzen, mit einem auffälligen Aussehen oder eigenartigen Pflanzenteilen. So wie die wie abgebissen wirkende Wurzel des Teufelsabbisses namensgebend für diesen war, wurde aus dem Milchsaft der Zypressen-Wolfsmilch die „Hexenmilch“ (die vornehmlich dem eigenen Wundverschluss und Fraßschutz dienlich ist). Auch der Bezug zum „Wolf“ im Namen der Wolfsmilch lässt darauf schließen, dass die Beziehung zu diesem Tier mehr als außerordentlich gestört war, was gerade heute wieder deutlich hervortritt und eine wirkliche Beschäftigung mit der Materie vermissen lässt. Befasst man sich einmal intensiv mit dem Vorhandensein des Wolfes und der damit verbundenen Auswirkung auf den zunehmenden Artenreichtum in seinem Habitat, wird man feststellen, dass die Zypressen-Wolfsmilch als wichtiges Bindeglied für den Artenreichtum ebenso völlig unterschätzt wird.

 

Prinzipiell gelten alle Pflanzenteile durch den Milchsaft für den Menschen als stark giftig, Weidevieh meidet die Pflanze instinktiv und auch getrocknet im Heu verliert sich diese Wirkung nicht. Doch muss ja nicht Alles für Jeden gedacht sein. Jede Pflanze hat sich ganz bewusst und spezifisch auf einen oder wenige Nutzer eingestimmt; und dem Menschen ist diese Eigenschaft sicher nicht fremd.

Gottlob wird mittlerweile jedoch die Zypressen-Wolfsmilch, neben anderen Wolfsmilch-Arten, auch als Zier- und Gartenpflanze selbst von gängigen Gartenbaumärkten angeboten. Dies sogar mit dem Hinweis, welch wichtiges Bindeglied diese Pflanze für die heimische Tier- und Insektenwelt darstellt.

 

Grundsätzlich sollte man, wie allen Geschöpfen, dieser Pflanze mit Respekt begegnen und darauf achten, Haut- oder gar Augenkontakt mit dem Milchsaft zu meiden. Daher ist anzuraten, auf Fertigpräparate aus Profihand zurückzugreifen, wenn die Anwendung der Pflanze notwendig wird. 

Zahlreiche Naturvölker und auch die deutsche Volksheilkunde kennen Euphorbia allerdings als traditionelles Heilkraut, das gerne bei Nasennebenhöhlenentzündung (Sinusitis), Heuschnupfen, Verstopfung, Hautausschlag, Hühneraugen oder Ekzemen zum Einsatz kommt. Auch bei der Haarentfernung soll der Milchsaft der Euphorbia gute Dienste leisten. Daneben diente die Pflanze im Altertum als Mittel zum Abbruch einer Schwangerschaft. Dies endete jedoch nicht selten in heftigen Vergiftungen, die mitunter sogar tödlich für allzu wagemutige Frauen endeten.

Den ungefährlichen Anteil im Milchsaft bilden die Bitterstoffe, welche grundsätzlich die Verdauung fördern, indem sie dafür sorgen, dass alle an der Verdauung beteiligten Organe, insbesondere die Leber, besser durchblutet werden. Auf diese Weise wird zum einen der Verdauungsprozess (Darmperistaltik) an sich stimuliert, zum anderen wirkt die verbesserte Durchblutung appetit- und speichelanregend sowie magen- und gallensaftfördernd. Weiterhin wirken die Bitterstoffe entzündungshemmend, antibakteriell, immunstärkend und krampflindernd. 

Bitterstoffe wirken allgemein bei Verstopfung, Magenkoliken, (Brech-) Durchfall, bei Würmern, Warzen, Hühneraugen, Geschwüren, Ekzemen und Entzündungskrankheiten. Aus unseren Lebensmitteln jedoch (Leben und Mitte) sind Bitterstoffe aufgrund besserer Verkaufsfähigkeit weitgehend heraus gezüchtet worden. Besonders deutlich wird dies beim Salat (Lattich) oder der Gurke bzw. Zucchini (Kürbisgewächse), die heute, wenn sie bitter schmecken, schnell als ungenießbar oder gar giftig hingestellt werden. Wie wichtig Bitterstoffe für die Anregung des gesamten endokrinen Systems unseres Körpers wirklich sind, stellen die traditionelle chinesische Medizin (TCM), das Ayurveda, die Klostermedizin und die Naturheilkunde sehr gut dar.

 

„Medizin muss bitter schmecken, sonst nützt sie nix!“, sagte Professor Schnauz in der Feuerzangenbowle. „Was bitter im Mund, macht den Mensch (das Herz, den Bauch, den Darm) gesund!", heißt es da in Bezug auf Wermuttee. Oder auch: „Bitter im Mund, dem Magen gesund!“, meinte Schneider Böck, nachdem er von Max und Moritz` Streichen Magendrücken bekam. Allesamt weisen diese Sprüche einen direkten Bezug zu Herz und Verdauungstrakt auf. Interessant hierbei ist, dass in der TCM die Geschmacksausrichtung bitter dem Element Feuer zugeordnet ist, was dem Organpaar Herz und Dünndarm entspricht. Im Herz wohnt das Feuer des Lebens, im Darm das Feuer der Zersetzung (im positiven Sinne von Aufteilung, Aufschlüsselung und Verwertung). 

„Was am Anfang bitter, ist am Ende süß!“, heißt es im Ayurveda.  Durch Bitterstoffe können Würmer in den Verdauungsorganen getötet, Giftstoffe ausgeschieden und Störungen des Kapha (stabilisierendes und erhaltendes Prinzip, Wasser und Erde) und Pitta (Energieprinzip, Feuer) ausgeglichen werden. Auch die wunderbare Hildegard von Bingen erkannte, dass Bitterstoffe eine wohltuende Wirkung auf Körper und Geist haben. Aristoteles bemerkte, dass die Wurzeln der Bildung bitter, ihre Früchte aber süß sind. Und auch die hiesige Naturheilkunde wartet mit einer Vielzahl „bitterer“ Erkenntnisse nicht erst seit dem Bekanntwerden des Schwedenbitter auf. 

Übrigens fand man im Jahre 2011 im Rahmen einer australischer Studie heraus, dass der bittere Milchsaft von Euphorbia gut gegen den weißen Hautkrebs wirkt.

 

Ganz deutlich signiert sich der Planet Jupiter, der menschenfreundliche Herrscher und das hellste Licht am Nachthimmel, im Erscheinungsbild der Euphorbia. Organisch entspricht Jupiter der Leber, und diese reagiert auf Bitterstoffe mit Freude, Vitalität und der Fähigkeit, Ärger wirklich ausdrücken zu können und nicht „speichern“ zu müssen. Jupiter fördert die Gestaltungskraft und das stetig Aufbauende, reguliert die Reife des Menschen und den Blutstrom. Und was macht die Leber denn anderes, als die Stoffwechselbestandteile nach den Bedürfnissen des Organismus aufzubauen und gezielt in ihm zu verteilen? 

Am Ende der Blütezeit nehmen die Blütenstände eine kräftig-orangene, fast kupferrote Färbung an, was die Signatur des Mars vermuten lässt. Mars, der Planet des Kampfes, der auflöst, zersetzt und reinigt, steht für Willenskraft und zielgerichtete Energie. Zudem symbolisiert er das Männliche und ihm wird die Galle (Verdauung, Aufteilung, Zerlegung) zugewiesen. Scharfe, bitter schmeckende und giftige Pflanzen entsprechen ihm. Auch die stabilen und strukturierten Halme der Euphorbia erinnern eher an seinen Sinn für Ordnung und Struktur. 

Wie wir wissen, können wir uns in der äußeren Welt nur wehren, wenn wir körperlich (und geistig) gut konstituiert sind. Innerlich bedarf es hierfür eines gut aufgestellten Immunsystems, welches nur durch einen gesunden Darm ermöglicht werden kann. Auch dieses wird durch Mars symbolisiert. Der direkte Bezug zu Bitterstoffen, einer guten Verdauung und einem wachsamen Immunsystem ist durch die planetaren Signaturen recht offensichtlich abzuleiten. 

 

Betrachten wir es streng astrologisch, ist Mars der einzige Planet, dem Jupiter nicht wohlgesonnen ist. Jupiter steht allen anderen Planeten freundlich gegenüber; Mars hingegen nur Venus. Diese Gegensätzlichkeit drückt sich in Euphorbia besonders in der marsianischen Giftigkeit und dem jupiterischen Wohlwollen ganz besonders intensiv aus. Und sind es nicht die Gegensätze, ist es nicht der Konflikt, der Streit oder das Gewitter, denen gemein ist, eine reinigende Wirkung zu haben? 

 

© Kay Weber

Stinkende Nieswurz (Helleborus foetidus)

"Der Mensch kann mit Leib und Seele wunderbare Dinge bewirken." (H.v. Bingen)

Sagen und Legenden ranken sich um diese Pflanze, welche bei uns im ausgeheneden Winter so herrlich blüht. So soll die Blume ein von der germanischen Göttin Freja verzaubertes Mädchen sein, das von seiner bösen Tante im Winter bei Nacht und Kälte hinaus gejagt wurde. 

In der Antike wurde ein Wurzelabsud der schwarzen Nieswurz in Wein gegen Geisteskrankheiten eingesetzt. Herakles selbst soll von einem Wahnsinnsanfall so geheilt worden sein. In Rom sagte man: „Helleborus opus habet!“ (Er braucht Nieswurz) von einem geistig nicht ganz normalen Menschen.

Fürwahr, zur Wintersonnenwende, und wenn es nicht zu kalt und die Sonne an ihrem Tiefpunkt angelangt ist, öffnen sich zögerlich die Blüten der Nieswurz. Mit leicht grünlich-weißen Blütenblätter und einem honigsüßen Duft lockt sie die noch wenig vorhandenen Insekten an. Sie ist, trotz ihrer Giftigkeit (wie viele Pflanzen, die sich gegen den Sonnenrhythmus auflehnen), eine der wichtigsten Heil- und Initiationspflanzen. Heilmittel oder Gift ist, wie bekannt, von der Dosis abhängig. 

Paracelsus bereitete aus den getrockneten Blättern der Nieswurz ein „Elixier zum langen Leben“, das seinerzeit sehr beliebt war. Mancherorts hieß es, dass es genüge die schwarze Nieswurz bei sich zu tragen, um ein hohes Alter zu erreichen. Beim Menschen konnte der „Schelm“, der Krankheitsgeist, der sich im Körper versteckt, mit der Nieswurz ausgetrieben, herausgeschwitzt, herausgebrochen, abgeführt oder herausgenießt werden. Neben den Kelten erkannten die Völker des Mittelmeerraumes die reinigende Wirkung, sowohl um Krankheiten auszutreiben, aber auch nicht wohlgesonnene Astralwesen abzuwehren.

Im Mittelalter wurde Nieswurzpulver auch gegen Apoplex (Schlaganfall) angewendet. Wenn ein Patient niest, dann sei er die folgenden 24 Stunden vor einem weiteren Anfall sicher. Der Moment des Niesens (so auch Gähnen oder Rülpsen) war für die Kelten ein magischer Moment. Der Moment des Übergangs, des Sich-öffnens. Wer niest, ist nach keltischem Glauben der Gefahr ausgesetzt, von Feen verschleppt zu werden. Dieser Moment muss durch einen Segenspruch oder ein Machtwort wie z.B. „Gesundheit“, Gotthelf“, Helf dir Gott“ oder „Bless you“ geschützt werden.

Die schwarze Nieswurz, so Paracelsus, „…entfernt aus dem Leib, was nicht in ihm sein soll.“ Menstrualblut, Würmer, tote Leibesfrucht und Krankheitsstoffe. Die Wurzel hat die Macht, Gicht, Fallsucht (Epilepsie), den Schlag und Wassersucht zu vertreiben. 

Die kosmische Signatur der Nieswurz gehört dem Saturn. Er ist der langsamste sichtbare Planet, er hinkt als Greis hinterher, der kalte graue Winter entspricht ihm – die Zeit, in der die Nieswurz blüht. Saturn bringt Weisheit, Nüchternheit und Abgeklärtheit, aber auch Melancholie, Alterstarre, Gicht, Schwerhörigkeit und Verstopfung. Er fördert den Bewusstwerdungsprozess, das Konzentrationsvermögen und gilt als kosmischer Kontrolleur. Als Tierkreiszeichen wird ihm der Steinbock zugeordnet, jenes Sternzeichen, in dem die Sonne aus ihrem tiefsten Stand heraus langsam beginnt, wieder aufzusteigen. 

„Mehr Tugend und mehr Kraft ist in diesem Kraut“ schreibt Paracelsus, und fügt hinzu: „Ein Arzt, der diese Pflanze anzuwenden weiß, der hat Kunst genug!“

© Kay Weber

Küchenzwiebel (Allium cepa)

"Jede Krankheit ist heilbar - aber nicht jeder Patient." (H.v. Bingen)

„Es ist das Weib ein süßes Übel,

ein leichtes und ein schweres Joch.

Es kommt mir vor wie eine Zwiebel,

man weint dabei und isst sie doch!“

 

Die Küchenzwiebel gilt seit alters her als vorzügliches Aphrodisiakum. Mit dem Begriff „Zwibolle“ wurde einst der paarige Männerhoden bezeichnet. Auch Vergleiche, dass die Zwiebel wie ein Fräulein sei, welches einem zum Weinen brächte, wenn man ihm das Röcklein auszöge, deuten auf ihre vermuteten oder auch tatsächlichen Eigenschaften hin. 

Klar jedoch ist, dass wir, neben dem Einsatz als Gemüse oder Kochzutat, selbst unzählige Anwendungsbereiche für die Küchenzwiebel kennen. Ihre tatsächliche Herkunft ist unklar; man vermutet ihre ursprüngliche Heimat in den Steppen Innerasiens. Schon im alten Ägypten galt die Zwiebel neben dem Knoblauch als Volksnahrung. Herodot berichtete, dass beim Bau der CheopsPyramide 1600 Talente Silber für Rettich, Zwiebeln und Knoblauch als Nahrung für die Arbeiter ausgegeben wurden. Plinius erzählt, dass bei den Ägyptern Zwiebelgewächse in so hohem Ansehen standen, dass man sie sogar beim Schworen anrief. Homer beschreibt in der Ilias die Festtafel, die im Auftrag Nestors für die Gäste bereitet wird; in ihrer Mitte habe ein Korb mit „trunkeinladenden Zwiebeln“ gestanden. Später, nachdem die Römer die Zwiebel den germanischen Völkern brachte, wurde aus „cepula“ die „Zwibolle“ und später die „Zwiebel“ selbst. 

Die heutigen Kräuterbücher sind voll des Lobes über die Küchenzwiebel und sie wird neben ihrer aphrodisierenden Wirkung für vielerlei Leiden empfohlen. In vielfältigen Zubereitungsformen findet sie Anwendung bei Appetitlosigkeit, zur Vorbeugung altersbedingter Gefäveränderungen, gegen Erkältung und bei Husten, Beschwerden im Magen-Darm-Trakt, gegen Flechten, Haarausfall und Hühneraugen, bei Ohrenschmerzen, Fließschnupfen, Bronchitis und Asthma. Alles in Allem wirkt ihr Lauchöl Allicin (Thiropropanalsulfoxid) als die Säfte in Bewegung bringend, was an dem tränenauslösenden Prozess deutlich wird. 

In der Phytotherapie zählt die herzberuhigende Zwiebel zu den mite-Mitteln. Das sind jene schwach wirksame Heilpflanzen, die langfristig regulativ wirken und sich zur Vorbeugung von Krankheiten wie auch zur Behandlung von chronischen Leiden und zur Rehabilitation eignen. Sie können gefahrlos eingesetzt werden, da sie nicht toxisch sind und kaum Nebenwirkungen haben. Bei den Wirkstoffen handelt es sich hierbei meist um komplexe Naturstoffmischungen, die in ihrer natürlichen Belassenheit bestens wirken und synthetisch nicht nachgeahmt werden können.

In ihrer süßlich-scharfen Geschmacksausrichtung mag der dafür Grund liegen, weshalb die Zwiebel in unzähligen kalten und warmen Speisen und Gerichten als Zutat zu finden ist. Doch wird ein weiterer Grund wohl der sein, dass unsere Nahrungsmittel auch unsere Heilmittel sein sollen, ein guter Koch immer ein guter Arzt ist und der Begriff Gastronomie als „Vorschrift zur Pflege des Bauches“ zu verstehen ist. 

Hildegard von Bingen empfiehlt die Zwiebel "für solche die an Schüttelfrösten leiden oder Fieber oder Gicht haben, ist sie gekocht (besonders) gut." Und im Jahre 1834 schreibt Karl Sigismund Kunth über die Zwiebel: "Sie wirkt …antiscorbutisch, harn- und wurmtreibend, äußerlich aufgelegt rötet sie die Haut.“ Heute wird ihr noch einiges mehr an Kräften zugeschrieben. Besonders über ihre schleimlösende Wirkung scheint damals wenig bekannt gewesen zu sein.

 

Für Gemüsegärtner ist es wichtig zu wissen, dass sich Zwiebeln mit Bohnen, Erbsen und Rettich in ihrer Nähe ungünstig entwickeln. Förderlich auf ihr Gedeihen wirken sich rote Bete, Erdbeeren, Tomaten, Salat und Schirmblütler und Doldengewächse aus. Auch zählt die Zwiebel als Schwachzehrer, daher kann sie in der Fruchtfolge auch als Letzte gesetzt werden. Hierfür sollte der Boden zuvor eine leichte Düngung mit gut ausgereiftem Kompost erfahren. Fruchtfolgen sind wichtig, denn Pflanzen, die zur gleichen Familie gehören, beanspruchen den Boden einseitig. Die Fruchtfolge hilft, die Bodenqualität zu erhalten, sie mindert die Vermehrung von Krankheitserregern und Schädlingen und reduziert die Anhäufung von einseitigen Wurzelausscheidungen, die oft eine wachstumshemmende Wirkung haben (Storl; Der Selbstversorger).

 

In der planetarischen Signaturenlehre möchte ich die Zwiebel hauptsächlich der Sonne zuordnen. Sie fördert das Gefühl für die eigene Mitte, für das Magische und Transzendentale, was die Indikationen bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Vitalitäts- und Abwehrschwäche zu erklären vermögen. Auch einige Eigenschaften des Neptun finden sich in ihr. Der Planet der Mystik, des nebulösen, des Glaubens und der Hingaben, der göttlichen Liebe, der Grenzen zwischen Realität und Phantasie zeigt sich in der Zwiebel, der Frucht, an der sich (ähnlich wie beim Knoblauch) die Geister scheiden. Er fördert die Intuition, das Unbewusste und steigert die Traumwelt. Deutlich hervor tritt in der Zwiebel auch der Mond, jener, der alle höheren Kräfte an die irdische Ebene weiterleitet. Er steht für das passive, fließende Prinzip, welches der Zwiebel in ihrer Stimulation sexueller Energie und der Förderung der erotischen Kommunikation ebenso obliegt. 

 

Wie die Schichten der Zwiebel ihren Kern umhüllen, ist für Philosophen und Wissenschaftler seit jeher ein anregendes Bild gewesen. Ludwig Tieck liefert in seinen "Schriften" eine eindrucksvolle Beschreibung der Funktionsweise des menschlichen Verstandes. Dabei bedient er sich der Zwiebel:

"Was ist denn aber am Ende der menschliche Verstand? …Ia, das können wir mit unserm eigenen Verstande nicht leicht begreifen; aber er hat gewiß, wie eine Zwiebel, eine Menge von Häuten; jede dieser Haute wird auch Verstand genannt, und der letzte, inwendige Kern ist der eigentliche beste Verstand. Recht verständig sind nun also die Menschen, die ihren zwiebelartigen Verstand durch lange Übung so abgerichtet haben, daß sie jeden Gedanken, nicht nur mit den äußern Häuten, sondern auch mit dem innern Kerne denken. Bei den meisten Leuten aber, wenn sie auch die Hände vor dem Kopf halten, ist nur die oberste Haut in einiger Bewegung, und sie wissen es gar nicht einmal, daß sie noch mehrere Arten von Verstand haben, und so ist Bruder Anton. Agnes. Ha ha ha! das ist lustig! Zwiebel und Verstand, das ist eine artige Vorstellung."

Auch Bettina von Arnim benutzt in ihren Briefen "An die Günderode" das Bild der Zwiebel, um den menschlichen Geist zu beschreiben:

"Erdenleben ist Mutterhülle der geistigen Jugend, mag sie uns schützen, wie die Zwiebel den Keim des Narzissus schützt, bis sie im Spiegel ihr eignes Ideal erkennt."

 

© Kay Weber

 

Rote Bete (Beta vulgaris) und Ringelbete (Tonda di Chioggia)

"Von der Tiefe bis hoch zu den Sternen durchflutet Liebe das All." (H.v. Bingen)

Neben all den positiven Wirkungen auf den Menschen, die wissenschaftlich nachgewiesen sind, heißt es im Volksmund, dass Schwache durch eine Mahlzeit mit der roten Rübe an Kraft gewönnen und Schüchterne plötzlich mutig würden. Tatsächlich entzieht die rote Bete in ihrem Eigensinn der Erde sehr viele Nährstoffe, vor allem jedoch Silizium. Sie bietet es in einer Kombination mit anderen Nährstoffen an, die einzigartig ist. Das Silizium aus der roten Bete kräftigt Bindegewebe und Haut, Gefäßwände und Knochen, fördert das Zellwachstum, sorgt für mehr Magensäure (zu wenig davon ist nämlich ein allgegenwärtiges Problem), aktiviert die Produktion roter Blutkörperchen und es entgiftet unser Gehirn von Metallen wie Aluminium (!!!). Das Glücksgefühle, Optimismus und Euphorie der Folsäure zu verdanken ist, die die Produktion von Adrenalin und Noradrenalin stimuliert, mag gut zu wissen sein, doch entzaubert das Zerlegen in Einzelbestandteile das Wesen einer jeden Pflanze. Je mehr wir geneigt sind, die Dinge zu zerlegen, desto weniger werden wir sie verstehen. Ob Folsäure in extrahierter und alleiniger Darreichungsform wohl genau so wirken mag? Oder sind es letztlich doch die Bildekräfte der Natur, der Erde, der kosmischen Zyklen, die uns wohl gesonnen sind?

Es gibt unzählig viel Literatur, die sich mit den Wirkspektren der einzelnen Inhaltsstoffe eines Gemüse befassen. „Jugend zum Nulltarif!“ heißt es da, „Vital- und Verjüngungskur“ oder „Wirkstoffbombe“. Sicher mag das auf sämtliche Kost zutreffen, sofern sie tatsächlich auch naturbelassen ist. Das Zerlegen, katalogisieren und kategorisieren der einzelnen Inhaltsstoffe verkompliziert unsere Ernährung oft unnötig und lässt das Wunder des Entstehens gänzlich außen vor. 

 

Wer selbst im eigenen Garten Gemüse anbaut, das Beet bestellt, mulcht, aussät, pikiert, pflanzt, jätet, hackt, gießt, pflegt, beobachtet und geduldig wartet und erntet, wird sich selbst als Teil dieses Werde-Prozesses erleben und seinen rote-Bete-Salat mit viel mehr Hingabe, Dankbarkeit und Genuss verzehren, als gekaufte eingelegte rote Bete aus dem Glas (obwohl konservierte Gemüse viel besser sind als ihr Ruf). 

Nicht immer gedeihen die Gemüse im Acker so wie der naturnahe Gärtner es sich wünscht. Die Jahreszeiten sind in ihrer Qualität nicht berechenbar, manche Lagen und Böden schwierig oder für das jeweilige Vorhaben wenig geeignet. Auch hierfür gibt es viele Regeln, Ratschläge und Hinweise. Ob wir nun nach dem Mond gärtnern, die Fruchtfolge auf Grundlage der Nährstoffbeanspruchung, der Elemente und Pflanzenorgane oder nach Pflanzenfamilien beachten, Regeln der Permakultur beachten, unser Saatgut selbst ziehen wollen - es gibt viele Möglichkeiten zum Erfolg zu gelangen. Eines jedoch verbindet sie alle; sich Zeit nehmen, beobachten, Schlüsse ziehen, wieder beobachten und so Jahr für Jahr neu dazu lernen. Jeder Garten lenkt seinen Gärtner, der am Ende stolz auf das ist, was er geschaffen haben mag. Doch sind es eben die nicht sichtbaren, die nur schwer wahrnehmbaren Kräfte, die uns in fürsorglicher Stille an die Hand nehmen und führen. 

 

Tom Robbins, US-amerikanischer Schriftsteller, beginnt in seinem Roman „Jitterbug Perfume“ mit folgenden Worten: „Bei unserer Geburt sind wir rotbäckig, rund, intensiv, rein. Das rote Feuer des universellen Bewusstseins brennt hell in uns. Allmählich jedoch werden wir von unseren Eltern verspeist, von Schulen geschluckt, von Freunden zerkaut, von gesellschaftlichen Institutionen aufgefressen, von schlechten Angewohnheiten verschlungen und vom Alter angenagt; und wenn wir (…) sorgfältig verdaut sind, bleibt uns nichts weiter als ein einziger abscheulicher Braunton. Die Lektion, die uns die rote Bete lehrt, ist also diese: Haltet fest an eurem göttlichen Erröten, an dem euch innewohnenden rosigen Zauber, andernfalls werdet ihr braun. Wenn ihr erst mal braun seid, werdet ihr feststellen, dass ihr eigentlich blau seid. So blau wie das Meer. Und ihr wisst, was das heißt: Meer. Weniger. Nichts.“

 

Wenn ich sage, dass die rote Bete Blut bildet, werde ich gern belächelt, weil der rote Farbstoff den Körper so wieder verlässt, wie er in ihn gelangt ist. Ähnliche Behauptungen finden sich bei den Griechen und Römern, bei Dioskurides, Galen oder Plinius. Mittlerweile wird rote-Bete-Saft tatsächlich als Begleittherapie bei vielen, auch gezielt bei ernsthaften Erkrankungen eingesetzt. Auch der volksmedizinische Rat an werdende Mütter, viel rote Bete zu essen, ist nicht abwegig. Auf jeden Fall sollte man die rote Bete der Supplementierung mit Folsäure bevorzugen. Es versteht sich jedoch von selbst, dass die Herkunft der roten Bete biologisch unbedenklich sein sollte, ohne Nitratdüngung und aus voller Sonnenlage. In meinem Garten wuchs die rote Bete beispielsweise in voller Sonnenlage und so gediehen prachtvolle Knollen zu erstaunlicher Größe heran. Der erdige Geschmack, vom Silizium herrührend, stört mich dabei keineswegs. Oft fühle ich mich nach dem Genuss wieder auf den Boden der Tatsachen zurück geführt. Eine überbordende Astralität findet mit roter Bete wieder zu mehr Erdverbundenheit, sagt man. 

 

In der traditionellen chinesischen Medizin (TCM) wird die rote Bete zunächst dem Erd-Element, also dem Milz-Magen-Prinzip zugeordnet, welches sich im Geschmack süß und einer neutralen Temperatur äußert. Alle roten Nahrungsmittel werden in der TCM der Blutbildung zugeordnet. Aus Sicht der TCM nährt die rote Bete das Blut und das YIN, wirkt absenkend und ausleitend, sowie überschüssige Feuchtigkeit auflösend und ableitend. Ein bitteres Prinzip wohnt ihr auch inne, was dem Herz-Dünndarm-Prinzip entspricht, denn ein Blut-YIN-Mangel hat immer ein aufsteigendes Leber-YANG zur Folge, was zu einer das Herz belastenden Hypertonie führen kann. Die dann im Herzen geringer werdende Energie wird durch den Dünndarm kompensiert (Herz-Dünndarm). Solche Systeme werden in der modernen Medizin gern weg ignoriert und es wird der Darm behandelt, das ursächliche Milz-Magen-Prinzip bleibt unerkannt. Auch erinnere ich mich an die Regel, dass die Leber die Blutgefäße und die Milz die Qualität des Blutes kontrolliert, wobei die rote Bete immer als eines der Schlüsselgemüse genannt wurde. Im indischen Ayurveda wie in der traditionellen europäischen Volksmedizin steht die rote Bete ebenfalls in einem sehr guten Ruf als Blut bildendes Mittel.  Prinzipiell liegen die europäische Volksmedizin, das Ayurveda und die TCM in Ernährungs- und medizinischen Fragen nicht weit auseinander, sie unterscheiden sich nur in ihrer Art der Aufteilung, die auf die unterschiedlichen klimatischen, heliochronologischen, vegetativen und kulturellen Unterschiede zurück zu führen sind. Die Naturbeobachtungen und Rückschlüsse als solche selbst sind überraschend identisch. 

 

Planetarisch wird die rote Bete mal dem Mars (aufgrund des roten Farbe), mal dem Saturn (mineralische Natur) zugeordnet. Gierig saugt sie Calcium, Magnesium, Eisen, Kupfer, Schwefel, Jod, Bor, Lithium, Strontium, Chlor, Rubidium und Caesium in sich auf. Dafür verschenkt sie wenig Energie in ihr Blütenwachstum, das als winzig, unscheinbar, farb- und geruchlos beschrieben werden kann, was eine deutlich saturnische Sprache spricht (siehe Beifuß oder Salomonsiegel). 

Saturn wird gern nachgesagt, unjugendlich bis jugendfeindlich, machtgierig und herrschsüchtig zu sein. Dies lässt sich bei der roten Bete als „Verjüngungs-Gemüse“ nicht behaupten. Auch ihr Verhalten im Gemüsebeet lässt nicht darauf schließen, dass sie die Macht ergreifen würde und ihr Umfeld beherrschen wolle, pflegt sie doch eine durchaus gutmütige Pflanzensoziologie. Dem saturnischen Charakter genügt scheinbar die rein mineralische Prägung. 

Auch eine deutliche Mars-Analogie kann ich, außer in dem blutroten Saft, nicht erkennen. Weder im Habitus der Pflanze selbst noch in ihrem Verhalten. Über die leberfreundliche Gesinnung der roten Bete und ihrer Wirkung, dass Bindegewebe zu stärken, findet sich auch Jupiter. Gegenüber ihm ist Saturn eher freundlich gestimmt, mit Mars kommt er nicht ganz so gut aus. Vielleicht sind es genau diese Kräfteverhältnisse, die es der roten Bete ermöglichen, genau so perfekt zu erscheinen, wie sie ist. 

 

Nun gibt es noch eine Unmenge an verführerischen Zubereitungsmöglichkeiten, in die ich mich als altgedienter Koch, Ausbilder, Dozent und Prüfer für diesen Beruf ausschweifend vertiefen könnte, wenn ich wollte. Eines habe ich nach vielem probieren und experimentieren gelernt; die Natur hat es im Grunde schon perfekt gemacht, und diese Perfektion zu bewahren, ist der Schlüssel der hohen Kochkunst. Wer aber etwas ausprobieren möchte, soll rote Bete mit Meerrettich und Preiselbeeren, gern auch in Verbindung mit Kürbis (übrigens auch Milz-Magen) versuchen. Ob als kaltes oder warmes Gericht, ist hier egal. Rote Bete verträgt sich auch sehr gut mit reichlich frisch gemahlenem Pfeffer oder frisch gestoßenem Kümmel oder gerösteten Fenchelsamen (ich sag ja, ganz einfach). Besonders empfehlenswert ist es jedoch, hauchdünne rohe Scheiben der roten Bete großzügig in gemahlenem Zimt zu wälzen, abzuklopfen und in Butterschmalz oder einem guten Öl zu braten oder zu frittieren. Sie werden beim Essen das Gefühl haben, neben einem Stapel frisch bei Regen geschlagenem Holz zu stehen und daran zu riechen. Diese Kombination eignet sich sehr gut zu kurzgebratenen Fisch- oder Wild- wie auch Wildgeflügelgerichten. 

 

© Kay Weber

Ginkgo (Ginkgo biloba)

"...siehst du nicht an meinen Augen, dass ich eins und doppelt bin?" (J.W.v. Goethe)

Der Ginkgo ist eine der ältesten lebenden Pflanzenarten, ihn gibt es seit 200 Millionen Jahren und er zählt zu den nacktsamigen Blütenpflanzen; nicht aber zu den Laub- oder Nadelgehölzen. „Ginkgobaum“ bedeutet so viel wie „Silberaprikose“, widerspricht aber den sprachlichen Verhältnissen seines Herkunftgebietes China und Japan. Dort, in Japan, wo Kaempfer dem Ginkgo 1690 zuerst begegnete, heißt dieser selbst „icho“. Seine pflaumenähnlichen, von gelbwerdendem, süßem Fleisch und einer harten Samenschale umgebenen Samen mit ölhaltigem, essbarem Kern werden dagegen „ginnán“ genannt. „Ginko“ selbst bedeutet Bank, Geldinstitut oder auch Silbermine. Der Weg des Namens eröffnet sich wohl aus dem chinesischen „ganguo“, was Frucht/Obst bedeutet. 

Ginkgos sind zweihäusig, es gibt also weibliche und männliche Bäume. Daher ist es notwendig, beide Geschlechter in entsprechender Nähe zu pflanzen, wenn man die Früchte ernten möchte. Im Bad Kreuznacher Kurpark steht ein Ginkgo-Paar, das regelmäßig im Herbst fruchtet. Die am Boden liegenden Früchte verbreiten wochenlang einen penetranten Gestank nach ranziger Butter. Die Geschlechtsidentifikation des Ginkgos ist selbst erfahrenen Gärtner und Baumschulen erst nach einigen Jahrzehnten möglich, wenn der Baum erstmalig blüht. In thüringischen und sächsischen Städten ist der Ginkgo weit verbreitet; zu empfehlen ist Ginkgo-Fans das Archiv zur Kulturgeschichte des Gingko in Jena.

Maßgeblich zur Popularität des Baumes trug Goethes Gedicht „Ginkgo biloba“ aus dem Jahre 1815 bei, welches er in einem Brief an Rosine Städel, schickte. Beigefügt waren diesem Brief einige Gingko-Blätter:

Dieses Baumes Blatt, der, von Osten meinem Garten anvertraut, gibt geheimen Sinn zu kosten, wie´s den Wissenden erbaut. Ist es ein lebendig Wesen, das sich in sich selbst getrennt? Sind es zwei, die sich erlesen, dass man sie als eines kennt? Solche Fragen zu erwidern, fand ich wohl den rechten Sinn. Fühlst du nicht an meinen Lidern, dass ich eins und doppelt bin?

Seine fächerförmigen, oft zweilappigen und parallelnervigen Blättern ist viel zu entnehmen, was Goethe wohl auch zu seinem Gedicht inspirierte. In der ostasiatischen Heimat steht der Ginkgo für das duale Prinzip des Yin und Yang, des weiblichen und männlichen, der Freude und des Leids, der Stärke und der Schwäche. In der organischen Entsprechung kann man sowohl eine Zuordnung für das Herz, das Gehirn, die Lungen, aber auch für die Nieren aus den Blättern lesen. Aber er zählt in Japan auch als Schicksalsbaum - spätestens seit dem 6. August 1945 in Hiroshima. An diesem Tag explodierte nur 800m von einem Ginkgo entfernt die erste Atombombe und alles Leben im Umkreis von 2km wurde zerstört, 80.000 Menschen wurden sofort getötet, Tausende erlagen Strahlenschäden und Verbrennungen. Dieser Ginkgo jedoch - seine Rinde war verkohlt und der obere Stammteil verbrannt - trieb im folgenden Frühjahr neues Grün. Auch heute noch ist dieser Baum gezeichnet, aber er gedeiht, woraus ein unbedingter Lebenswille zu erkennen ist. 

Seine planetarische Zuordnung möchte ich anhand der eigenen Beobachtung zunächst dem Merkur zuordnen, der zudem der Sonne (Lebenswille) sehr nahe steht. Merkur unterstehen Grenzen und ihre Überschreitung, alles schnelle, sich verändernde. Er steht für Verständigung, Wissen, Denken, Geschick und Kommunikation; demnach für Austausch auf allen Ebenen, der wiederum von der Fähigkeit des Atmens abhängig ist. Übrigens zeigt sich auch in der Blattform und den parallel verlaufenden Blattnerven eine interessante Signatur, die an einen Trichter erinnert. Mit Ginkgo fällt das Eintrichtern mit Sicherheit leichter, was zu den Möglichkeiten der Veränderung, Verwandlung, Kreativität und letztlich auch zur Bewusstseins-Evolution führt. Diese Eigenschaften, welche dem Mysterienplaneten Uranus zugehörig sind, finden sich in unserem nervlichen und elektrischen Potenzialen wieder, der Hypophyse und dem Hypothalamus. Aber auch Jupiter, der, der klare Gedanken und einen Einblick in verborgenes Wissen ermöglicht, lässt sich aus dem Ginkgo heraus deutlich erkennen. Diese Beobachtungen erklären auf andere Weise, weshalb Gingkopräparate mittlerweile gegen früher nicht indizierte Leiden eingesetzt werden - zerebrale und periphere Durchblutungsstörungen! 

© Kay Weber

Bauernhortensie (Hydrangea macrophylla)

"Erkennst du klar, dass sich alle Dinge verändern, dann wirst du an nichts festhalten wollen." (Lao-Tse)

Der Name Hydrangea taucht erstmals 1739 in der Flora Virginica, einer Beschreibung der im nordamerikanischen Bundesstaat Virginia gedeihenden Gewächse, auf. Er leitet sich von den griechischen Begriffen Hydro = Wasser und angeion ab. Angeion beschreibt die krugförmige Blütenform der Hortensie.

Die vermutliche erste Hortensie in Europa wurde im Jahr 1736 von Peter Collison aus Amerika eingeführt. Etwa um das Jahr 1800 herum zierten die ersten Hortensien, kultiviert in großen Kübeln, die wundervoll angelegten Parks Pillnitz und Weesenstein in Sachsen.

Den Namen Hortensia/Hortensie vergab der Botaniker Commerson im Jahr 1771 der Legende nach zu Ehren einer Dame. Hierfür kommen Hortense Barré, Hortense Lepaute und Madame Hortense de Nassau, drei dem Pflanzenliebhaber nahestehende Frauen in Frage. All diese Erklärungen für die Namensgebung klingen sehr romantisch. Am wahrscheinlichsten ist jedoch, dass der Name einfach von dem lateinischen Begriff „Hortus“ (Garten) abgeleitet wurde.

 

Bekannte Hortensien-Arten und ihre botanischen Namen sind beispielsweise Hydrangea mycrophylla (Gartenhortensie, Bauernhortensie), auch als Hydrogena hortensia Hydrangea hortensis bezeichnet; Hydrangea arborescens (Schneeball-Hortensie); Hydrangea quercifolia (Eichenblättrige Hortensie); Hydrangea anomala ssp. Petiolaris (Kletterhortensie); Hydrangea paniculata ssp. „Grandiflora“ (Rispen-Hortensie). 

 

Anderen Quellen zufolge stammt die Hortensie ursprünglich wohl aus Asien und wurde dort für die japanischen Herrscher gezüchtet, dem einfachen Volk aber blieb der Blick auf die Pflanze verwehrt. Auf den Azoren ist die Hortensie mittlerweile zu einem Markenzeichen geworden, ihre tatsächliche Herkunft aber bleibt ein Geheimnis.  

Deutlich jedoch ist an ihrem Wuchs, ihren Blättern, ihren Blüten und der Eigenschaft, die Triebe verholzen zu lassen zu sehen, dass eine unverkennbare Nähe zu den Hartriegelgewächsen besteht, die auf der ganzen Nordhalbkugel anzutreffen sind. Die meisten Cornus-Arten finden sich in Ostasien und im östlichen Nordamerika.

 

Doch gibt es zu den Hortensien noch mehr zu sagen. In der Blumensprache steht sie für: „Hast du mich wirklich schon vergessen?“  oder auch „Du bildest dir zu viel auf dich ein.“  „Hochachtung“ wird ihr angehangen, „Eitelkeit“ zudem und auch „Der Tod“ wenn sie weiß blühend ist. In der Literatur taucht sie auch auf, wenn man jemanden sagen möchte, wie man ihn oder sie immer wieder zu bewundern vermag oder auch, wenn jemand ein Wichtigtuer ist. 

Natürlich basieren diese Aussagen auf die jeweiligen Erfahrungen und Situationen. Zudem variiert die Botschaft auch durch den Form- und besonders Farbenreichtum und nicht zuletzt durch die unglaubliche Vielzahl gezüchteter Hortensien-Arten. Möchte man sich diesem Kosmos ein wenig erleben, empfehle ich gern das Buch: „Die verborgene Sprache der Blumen“ von Vanessa Diffenbaugh. 

Nur einer fällt mir noch ein, der, wie kein anderer, auszudrücken vermag, was er bei mehr als einer flüchtigen Beobachtung erlebt und empfindet. 

 

Rilke, RainerMaria (1875-1926)

Blaue Hortensie

 

So wie das letzte Grün in Farbentiegeln 

sind diese Blätter, trocken, stumpf und rauh, 

hinter den Blütendolden, die ein Blau 

nicht auf sich tragen, nur von ferne spiegeln.

Sie spiegeln es verweint und ungenau, 

als wollten sie es wiederum verlieren, 

und wie in alten blauen Briefpapieren 

ist Gelb in ihnen, Violett und Grau;

Verwaschenes wie an einer Kinderschürze, 

Nichtmehrgetragenes, dem nichts mehr geschieht: 

wie fühlt man eines kleinen Lebens Kürze.

Doch plötzlich scheint das Blau sich zu verneuen 

in einer von den Dolden, und man sieht 

ein rührend Blaues sich vor Grünem freuen.

 

© Kay Weber

 

Punktierter Gilbweiderich (Lysimachia punctata)

"Wenn der Mensch plant, lacht das Schicksal ihn aus." (Sultani)

 

Wir finden den punktierten Gilbweiderich oft in traditionellen Bauerngärten und nur noch selten an Wegen und Bahndämmen als Bestandteil der Wildvegetation. Seine ursprüngliche Heimat findet sich auf dem Balkan wieder.  Unter seinem Namen wurden vor ihm drei ganz verschiedene Pflanzen subsimiert; aufsteigende oder aufrechte Kräuter und Stauden mit aufsteigenden oder traubigen Blütenständen und weidenartigen Laubblättern. 

Aus hellenistischen Zeit soll ein Arzt namens Lysimachis von Kos eine pharmazeutische Wirkung erkannt haben, die sich auf das griechische „lysimachos“ bezieht und so viel wie „Kampf lösend“ und „Streit schlichtend“ bedeutet. 

Botanisch zählt der Gilbweiderich zu den Primelgewächsen. Die Art benötigt im Garten so gut wie keine Pflege, ist zäh, winterfest und hinsichtlich des Standorts bescheiden, bildet durch Ausläufer dichte Pflanzenbestände und ist während der Blüte ausgesprochen dekorativ. Den Punktierten Gilbweiderich könnte man als echte alte Gartenstaude bezeichnen, auch wenn er erst in den 20er und 30er Jahren des 20. Jahrhunderts sichtbar im Bewusstsein der finnischen Gärtner Einzug hielt.

Für die Verwendung von Gilbweiderich in der Heilkunst gibt es viele überlieferte Hinweise. Gilbweiderich enthält Vitamin C und konnte damit den früher in der Winterzeit entstandenen Vitaminmangel ausgleichen. Auch heute noch empfehlen Kräuterkundler, Gilbweiderich zur Bereicherung des Speisezettels im Frühjahr als Gemüse zuzubereiten. Dazu werden die jungen Triebe und Blätter der Pflanze, bevor sie zu blühen beginnt, gekocht oder gedünstet und geschmort. Aufgrund seiner adstringierenden Wirkung wird er zur Wundheilung, bei Hämorrhoiden, Entzündungen der Mundschleimhaut und des Zahnfleisches empfohlen. Innerlich wird er als Tee oder als Tinktur in der Phytotherapie bei Husten, Nervosität, Schlaflosigkeit, Magen- und Darmproblemen und besonders bei Durchfall angewandt, da er hilft, eine gestörte Darmflora wieder aufzubauen.

Doch ist der oft auch Goldfelberich genannte Begleiter als Heilpflanze kaum bekannt und wenig beachtet. Vielmehr treffen wir auf ihn als beliebte, robuste, winterharte und pflegeleichte Staude, die selbst unter kargen Bedingungen prächtig gedeiht und der hier und da ein wenig Einhalt geboten werden muss. 

Bemerkenswert ist die Vitalität der Pflanze. Ihre Wurzelausläufer mäandern sich geschickt und strebsam knapp unter der Erdoberfläche voran, entfernen sich jedoch nicht weit von der Staude selbst und erobern so über die Jahre fast unbemerkt mehr und mehr Platz im Garten. Leicht sind die Wurzeln aus dem Boden zu nehmen, so als ob sie es erwarten würden und sich deshalb nicht sonderlich fest in der Erde verankern. Doch aus dem kleinsten liegen gebliebenen Wurzelrest sprießen bald neue, erst noch schüchterne Pflanzen. Heimlich jedoch, im Boden, breiten sie sich rasch aus, um im Folgejahr trotzig zu verkünden, dass man sie so einfach nicht loswerden würde. Wer sich gründlich, und weshalb auch immer, von dieser Pflanze trennen möchte, solle dies schon gründlich tun; so zumindest scheint die Botschaft zu lauten. 

Diese Eigenschaften des sich Ausdehnens, der opulenten Assimilation, des Durchbruchs (aus dem Boden heraus) und der Erweiterung sprechen eindeutig für eine jupiterische Signatur, die durch einen unaufdringlich süßen Duft betont wird. Dieser, der Sonne wohl ähnlichste Planet, steht für die Fähigkeit, aus aufgenommener Nahrung Kraft, Wohlbefinden und Gesundheit zu schöpfen. Hierbei bilden die Leber und der Dickdarm eine entscheidende Rolle. Ausdehnung ohne eine gesunde Grundlage führt zur Blähung - und in der Tat sind Flatulenzen und Meteorismus eindeutige Signifaktoren für unkontrollierte Ausdehnung. 

© Kay Weber

Bienen-Ragwurz (Ophrys apifera) und orangerotes Habichtskraut (Hieracium aurantiacum)

"Wer viel lernt, der verlernt alles heftige Begehren." (aus Zarathustra, F. Nietzsche)

An einem herrlich sonnig warmen Tag im endenden Mai streifte ich durch die „Toten Täler“ nahe Naumburg an der Saale. Doch der Name verwirrt zuweilen, denn ich fand mich oberhalb der Täler auf einer Magerwiese mit beeindruckend farbiger und würzig duftender Vielfalt. Knabenkräuter, Kohlröschen, Waldvöglein, Stendelwurz, Fliegen- und Bienen-Ragwurz, Adonisröschen, Diptam, Silberdistel, Augentrost, Schwalbenwurz, dorniger Hauhechel, allerlei doldiges und orangerotes Habichtskraut, Dost, Feld-Thymian, Acker-Wachtelweizen und viele andere mehr. Auch die Zahl der Schmetterlinge, Insekten und besonders die Verschiedenheit der Grashüpfer erstaunte mich und zeugte von einem durchaus intakten und sich selbst überlassenen Areal. 

Wieder zurück in Jena stand in einem Wohngebiet mitten auf einer Spiel- und Wäscheplatzwiese, die sonst von emsigen und ordnungsaffigen Hausmeistern mit ihren knatternden Rasenmähern und -trimmern bis zu Wurzelgeflecht niedergemetzelt wird, eine einzige Bienen-Ragwurz in der Einöde der so begehrten monotonen Wohnlandschaft. Mir blieb nichts anderes übrig, als die Pflanze großzügig auszugraben und vor den wohl bald heran nahenden „Landschaftspflegern“ in Sicherheit zu bringen. So landete diese Bienen-Ragwurz für kurze Zeit auf meinem Tisch. Jetzt ruht ihre Knolle an einem trockenen, kalkreichen und sonnigen Platz im elterlichen Garten und ich bin gespannt auf ihr Erscheinen im kommenden Jahr.

Die Ragwurzen (Ophrys) werden zu den Orchideen (Orchidaceae) gezählt, unterscheiden sich aber hierdurch von ihnen, dass sie nur eine unterirdische Knolle besitzen, durch die sie die ungünstige Jahreszeit überstehen. Doch viel interessanter ist das, was über der Erdoberfläche geschieht. Die Bienen-Ragwurz ist eine Meisterin der Täuschung, des Betrugs, der Verlockung. Die Lippe einer Blüte stellt bei diesen Pflanzen eine Nachahmung eines weiblichen Insekts dar, in ihrem speziellen Fall das Hinterteil der weiblichen Hornbiene. Diese sind genau dann, wenn die Bienen-Ragwurz blüht, noch nicht flugbereit, wohl aber ihre paarungsbereiten männlichen Vertreter. Diesen Mangel hat die Bienen-Ragwurz erkannt und initiiert eine Pseudokopulation, indem sie die männlichen Insekten täuscht und so ihren Pollen übertragen lässt. Dieses „Lockmimikry“ ist bis ins feinste Detail ausgefeilt. Zunächst verströmt die Pflanze einen für uns nicht wahrnehmbaren olfaktorischen Reiz (Duft), der die männlichen Bienen betört und anlockt. Angekommen verfallen die Tiere dem visuellen Reiz der Blüte, der in Farbe und Form dem Hinterleib der weiblichen Biene entspricht. Doch selbst das genügt der Bienen-Ragwurz noch nicht - sie geht auf Nummer sicher. Sie setzt auf taktile Stimuli, auf Behaarung. Je nach Ausrichtung der Behaarung erkennt ein männliches Insekt nämlich, wo "vorn" und "hinten" bei einem Weibchen ist. Die Ausrichtung der Behaarung bei Ophrys-Blüten entscheidet daher darüber, ob der Bestäuber "kopf-voran" (Sektion Ophrys) oder "schwanz-voran" (Sektion Pseudophrys) mit den Blüten zu kopulieren versucht. Die Pollinien werden dementsprechend mit dem Kopf oder dem Hinterkörper (Abdomen) entnommen und transportiert. Die Konsequenz des Sexualtäuschungsmechanismus ist eine hohe Spezifität in der Bestäubung, weil Anlockung über Sexualduftstoffe immer sehr spezifisch erfolgt. So werden manche Ophrys-Arten nur von einer Insektenart bestäubt, andere haben wenige verschiedene Bestäuber. Die Bestäuber sind in den meisten Fällen Solitärbienen, z. B. der Gattungen Andrena, Eucera, Anthophora, etc.. Wenige Ophrys-Arten werden von Grabwespen (O. insectifera), Dolchwespen (O. speculum), Käfern, Fliegen (O. fuciflora), oder Pflanzenwespen (O. subinsectifera) bestäubt. Aus der hohen Spezifität resultiert eine starke Abhängigkeit der Pflanzen von ihren jeweiligen Bestäubern. Der Schutz der Orchideen sollte daher immer auch den Schutz der entsprechenden Bestäuberinsekten im Auge haben.

Ich kann mich noch an Zeiten entsinnen, in denen es völlig normal war, das Frauen (Mütter und Großmütter) vom Land beim Sonntagsspaziergang im Frühling Orchideen (besonders beliebt war der Frauenschuh) pflückten und diese in einer Vase auf den Kaffeetisch stellten. Heute ist dies, wie früher jedoch auch, strengstens verboten. Uns ist kaum bis überhaupt nicht bewusst und bekannt, dass viele Insekten von einzelnen Pflanzen und ebenso viele Pflanzen von einzelnen Insekten abhängig sind und deren Leben und Überleben sich gegenseitig bedingen. Diese Ausgefeiltheit und Verletzlichkeit von Ökosystemen wird durch die Ragwurzen auf ganz besonders geschickte Weise symbolisiert und aufgezeigt. Doch sind es auch jene Pflanzenwesen, die all zu gern als Unkräuter bezeichnet und wie „Übelwesen“ behandelt werden, welche sich genau so spezifiziert haben, wie Ragwurzen und Orchideen. Die uns durchaus bekannte und offensichtliche industriell-aggressive Form der Land- und Forstwirtschaft, aber auch unser eigenes gärtnerisches Wirken stört dieses fragile System auf ganz empfindliche Weise; und wir vergessen aus unserer Selbstherrlichkeit heraus ganz einfach nur, wie das Nachfrageverhalten eines jeden Einzelnen von uns dazu beiträgt, dass wir uns unserer eigene Lebensgrundlage entziehen oder, durch kluge Kaufentscheidungen genau das verhindern können.  

© Kay Weber

Blutroter Hartriegel ( Cornus sanguinea )

"Ja, ich bin ein Träumer. Denn ein Träumer findet seinen Weg nur im Licht des Mondes und hat das harte Los, den Morgen heraufdämmern zu sehen, ehe die restliche Welt es tut." (aus Zarathustra, F. Nietzsche)

Spätestens im Herbst, aber auch schon im Spätsommer, wird die Namensgebung „blutrot“ deutlich, auch wenn diese Bezeichnung als einer unter endlos vielen Trivialnamen katalogisiert wurde. Wir finden ihn natürlicherweise an lichten Standorten, in Hecken, Wäldern und als Teil von Gebüschen auf kalk- und nährstoffreichen Böden. Aufgrund der sonnenseitigen Rötung der Zweige und der prächtigen Färbung des Laubes zum Ende der Vegetationsperiode, ist der rote Hartriegel ein beliebtes Gehölz in Gärten und Parks geworden, obwohl er auf die Verbreitung durch den Menschen nicht angewiesen ist. An schattigen Stellen kann er sich auch ohne Blüten und Früchte problemlos vermehren, indem er lange und zum Boden hängende Triebe zügig wurzeln lässt. Seine ölhaltigen und zweisamigen Früchte werden gern von Singdrossel, Amsel, Wacholderdrossel, Rotkehlchen, Dorngrasmücke, Star, Elster, Blaumeise, Gimpel und Fasen gefressen, was den Bestand des Gehölzes zum einen sichert, aber auch eine wichtige Nahrungsgrundlage für einheimische Vogelarten darstellt. Zudem füllen Eichhörnchen und Mäuse mit den Beeren ihren Wintervorrat auf und sichern Bestand und Verbreitung zusätzlich. Seine Blüten gelten als regelrechte Bienenweide und daher müssen Hartriegel als fester Bestandteil in Naturgärten gelten. 

Lässt man den Hartriegel in seinem Wachstum gewähren, kann er zu einen stattlichen Strauch heranwachsen, eine baumförmige Gestalt annehmen und ein Alter von über 40 Jahren erreichen. Sein Holz ist extrem zäh, seine Wurzel gleicht einer in den Boden gerammten Faust, die sich weit und tief verästelt. Meiner Erfahrung nach eignen sich Hartriegel als Bepflanzung zur Hangbefestigung ganz besonders, da sie selbst lehmigen und tonigen Böden Halt geben und eine nachfolgende Sukzession ermöglichen. Auch an brüchigen Hängen aus Muschelkalk lässt sich das in kurzer Zeit sehr gut beobachten. 

 

Cornus steht sowohl für den alten Namen Korsikas als auch für „hartes Holz“, aus dem Lanzenschäfte gefertigt wurden. Laut Servius kann aber auch mit „cerasum“ die Vogel-Kirsche gemeint sein, da sich der Name des Gottes „Kirnis“, dem Beschützer der Kirschbäume (Kirnas = Kirsche), ableiten lässt. In beiden Fällen richtet sich das Augenmerk mehr auf die essbaren, roten Steinfrüchte als auf das harte Holz. Sanguinea leitet sich aus „Blut“, „von Blut fließend“ oder „mit Blut gefüllt“ ab, was sich in vielen Pflanzennamen aufgrund ihres Erscheinungsbildes wieder findet.

Das Holz des Hartriegels fand (und findet) in Flechtwerk oft Verwendung, die Früchte aufgrund ihres hohen Fettgehaltes gelegentlich in der Seifenherstellung oder als Schmiermittel für technische Zwecke. 

Entgegen der allgemeinen Auffassung sind die Früchte des Hartriegels auch für den Menschen essbar, wenngleich diese als nicht besonders genießbar gelten und bei Kindern hier und da Durchfall und Magenschmerzen auslösen können. Dennoch können sie für die Herstellung von Marmeladen und Fruchtsäften Verwendung finden, weshalb die britische Gesellschaft „Plants for a Future“ den Hartriegel in ihre Onlinedatenbank (https://pfaf.org/user/Plant.aspx?LatinName=Cornus+sanguinea) nützlicher und essbarer Pflanzen aufgenommen hat. 

 

Auch der Hartriegel ist in Hecken von Naturgärten, Parks und Waldsäumen ein wichtiger Bestandteil in vielerlei Hinsicht. Er bietet Vögeln und Kleintieren Schutz und Nahrung, Nist- und Baumaterial, hält den Boden an Ort und Stelle, bietet Unterschlupf und Wohnraum für Kleintiere, schafft Nischen für phytosoziale Heckenstrukturen, gründet so Artenreichtum, bietet Wildbienen und Insekten reichlich Nektar und wird seiner Stellung als vor Wind schützendes Heckengehölz durchaus gerecht. Nicht nur sein ästhetisches Erscheinungsbild sollte Grund genug sein, ihm in unseren Gärten Raum und Zeit zu einzuräumen. Dies wird besonders dann deutlich, wenn wir uns die Zeit nehmen und den Hartriegel im Verlaufe einer Vegetationsperiode beobachten und feststellen, für wie viele verschiedenen Wesen und deren Existenz - und letztlich auch für unser Dasein und unseren Fortbestand - er ein wichtiges Bindeglied bildet. 

 

Nun mag es mehrere Möglichkeiten geben, den blutroten Hartriegel in seinem Wirkspektrum als auch in seiner Signatur zu deuten. Vordergründig findet sich in seiner Färbung natürlich die Signatur des Mars, der zwar für Kampf und Krieg steht und somit für Auflösung, Reinigung und das Fortschaffen des Unbrauchbaren steht. In gewisser Hinsicht kann Mars auch als das männliche Gegenstück zur Venus betrachtet werden. Entgegen der traditionellen Sichtweise als „Malefizplanet“ steht Mars auch für eine ausgleichende und ergänzende Wirkung. Die Marsenergie kann uns weiterhelfen, uns mit dem nötigen Schub Energie zu versorgen, die man braucht, um ein Vorhaben zu beginnen oder voranzutreiben. Im Tarot trifft man auf Mars in Gestalt des Turmes; des einstürzenden Turmes. Altes wird zerstört und macht Platz für Neues; dies auch spirituell und führt zu tiefgreifender innerer Erneuerung, Selbsterkenntnis und Heilung. Eigenschaften wie Krieg, Gewalt und Tyrannei, die Mars gern angehangen werden, können durch andere Planeten entschärft werden. 

In der Art aber, wie der blutrote Hartriegel seine zähe und kaum spaltbare Wurzel unbändig in den Boden treibt, seine Zweige zügig, elegant und beinahe strategisch im Boden wurzeln lässt um schnellstmöglich sicheren Stand und Ausbreitung (Eroberung) zu gewinnen, wie er sich zum Ende des Jahres puderrot färbt, als wäre er voller Wut, dass das Jahr zu Ende geht und wie er oft noch im Spätsommer Blüten treibt, als wehre er sich gegen die immer tiefer stehende Sonne, lässt eindeutig die kampfeslustige Signatur des Mars erkennen. Trotzdem scheint er nicht rein selbstsüchtig zu agieren, festigt er doch den Boden und schafft Raum für nachkommende Pflanzen, die ohne ihn keinen Halt fänden. Dies lässt klar die vermittelnde Eigenschaft des Merkur erkennen. Das geschickte und vorausdenkende Handeln mit dem „Sich-gewahr-Sein“ der Veränderung zeugen deutlich von merkurischen Eigenschaften, die für Vielfalt und Artenreichtum stehen. Im Frühjahr und im Sommer zeigt sich der blutrote Hartriegel von einer gänzlich anderen Seite, eher unscheinbar und schüchtern kleidet er sich in ein eher silbrig unauffälliges Grün, was eine leichte mondhafte Tendenz erahnen lässt. Man sagt, der Mond leite alle höheren Kräfte an die irdische Ebene weiter. Ein eher passives Prinzip also, das den Hartriegel in dieser Jahreszeit charakterisiert. Ein starkes sonnenhaftes Bewusstsein dieser Pflanze spiegelt sich aber auch in seiner Widerstandsfähigkeit und der Art, sich gern in den Mittelpunkt zu stellen. 

 

Wenngleich diese Beobachtungen auch nur Beobachtungen sind, die in unserer streng wissenschaftlsgläubigen und der akademischen Hörigkeit unterworfenen Welt eher ein müdes Lächeln hervor rufen, sind es doch meine Erkenntnisse, die ich aus dem Betrachten und Erleben erfahre und von denen ich ableite, wie sehr sich doch die menschlichen Eigenschaften in ihrer oft gegensätzlichen Erscheinung wiederfinden und Anlass zu der Hoffnung geben, dass in jedwedem Handeln ein tieferer Sinn wurzelt, dessen Tragweite dem Handelnden beim Tun noch nicht in aller Gänze und Tragweite bewusst sein mag. 

 

© Kay Weber

Liguster ( Ligustrum vulgare )

"Staunen ist der Beginn aller Weisheit." (Aristoteles)

Zwar dürfte einem Jeden die wohl und oft kunstvoll getrimmte Ligusterhecke aus Gärten, Parks, Vorgärten und Schrebergarten-Siedlungen bekannt sein, doch fristet der Liguster als einheimisches Gehölz ein eher unbekanntes Dasein. Auf kalkreichen Böden finden wir ihn als Teil von Gebüschen, in Waldmänteln und Hecken; daher wird er wegen seiner weideähnlichen Blattform auch „Rainweide“ genannt. In seinem natürlichen Habitat bildet er langästige Ausläufer und die zügige Bewurzelung durch zum Boden abgesenkter Zweige lässt oft ausgedehnte Gebüsche entstehen, die nur wenig an ihr von Menschenhand aufgezwungenes Erscheinungsbild erinnern. 

Aufgrund seiner wintergrünen Erscheinung und ebensolch dauerhafter Gutmütigkeit gegenüber dauerhafter Beschneidung, ist er ein lebendiger Teil unserer Kulturlandschaft in Form von Heckenpflanzungen und Beeteinfassungen geworden. Seine besondere Schnittfestigkeit, verbunden mit lebhaften und stark verzweigten Austrieb an den Schnittstellen lassen ihn dichter und dichter wachsen. So nutzen wir den Liguster in erster Linie um uns ab- und andere auszugrenzen, für Dichtheit vor neugierigen Blicken zu sorgen und die deutliche Botschaft der Abgrenzung ungesagt auszusprechen. Man könnte durchaus unterstellen, dass besonders aufwändig gepflegte und hoch gewachsene Hecken für die jeweilige Rückzugstendenz des Hecken-Eigentümers stehen. Jene Zeiten, in denen wir über Facebook, Instagram & Co unzählige private und bisweilen intime Daten preis geben, unsere Hecken (auch in Form von Thujen, Lebensbäumen, Mauern, Pergola aller Art und Mauern) jedoch immer höher und dichter wachsen lassen, spricht deutlich von der Irrationalität des menschlichen Tuns.  

Man vermutet, dass der Name „Ligustrum“ kaum von den Ligurern abgeleitet wurde, wohl eher aber nach dem Handwerk der Korbflechterei, wofür die jungen Zweige Verwendung fanden (von lat. „ligare“ = binden).  Vulgare bezieht sich auf Begriffe wie „gemein“, „gewöhnlich“ oder auch „allgemein bekannt“, was sich wohl auf die Ausbreitung der Pflanze bezieht. 

Heute ist es kaum noch bekannt, dass die Beeren des Liguster einst zum Färben von Gewebe, aber auch zum Färben von Wein Verwendung fanden. Das vor dem Genuss dieser Beeren hingegen gewarnt wird, ist durchaus verbreiteteres Wissen. In Zeiten des heiligen Wolfgang (um 1520) fand man für viele Pflanzen die Bezeichnung „Teufelskraut“. So taucht der Liguster hier im Einklang mit Johanniskraut, Schöllkraut, Bilsenkraut, Tollkirsche, Einbeere und roter Zaunrübe auf. Doch nicht nur die schwarz glänzenden überwinternden Beeren, sondern auch die Blätter enthalten das für uns giftige Glykosid Ligustrin. Nach einer Konsumation werden die Schleimhäute des Verdauungstraktes und die Nieren angegriffen. Beobachtet wurden Übelkeit, Erbrechen, Durchfall, Entzündungen von Niere und Harnblase, Blutdrucksenkung und nachlassende Herztätigkeit, weshalb von der Verwendung der Pflanze abgeraten wird. Dennoch verwendet die Naturheilkunde die im Frühjahr gesammelten Blüten und Blätter bei Angina, Cellulitis, Durchfall, Halsschmerzen, Rheumatismus und Tabakmissbrauch. Die Wirkung der Pflanze wird mit adstringierend, wundheilend und wundreinigend angegeben. Von einer Selbstbehandlung oder der eines unkundigen und selbsternannten Heilers, wie wir sie heute recht häufig treffen, ist entschieden abzuraten. Unsere Entfremdung von der Natur, der bewusste Entzug und das Vorenthalten biologischer und kosmischer Rhythmen, der Verlust wie auch die bewusste Verdrängung uralten tradierten Naturwissens befähigen uns kaum noch, die in der Natur liegenden Heilkräfte auf ätherischer Ebene überhaupt noch wahrzunehmen. Es scheint, als genüge uns die allmonatliche Apotheken-Umschau-Weisheit zur vollkommenen Genesung. Dies mag zwar kurzfristig auf physiologischer Ebene funktionieren, doch von dauerhafter, und vor allem geistig-seelischer Gesundheit sind wir mehr und mehr entfernt. 

 

Wie schon bei der Hundsrose, dem Pfaffenhütchen oder dem Weißdorn erwähnt, stellt die Hecke einen für uns undurchdringlichen, undurchsichtigen, verworrenen und wehrhaften Übergang von der lichten Welt (dem freien Feld oder der Wiese; das Bewusstsein) in die dunklere Welt, die Welt des Verborgenen und nicht Offensichtlichen (den Wald mit seinen Geistern und Feen, das Unbewusste) dar. Jede natürliche Hecke steht mit der Transformation unseres Seins in direkter Verbindung. Doch gilt dies auch für jene gärtnerisch-künstlich erschaffenen Ligusterhecken, hinter denen wir uns nach getaner, „weltlich-materieller“ Arbeit verkriechen und nur noch unsere Ruhe haben wollen? Ja, denke ich in ganz besonderem Maße. Wir suchen in erster Linie Schutz, Ruhe, Geborgenheit, Rückzug und genießen das Unbeobachtet-Sein, auch wenn sich viele dies in dieser Form nicht eingestehen möchten oder können. Unbewusst spüren wir, dass etwas nicht stimmt, nicht richtig läuft, nicht mehr normal ist und versuchen nur, den Weg zu uns selbst zu gehen, auch wenn dieser einer der schwierigsten Wege ist. 

Denn sicher ist das der Grund, weshalb der Liguster sich mit unendlicher Geduld beschneiden, formen und stutzen lässt, damit er Heim und Herd vor all den Dingen schützt, die dazu gemacht sind, uns von uns selbst zu entfernen. Deutlicher wird das wohl auch durch die immer höheren und blickdichteren Bollwerke, mit den wir unsere Grundstücke umrahmen und deutliche Zeichen der Abgrenzung, des Draußen-Bleibens, setzen. 

Der Liguster zählt zu den Ölgewächsen und drückt hierdurch zunächst seine Sonnen-Sigantur aus, die für Ich-Werdung, Zentrierung und das Ich-Bewusstsein steht. Das „Ich“ also ist es, das wieder in den Mittelpunkt rückt. Und wo, wenn nicht hinter einen dichten Hecke, findet man die Ruhe hierfür. Das Giftige und Düstere, welches im Liguster auch liegt, findet sich in der Signatur des Pluto, dem, der als äußerer Planet die Finsternis (alles was von Außen kommt) bewacht und über das Reich der Schatten wacht; genau dann, wenn wir uns nicht unterwerfen wollen, uns nicht ausgeliefert sehen möchten. Da jede Hecke aber auch für den Ort des Überganges und somit den Austausch steht, sehe ich deutlich die Charakteristik des Merkur, des sonnennächsten Planeten. Ihm unterstehen Grenzen und ihre Überschreitung, der Austausch, die Kommunikation und das Überbringen von Botschaften (Hermes, Anubis, Toth).  Wir kennen Begriffe wie „Hecken-Geflüster“ oder was sagt man nicht alles durch die Hecke oder was hecken wir gerade wieder aus, was geschieht im Verborgenen oder unter vorgehaltener Hand? Vielleicht ist damit auch die Art und Weise angesprochen, wie wir mit und über uns selbst reden…

 

© Kay Weber

Esche ( Fraxinus excelsior )

"Unser gesamtes Wissen entspringt unseren Wahrnehmungen." (Leonardo da Vinci)

Die Esche ist der Baum der Au-, Schlucht- und Laubmischwälder. Auf Schritt und Tritt begegnet man ihr, dem Baum, der oft im Jahr als letzter grünt und als erster sein Laub abwirft. Jedoch kündet sie das Sonnenjahr an, wenn sie vor der Eiche zu grünen beginnt. „Grünt die Esche vor der Eiche, bringt der Sommer große Bleiche.“, was bedeutet, dass ein heißes und trockenes Jahr bevorsteht. 

Die Esche, im keltischen onna oder onnestru genannt, steht im indogermanischen für das Wort „osk“, was so viel wie „Speer“ bedeutet. Aus ihrem Holz drechselten die Kelten Stiele für Äxte und Spaten, aber eben auch Speere und Lanzen, was sie zum Symbol männlicher Stärke machte. Die germanische Mythologie nennt „Ask“ (Esche - Mann) und „Embla“ (Ulme - Frau) als die ersten Menschen. 

Sie ist ein wahrhaftiger Sonnen-Baum, auch wenn sie gern auf feuchten Böse wächst und ihr somit die Macht über das Wasser zugesprochen wurde. Keltische Druiden trugen Stäbe aus Eschenholz, mit denen sie das Wetter beherrschen konnten. Im druidischen Baumalphabet der Iren ist sie der dritte Buchstabe (Nion), der das sonnendurchlichtete Wasser und die Wiedergeburt symbolisiert, die durch die Vereinigung des kosmischen Lichts mit dem Lebenswasser möglich ist. 

„Die Esche, weiß ich, sie heißt Yggdrasil, die hohe, benetzt mit hellem Nass; von dort kommt der Tau, der in Täler fällt, immergrün steht sie am Urdbrunnen…“

Yggdrasil war es, durch die Odin zum Runenleser und Zaubermeister wurde. Der Überlieferung zufolge vollzog Odin an sich selbst den Weiheakt, als er, verletzt durch einen Zweig des Baumes, neun Nächte lang an der Weltenesche hing. Die Weltenesche Yggdrasil bildet die Achse und Stütze der Welt. Wie eine lebendige Säule durchdringt und verbindet sie Götterstadt, Riesenland und Unterwelt.

Da das Holz der Esche verletzen kann, kann es auch Wunden heilen und Blutungen stillen. So nähte man auch Eschensplitter ins Hemd, um einer Verwundung entgehen zu können. 

Bei Hildegard von Bingen ist die Esche ein Sinnbild der besonderen Einsicht. Sie bemerkt, dass Eschenlaub anstelle von Hopfen bei der Herstellung von Haferbier verwendet werden kann. Zubereitungen aus den Blättern und Früchten des Baumes werden gegen Gicht und Rheuma empfohlen, wenn sie mit Wacholderbeeren, Weiden- und Brennesselblättern in Alkohol zum „Eschengeist“ angesetzt werden. Bekannt ist heut noch der sogenannte „Holztee“, ein Aufguss aus geraspelten Spänen des Eschenholzes, der blutreinigend wirkt. Eschenasche, die reinweiß ist und auf die Sonnensignatur hinweist, wurde mit Essig verrührt und bei verstauchten und gebrochenen Beinen zur Anwendung gebracht. 

Die wahrhaftige Signatur der Sonne kommt auch in ihrer unglaublichen Vitalität zum Ausdruck. Die Esche ist ein wahrer Überlebenskünstler, sie bringt es auf eine stattliche Größe bis zu 40 Metern Höhe und selbst dem alljährlichen Beschneidungs- und Stutzungswahn (was irrsinnigerweise als Baumpflege bezeichnet wird) des Menschen strotzt sie mit üppigem Wuchs und schnell wieder austreibenden und grünenden Zweigen entgegen. Sie gewährt durch ihr gefiedertes Blattwerk, das sehr lichtdurchlässig ist und wenig Schatten spendet, nur jenen Pflanzen ein unbekümmertes Gedeihen in ihrer Nähe, die ihr später nicht zur Konkurrenz werden können. Warum auch sollte ein so sonnenhaftes Wesen seine eigene Existenz gefährden? Ihr Wurzelwerk ist sehr weitreichend und durstig, so dass nur Pflanzen in ihrer unmittelbaren Nähe gedeihen, die sich selbst auch in trockenen Zeiten selbst „über Wasser“ halten können. Zudem deutet ihre Frostempfindlichkeit deutlich auf ihre Sonnensignatur hin. Schon bei den ersten und geringen Nachtfrösten lässt sie ihr noch in sattem Grün stehendes Laub schnell fallen und erwartet, bis weit in den Frühling hinein, jene Tage, an denen die Sonne hoch genug gestiegen ist und die Tage lang und hell genug sind, dass Nachtfröste kaum noch möglich sind. Dann treibt sie schnell und üppig aus ihren schwarzen Knospen heraus. So kann man nach dem „Eschen-Treiben“ recht gut feststellen, ob kalte Nächte noch zu erwarten sind.

© Kay Weber

Kupfer-Felsenbirne ( Amelanchier tamarckii )

"Die einzig wahre Weisheit liegt darin zu wissen, dass man nichts weiß." (Marcus Julius Cicero)

Hierzulande wird das ursprünglich aus Nordamerika stammende Gewächs als Kupferfelsenbirne beschrieben, da die Blätter der Pflanze zur Blütezeit eine kupferrote Färbung tragen. In unserem atlantischen Klimaraum hat sich die Felsenbirne sehr gut verbreitet und erfreut sich großer Beliebtheit als Garten- und Parkgehölz. Auch in kommunalen Rabattenbeflanzungen findet sie mehr und mehr Verwendung, da sie recht anspruchslos ist und selbst auf armen und sandigen Böden sehr gut zu gedeihen vermag. Auch längere Trockenperioden übersteht sie sehr gut und zeigt dies durch eine besonders intensive Färbung des Laubes. Felsenbirnen gedeihen auf nahezu allen Standorten. Nur Schatten und nasse, stark saure Böden meiden sie. Sie sind unempfindlich und sehr frostresistent.

Die Früchte aller Felsenbirnen-Arten sind essbar, manche sind größer und schmackhafter als die anderen. Die amerikanischen Ureinwohner schätzten die Frucht als nahrhaftes Trockenobst und in Pemmikan, einem noch gehaltvolleren und vor allem haltbaren Gemisch aus Fett, getrocknetem Fleisch und getrockneten Beeren. In unseren Breiten werden die Früchte wie Rosinen getrocknet und verwendet oder man stellt aus ihnen Marmeladen, Gelees und Säfte her.

Besonders alle Drosselarten haben sie zum Fressen gern, die etwa heidelbeergroßen, von Kelchblättern gekrönten, purpurschwarzen Früchte der Felsenbirne. Meist rupft das Federvolk die Beeren bereits unreif ab. Falls Sie aber doch mal eine reife, dunkel ausgefärbte Frucht erwischen und naschen, werden Sie feststellen, dass sie saftig süß schmeckt, und nach Kirsche mit einem Hauch von Marzipan und Bittermandel. Und mit nur wenig Säure. Das Marzipan-Aroma steckt in den vielen kleinen Samen, in denen geringe Mengen eines Blausäureglykosids enthalten sind. Und zur Marmeladenzubereitung bedarf es keines Zusatzes von Gelatine oder Ähnlichem, da der Anteil an Pektin in den Früchten hoch genug ist, um ein Eigenbindungsvermögen zu gewährleisten. 

Amelanchier wird vom französischen „amélanche“ abgeleitet. Das auf die südöstliche Provence beschränkte Wort ist durch falsche Abtrennung des Artikels entstanden ( la mélanche / l´amélanche ) und führt so über „melanko“ auf eine vorrömische Form zurück, welche mit schmutziggrau und dunkelfarbig zu erklären ist.

© Kay Weber

 

Echte Nelkenwurz ( Geum urbanum )

"Ich suchte in Tempeln, Kirchen und Moscheen, fand das Göttliche aber in meinem Herzen." (Rumi)

Die Nelkenwurz mag Manchem sehr aufdringlich erscheinen, was durch die Anhänglichkeit ihrer Samen in Kleidung oder auf Tierfellen versinnbildlicht wird. Zwar ist sie als schlimmes Unkraut verschrien, doch dort, wie sie üppig wächst, wird sie meist besonders benötigt. Daher finden wir sie mehr und mehr in der Nähe menschlicher Siedlungen.

Ihr Name verweist auf keine Etymologie. Nur der Namenszusatz „urbanum“ (von urbánus stammend) weißt auf ihre Standortauswahl besonders in Städten hin. Auf Ruderalflächen, in Laubmischwäldern, an Heckensäumen und Gebüschen. Hier warten im Spätsommer die kleinen, keimfreudigen und mit Haken versehenen Samen auf ihre Verbreitung. 

Der Wurzelstock der Nelkenwurz hilft gegen Durchfall wie Verdauungsstörungen und dient als Ersatz für Gewürznelken. Gräbt man die Wurzel frisch aus der Erde und reibt diese in den Händen, kann man deutlich diesen die Sinne berührenden Duft schnell wahrnehmen. Wegen der keimtötenden Wirkung wird ein Auszug aus der Wurzel auch als Gurgelmittel bei Rachen- und Zahnfleischentzündung angewendet. Weiter wird ihr eine lebensverlängernde, die Potenz des Mannes steigernde und Unheil abwehrende Wirkung zugesagt. Zu letzterem trägt man den getrockneten Wurzelstock als Amulett um den Hals möglichst auf Herzhöhe. 

Die Nelkenwurz zählt zu den Rosengewächsen. Weitere Namen deuten auf ihre Wirkspektren hin. Benediktenkraut nennt man sie noch zu Zeiten Hildegard von Bingens, aber auch „Heil aller Welt“, Mannskraft und Nägeleinkraut.

Geschätzt war der Wurzelstock auch um Würzweine zu parfümieren, dem Bier eine besondere Note zu geben und es zugleich vor dem Sauerwerden zu bewahren. 

Hildegard von Bingen empfiehlt „Benedicta“ (die Gesegnete) zur Stärkung schwacher Menschen indem sie sagt: „…und wenn jemand es im Tranke einnimmt, entbrennt er in begehrlicher Liebe…“, womit sie mehr die Liebe zum Leben selbst gemeint hat. Eine aphrodisierende und die Potenz steigernde Wirkung beschreibt sie etwas zurück haltender. 

Als Duftpflanze wurde die Nelkenwurz gegen Hexen, Teufel und sämtliche bösen Geister, heute eher als negative Energien oder Assuras bekannt, gezielt angewendet. 

Deutlich erkennt man in ihr die Signatur des Jupiter. Er regiert die Reife des Menschen, reguliert den Blutstrom und die Leberfunktion; auf der weniger sympathischen Seite vermag er Geiz und Vergesslichkeit zu bedingen. Im Tarot findet man Jupiter unter dem Rad oder Fortune, dem Glück. Diese Karte beinhaltet Neubeginn, Erweiterung, Kreativität, Selbstverwirklichung und unerwartetes Glück. Hierbei gilt es, das Leben in die eigenen Hand zu nehmen und sich nicht dem Willen oder der Entscheidungsgewalt anderer Menschen und Meinungen auszuliefern. 

Genau dieses Bild vermittelt uns die Nelkenwurz. Ihre Bodenständigkeit, ihr Vermögen, sich mit ihren langen Wurzeln fest im Erdreich zu verankern, zeigt uns, wie wichtig es ist, ausreichend Erdkontakt zu haben und dennoch körperlich wie auch im Geiste beweglich zu sein. Hier sehe ich einen Grund dafür, weshalb sich uns die Nelkenwurz auf Schritt und Tritt in ihrer allgegenwärtigen Erscheinung regelrecht aufdrängt. Viele von uns sind von ihrem eigenen Wesen, von ihrer Ursprünglichkeit getrennt, abgelenkt, bisweilen verwirrt und vom gesellschaftlichen Dasein überfordert. Die Zahl der seelischen Erkrankungen, als Folge dieser Trennung, steigt rapide von Jahr zu Jahr. Fänden wir wieder mehr Vertrauen zu uns selbst und machten unser Schicksal nicht permanent von den Reflexionen unserer „zivilisierten“ Umgebung abhängig, gelangten wir zu unseren Wurzeln und somit zu unserem ureigenen „Selbstvertrauen“ zurück. Erst dann haben wir die Fähigkeit wieder erlangt, aus unseren Wurzeln heraus einen Neuanfang zu wagen, uns zu erweitern, eigene und mutige Ideen zu entwickeln und uns endlich selbst zu verwirklichen. Genau diesen „jupiterischen“ Gedanken vermag uns die Nelkenwurz zu vermitteln. Sie ist eine von unzähligen anderen Pflanzen, die diese und ähnliche Botschaften aus ihrer Unscheinbarkeit heraus vermitteln. Ihre Widerstandsfähigkeit und ihr Vermögen, selbst aus den unwirtlichsten Bedingungen heraus zu erblühen und viele Samen (Gedanken/Ideen) hervorzubringen, sollte uns ein lehrhaftes Beispiel sein.

© Kay Weber

Kohl-Kratzdistel ( Cirsium oleraceum )

"Die Erde, sagte er, hat eine Haut; und diese Haut hat Krankheiten. Eine dieser Krankheiten heißt zum Beispiel: "Mensch"." (aus Zarathustra, F. Nietzsche)

 

Das einzig wirklich distelartige ist ihr Name; die gelbgrünen und das Blütenkörbchen umhüllenden Hochblätter wirken mehr kohlartig - und die mit Dornen umwimperten Blätter stechen überhaupt nicht. Die Kohl-Kratzdistel profitiert eindeutig  durch Düngung und Nährstoffanreicherung infolge Umweltverschmutzung. Sie begegnet uns an stickstoffhaltigen und wechselfeuchten Standorten in Feuchtwiesen und Sümpfen, an Ufern und umsäumt Straßen, die durch schattige und feuchte Wälder führen. 

Ihr Namenszug oleraceum bedeutet zwar gemüseartig, doch hat dies mehr mit ihrer Erscheinung als mit ihrer Verwendung und ihrem „Futterwert“ zu tun. Für Schmetterlinge und Hummeln jedoch ist sie ein wahrer Leckerbissen. 

Prinzipiell sind für den Menschen alle Teile der Pflanze essbar, doch sollte sie besser im eigenen Garten angebaut als wild gesammelt werden. Denn dort, wo sie in Massen auftritt, ist zu vermuten, dass sie mit dem reichen Nährstoffangebot ebenso Umweltgifte aus der Landwirtschaft aufnimmt und speichert.

Die jungen Blätter können für Salat verwendet werden, die größeren für Suppen und in Verbindung mit Brennnesseln und gutem Heinrich für Wildspinat. In Italien findet man sie auch häufig in der Minestrone. Kurz blanchiert, in Butter geschwenkt mit Muskat leicht parfümiert gibt sie ein schmackhaftes Gemüse, wenn man die Pflanze vor der Blüte sammelt. Ihre Wurzel enthält reichlich Inulin, wie man es in Schwarzwurzeln, Topinambur und Chicorée findet. Inulin ist ein präbiotisch löslicher Ballaststoff und eines der besten Mittel und Inhaltsstoffe, welches einer gesunden Darmflora sehr zuträglich ist, den wichtigen Laktobakterien ein Willkommens-Milieu schafft und letztendlich zur Entsäuerung des Organismus beiträgt, weshalb sie wohl auch bei Rheuma und Gicht empfohlen wird.

 

Sie planetarisch zuzuordnen fiel mir zunächst etwas schwer. Doch wenn ich sie berühre und in die Hand nehme, ihren leicht süßlichen Geruch, ihre Weichheit und ihre Nähe zum Wasser spüre, muss ich unwiederbringlich an die Eigenschaften des Mondes denken. Ihre glänzende, aus der Ferne silbrig erscheinende Gestalt und ihre Schnellwüchsigkeit vermitteln die Mondinnen-Eigenschaft sehr deutlich.  

Der Mond symbolisiert den unbewussten Bereich des Weiblichen, das Wechselhafte, die Feuchte, das Zwielichtige und Verführerische, die unheimliche magnetische Anziehung. Alles erscheint geheimnisvoll, zweifelhaft und betörend. Doch wo die Nacht am dunkelsten ist, da ist der Tag am nächsten. Einen leichten Anflug marsianischer Eigenschaft erkenne ich aber auch in ihrem Versuch, Dornen zu bilden und einem geradlinig-faserigen Wuchs zu folgen. Doch überwiegen die Mondeigenschaften derart, dass der Krieger sich nicht so recht durchzusetzen vermag.  

An einem der letzten Tage im August war es, als die Kratzdistel gezeichnet werden wollte. Ein gewittriger Tag, an dem der Sommer wohl schon mit dem Herbst zu ringen schien. Die noch im grünen Dickicht verborgenen Käppchen des Spindelbaumes begannen kaum merklich sich einen ersten gelben Schleier überzuziehen, die Holunderbeeren schickten sich an, allmählich etwas Farbe zu bekennen. Stolz und erhobenen Hauptes ragten die weit geöffneten Blüten der Kohlkratzdistel über die satte und vom Regen getränkte Wiese hinweg, durch die sich der anschwellende Bach munter und deutlich hörbar schlängelte. Die Gräser konnten sich der Kraft des Regens nicht erwehren und beugten sich in wirr umher liegenden Strähnen dem Boden entgegen, was die Erhabenheit der Kratzdistel nur noch unterstreichen konnte.

Genau dann, wenn ihre borstig erscheinenden Blüten sich empor recken und öffnen, wenn Meisen, Kreuzschnäbel, Hänfling, Stieglitz und andere Finken sich an ihnen gütlich tun, wenn am Morgen leichtfüßig-neblige Schleier die Auen und Täler befeuchten, dann beginnt der Sommer langsam Abschied zu nehmen. Hier und da mag er zwar noch etwas aufbegehren, etwas sagen zu wollen - doch spätestens dann, wenn die aufrechten Kohlkratzdisteln Wiesen und Bachsäume dominieren, ihre Köpfe den Wiesendunst etwas gespenstisch überragen und der in ihren Blütenbärten hängende Morgentau im ersten, fahlen Sonnenlicht weithin silbrig schimmert, dann ist es Zeit zu erkennen, dass der nächste Sommer nicht mehr weit ist.

© Kay Weber

Holunder und Pfaffenhütchen aus dem Gönnatal                                       ( Sambucus nigra / Eounymus europaea )

"Die größten Ereignisse - das sind nicht unsere lautesten, sondern unsre stillsten Stunden." (F. Nietzsche)

Wilde Malve aus meinem Hinterhofgarten ( Malva sylvestris )

"Die Liebe ist die Gefahr des Einsamsten, die Liebe zu allem, wenn es nur lebt." (F. Nietzsche)

Seit der jüngeren Steinzeit findet sich die wilde Malve in der Nähe menschlicher Siedlungen. Sie mag warme, stickstoffreiche Standorte und zeigt große Verbreitungslücken. An Wegen, am Fuss von Mauern und selbst auf Schutthalden findet sie sich ein und gedeiht auch hervorragend an „anrüchigen“ Stellen. Daher wird sie oft auch „Pisskraut“ oder „Schissblume“ genannt.

Ihr Name Malva leitet sich vom griechischen „maláche“ ab, worunter ein billiges Nahrungsmittel armer Leute gemeint ist. Dies bezieht sich jedoch mehr auf die Art Malva negelecta, welche in Asien als Nahrungsmittel direkt angebaut wurde. Der Namenszusatz „sylevstris“, die im Wald lebende, trifft offensichtlich nicht zu, da die wilde Malve sonnige und sehr warme Standorte bevorzugt. Tief in den Boden reichende Pfahlwurzeln versorgen sie auch auf sehr trockenen Standorten. 

Die Blüten und Blätter helfen sehr gut bei Katarrhen der oberen Atemwege und wirken schleimlösend und reizmildernd. Ihre farbprächtigen Blüten werden für viele Teemischungen gern genommen. Direkt nach dem Verblühen können die jungen Fruchtstände, die wie kleine Käselaibe aussehen, wie frische Erbsen verarbeitet werden und schmecken roh ähnlich wie Mais oder Zuckerschoten. Zwar mühselig, aber dennoch genussvoll sind die Knospen, wenn sie wie Kapern eingelegt werden.

Konrad beruft sich auf den Römer Plinius der behauptet, dass ein „…Undersatz die Geburt gleich und schnell auswirft…“. Mit Untersatz ist das Lager gemeint, auf dem sich die Gebärende bettet, welches mit den Blättern und Blüten der wilden Malve ausgelegt ist. Aber auch als Orakel für die Gebärfähigkeit leistet die Pflanze gute Dienste. Die Frau musste hierzu nur ihren Urin über die Malve giessen; war die Pflanze nach drei Tagen verdorrt, so gab es keine Hoffnung auf eine Schwangerschaft. Die gleiche Vorgehensweise gab Auskunft über die Jungfräulichkeit. Welkte die Malve, dann war das Mädchen „…kein Magt mehr, sondern sag fröhlich, sy hab schon oft Ratzen und Muss verbissen…“

Die scheibenförmigen Früchte dienten Kindern auch als Spielgeld und wurden auch gern als Käselaib bezeichnet, was landläufig zu verschiedensten regionalen Bezeichnungen der Pflanze, wie z.B. Käsepappel führte. 

Wie erwähnt, legt ihr Name nahe, dass sie im Walde leben würde, doch offenbart sie uns ihre Schönheit so offen wie die Venus selbst, deren untrügliche Signatur sie trägt.

Das Prinzip der Venus findet sich im Ausgleich, der Homöostase, Mütterlichkeit, Substanzbildung und vor allem weiblichen Regelmechanismen. Sie stellt die Verbindung von Geist und Materie dar und wird auch gern als „fortuna minor“, das kleine Glück bezeichnet. 

In der organischen Entsprechung ist die Venus für die angemessene Verteilung und Einlagerung der Energien zuständig. In ihrer Eigenschaft als Stiervenus sorgt sie für Substanzbildung und als Waagevenus stell sie die richtige Verteilung der Nährstoffe im Körper sicher. Die primäre organische Entsprechung sind hier die Nieren. Diese Sichtweise vertritt auch die traditionell chinesische Medizin, in der die Nieren als unterer Erwärmer, das Qi, die Lebensenergie, nach oben in den gesamten Körper verteilt. 

Wenn uns etwas an die Nieren geht, heißt das nichts anderes, als das wir auf unangenehme Weise aus unserem psychosomatischen Gleichgewicht gebracht sind. Die Steuerung von Regelmechanismen hat viel mit unserer inneren und äußeren Umwelt zu tun. So sind Krankheitsbilder, die mit der Venus in Beziehung stehen, auch immer ein Zeichen dafür, dass wir uns nicht in der Balance befinden, wie wir es sollten. 

An dieser Stelle kann es schon ein Malventee sein, der unser empfindliches Waage-System wieder ein wenig auszugleichen vermag. Besonders dann, wenn wir uns wieder die Zeit nehmen, uns aufmachen und auf die Pflanzen zugehen, wir uns ihnen nähern und von ihrer immer währenden Bereitschaft, sich uns hinzugeben, anerkennend und dankbar bedienen dürfen.

© Kay Weber

 

Wilder Wein oder auch selbstkletternde Jungfernrebe                              ( Parthenocissus quinquefolia )

"Alles Gerade lügt.." murmelte verächtlich der Zwerg. "Alle Wahrheit ist krumm, die Zeit selber ist ein Kreis." (aus Zarathustra, F. Nietzsche)

Becherflechte aus dem Thüringer Wald ( Cladonia pyxidata )

"Geküsst und gesaugt will es sein vom Dunste der Sonne; Luft will es werden und Höhe und Fußpfad des Lichts und selber Licht!" (aus Zarathustra, F. Nietzsche)

 

Sie zählen zu den ältesten Geschöpfen unserer Zeit, sofern unser eigener Ermessensspielraum auch nur vage erahnen kann, ob Zeit über unsere Wahrnehmungsfähigkeit hinaus überhaupt existiert. Still, starr und beweglich erscheinen sie uns, die Flechten, die Doppelwesen, die symbiotischen Verquickungen aus Algen und Schlauchpilzen. Die Flechtenpilze kommen allein in der Natur kaum vor, da sie sich gegenseitig bedingen. Die Pilze leben von den Kohlenhydraten, die die Algen produzieren und die Algen schützen die Pilze vor Trockenheit und Hitze. So können sie selbst extreme Lebensstätten besiedeln. 

 

Die häufig vorkommende Becherflechte selbst erscheint wohl als die markanteste Vertreterin ihrer Art. Doch wird sie schnell und leicht übersehen. Ihre Wuchshöhe geht über 1,5 cm kaum hinaus und ihre Farberscheinungen hängen immer vom jeweiligen Standort ab. Die sich deutlich verjüngenden Potedien entwickeln am Becherrrand braune bis deutlich rote Apothecien und bieten wunderbare Motive, wenn man sich diesen Wesen nähert. Erst aus unmittelbarer Nähe eröffnet sich dem neugierigen Betrachter oder Fotografen eine völlig neue Welt, ein gänzlich anderes Universum, das mich still und doch sehr deutlich an fraktale Geometrie erinnert. Nahaufnahmen ins recht Licht gerückt, erscheinen eher von der Oberfläche eines Planeten in einer weit fernab gelegenen Galaxie oder gänzlich in einem anderen Universum. Wie Baumstämme, die erscheinen, als wollten deren Trichterkronen den Regen auffangen und verspeisen, recken sie sich dem Licht entgegen. Dabei entzieht sich unserer aufmerksamen Beobachtung vollkommen, dass die stolzen Potedien überhaupt wachsen oder sich bewegen können. Verletzlich und zerbrechlich erscheinen sie nicht nur. Jede Berührung zerstört die fragile Architektur augenblicklich und zeigt uns mehr als deutlich, welchen Schaden auch nur die kleinsten unserer Eingriffe in der Natur verursachen können.

 

Wenn ich tief in das Gewirr der kleinen Wälder aus winzigen Stämmen blicke, ist mir, als tauchten jeden Moment hinter und zwischen ihnen noch kleinere Avatar auf, die nur darauf warten, ihr winziges und doch so riesiges Idyll zu bewahren, zu schützen und zu verteidigen. Avatare sind Gottheiten, die in die irdischen Sphären hinabgestiegen sind und somit die Manifestation des höchsten, des göttlichen Prinzips in der Gestalt eines Menschen oder Tieres annehmen. Oft, so denke ich, ist es an der Zeit und mehr als nötig, dass wir diesen „offenbarenden Erkenntnissen“ tatsächlich begegnen sollten, um unser alltägliches Tun und Treiben, unser „Ganztags-Zombie-Dasein“, endlich bewusst zu hinterfragen und diesem, heraus aus der Wahrnehmung und Erkenntnis unserer eigenen göttlichen Herkunft, ein schrittweises Ende zu setzen. Physische Größe zumindest, das zeigt mir so ein kleines Becherflechten-Wäldchen, ist von absoluter Belanglosigkeit.

 

Ein kleines und zugleich großes Gedicht von Janine Jabs, einer sehr naturverbundenen jungen Frau aus Eisenach, schmiegt sich ganz harmonisch an das Erscheinungsbild dieser kleinen Wesen und beschreibt auf Janine´s eigene Weise ganz wunderbar, wie groß eine Winzigkeit auch sein kann…, und ist.

 

 

 

Nur eine Winzigkeit

 

Nur eine Winzigkeit entfernt vom Nichtbestehen

Strahlende Schönheit glänzend hell im Licht

Nur ein paar Stunden weit entfernt vom Untergehen

Doch Wesentlich aus einer anderen Sicht 

 

Verschwindend kurz in unserem Zeitgeschehen 

Kaum wahrnehmbar - fast gar nicht existent 

In unseren Augen - spurloses Vergehen

Scheinbar bruchteilhaftes Sein - bis man erkennt -

 

Dass unserer Vorstellungskraft Zusammenhänge fehlen

Die nicht durch Wissenschaft erfassbar sind 

Wir uns im Zweifel an Erklärungen lehnen

Die uns beruhigen sollen - wie das Kind -

 

Was durch Behauptungen bald fraglos wird 

Obwohl wir selbst die Antwort oft nicht kennen

So wird nur seine Wahrnehmung gestört 

Weil wir versuchen vor ihr wegzurennen

  

Nur eine Winzigkeit entfernt vom Nichtbestehen 

Wenn ich auch unser Sein noch nicht verstehe

Sind wir doch alle nicht so weit entfernt vom Untergehen

So weiß ich dass ich offen - fragend gehe

 

Janine Jabs

 

© Kay Weber

Klatschmohn (Papaver rhoeas)

"Gerne liege ich hier, wo die Kinder spielen, an der zerbrochenen Mauer, unter Disteln und roten Mohnblumen." (aus Zarathustra, F. Nietzsche)

„Weit in der Champagne, im Mittsommergrün; dort wo zwischen Grabkreuzen Mohnblumen blüh´n.

da flüstern die Gräser, und wiegen sich leicht, im Wind, der sanft über das Gräberfeld streift…“

 

An diese ersten Zeilen des ergreifenden Hannes-Wader-Liedes „Es ist an der Zeit“ muss ich immer dann denken, wenn sich die hauchzarten Blüten des Mohns auf ihren fragilen Stengeln über die hohen Gräser heben. Wie blutige Tropfen sehen sie aus, die sich über die Felder ziehen. Zwar waren sie lange schon vor den Gräueltaten der Menschen hier, doch zeugen sie auf ihre eigene Weise  mahnend über dem Saum der Felder und Wiesen, als wären sie sich der Vergehen an uns selbst bewusster, als wir es sind. 

Der Name Papaver trifft für alle Monaten zu, sowohl für Klatsch-, Saat- und Schlafmohn und bedeutet so viel wie „aufgeblasen“, womit auf die Erscheinung der Mohnköpfe angespielt wird. Der Zusatz dubium deutet auf die problematische, taxonomische Beurteilung der verschiedenen Arten dar. Saat- und Klatschmohn unterscheiden sich zwar durch das unterschiedliche überlappen der Blütenblätter, dies kann jedoch aufgrund der Standortbeschaffenheit verschiedene Ausprägungen annehmen. 

Der Namenszusatz „rhoeas“ lässt sich auf die Begriffe Ausfluss und Erguss zurück führen, da sich der Klatschmohn als Heilmittel gegen Durchfall und Blutergüsse bewährte. 

In der Heilkunde dienen die Flores Rhoeados wegen ihres Schleimgehaltes als einhüllendes, linderndes Mittel und sind Bestandteil von Brustteemischungen. Klatschrosensaft aus frischen Blumenblättern soll für kleine Kinder beruhigend sein. In manchen Gegenden werden die jungen Blätter, wie Spinat oder als Suppe zubereitet,  und als Gemüse gegessen. 

Auch in früheren Zeit hat man diese Blume geliebt. So fand man sie auf pompejanischen Wandmalereien und die Blütenblätter in Altägyptischen Gräbern des oberen Nilgebietes, deren Alter auf 3000 Jahre zu schätzen ist. Vielleicht hat die Blume den alten Ägyptern als Sinnbild für die Vergänglichkeit gegolten, denn auch heute fällt uns ihr Erscheinungsbild nur während der kurzen Blütezeit ins Auge. Ursprünglich stammt der Mohn aus dem Orient. Erste Funde Erwähnungen finden sich am Euphrat und in Palästina. Über den Kaukasus hat er sich über Europa bis nach Schweden ausgebreitet, findet sich mittlerweile auch sich auf Madeira und den Azoren. 

Im Hortus hat sich der Mohn ohne jegliches Zutun prächtig vermehrt. Es genügt ein einfacher Sandhaufen, auf den die Samen ausgebracht werden und von Jahr zu Jahr explodiert dieses wogend weiche Farbenmeer von ganz allein. 

Eindeutig lässt sich in allen Eigenschaften der Pflanze, abgesehen von der Farbe der Blüte, die Signatur des Mondes in ihr erkennen. Kernprinzipien des Mondes sind Energieaufnahme, Periodizität, Reflexion, Empfindung und Hingabe. So wie der Mond das Licht der Sonne reflektiert, so nimmt der Magen die Nahrung auf und stellt sie nach Prüfung dem Körper nach und nach zur Verfügung. Magenkrankheiten können auf einen Mangel an emotionaler Zuwendung hinweisen oder auch als Folge permanenter Selbstüberforderung auftreten. Die „Mondseite“ im Leben ist jene der Entspannung, der Ruhe und des Schlafes, damit sich die Körperrhythmen wieder einpendeln können. Dies besonders für jene, die zu sehr die „Sonnenseite“ des Lebens leben und sich mit zahllosen Aktivitäten übernehmen. 

Mondige Pflanzen werden und vergehen schnell. Der Mond bewirkt das Keimen, Aufsprießen, Faulen und Verrotten im Pflanzenreich. Hierunter zählen wässrige, aufgedunsene, schlingpflanzenähnliche und milchsafthaltige Pflanzen, aber auch giftige, schmerzstillende und narkotisierende. Auch wirken sie auf den feinstofflichen Bereich der Sexualorgane, das Gehirn und die Fruchtbarkeit. 

© Kay Weber

 

Hauswurz (Sempervivum tectorum)

"Und dies Geheimnis redete das Leben selber zu mir: "Siehe", sprach es, "Ich bin das, was sich immer selber überwinden muss." (aus Zarathustra, F. Nietzsche)

Sempervivum bedeutet „Das immer Lebende“. Dieser Eindruck lässt sich gewinnen, wenn man betrachtet, unter welchen bisweilen unwirtlichen Bedingungen diese Pflanze noch immer hervorragend gedeiht, kräftige, auf hohem Stengel thronende Blüten hervorbringt und sich über unzählige Ableger vermehrt.

Bart des Jupiters, Dachlauch, Steinrose, Dachwurz, Donnerabart oder auch Donnerwurz sind andere Namen, unter denen uns das Sempervivum begegnet. Der Begriff des Donners lässt sich hier in zweierlei Richtungen ableiten. Karl der Große hat in seiner „Capitulare de villis“ angeordnet, gewisse Pflanzen anzupflanzen. Hierzu zählte auch der Hauswurz, der auf jedes Dach zu pflanzen war, da er vor Blitzschlag schützte. Und so bildeten sich auf den Dächern von Häusern und Scheunen, Torbögen und Mauerpfosten regelrechte Polster dieser Pflanze, die keiner weiteren Pflege und Zuwendung  bedurfte.

Verstärken lies sich die Wirkung, wenn die Hauswurzrosetten beim Herannahen eines Gewitters im Herdfeuer verbrannt wurden. Hierzu mussten sie jedoch an einem Johannitag gepflückt werden. An einem Donnerstag, dem Jupiter geweihten Tag, hat die Hauswurz ihre beste Heilkraft. Zu Brei zerstampft und auf die Stirn gelegt, hilft sie gegen starke Kopfschmerzen, mit Flusskrebsen gekocht gegen Angina und der Saft der Pflanze hilft gegen Sommersprossen, Warzen, juckende Mückenstiche und mit Wasser vermischt gegen Fieber.

Hildegard von Bingen warnt vor dem Genuss der Pflanze, denn diese lässt die ungebremste Begierde bei Man und Frau entflammen. In Ziegenmilch eingelegt empfiehlt sie sie jedoch für zeugungsunfähige Männer.

Auch als Orakel diente sie, was auch heute noch zu beobachten ist. Blüht die Blüte rötlich, stehen freudige Ereignisse ins Haus. Blüht sie hingegen in weiß, dann steht der Tod eines nahen Angehörigen bevor.

Die Pflanze benötigt volle Sonne und kann nasse Füsse gar nicht vertragen. Im Hortus gedeiht sie prächtig auf Kalksteinen und Schotter, auf Dachziegeln und in herumgedrehten Firstziegeln, die nur mit etwa Kalksteinen und Splitt aufgefüllt sind. Substrat und Erde sind überflüssig, denn die Hauswurz ist den Sukkulenten zugehörig. Ihre Kraft und Vitalität, ihre Vermehrungsfreudigkeit ist wirklich beeindruckend. Man könnte meinen, sie sein ein reines Kind der Sonne und trüge deren Signatur, stimmt nur teilweise. 

Die Sonne zieht die Pflanzen in die Höhe, gibt ihnen gerade Stängel und einen kräftig angenehmen Geschmack. Sie steht für Vaterschaft, Lebenskraft und das Erreichen des höheren Selbst. Auch an der Anordnung der Rosetten kann man den spiralförmigen Weg zum Zentrum, zur Mitte hin, sehr gut erkennen. Die Sonne steht als Lebensmotor in unserem Planetensystem für das Vitale schlechthin. Sie gibt Auskunft über unseren Lebenswillen.

 

Die doch viel prägendste Signatur wird durch Jupiter vertreten, der in Bezug auf Donar, den Donnerstag, schon genannt wurde. Jupiter ist der Planet, der der Sonne am ähnlichsten ist. Er steht für Ausdehnung, Anreicherung, Kreativität, Selbstverwirklichung und unerwartetes Glück. Alle Krankheitsbilder, die dem Jupiterprinzip unterstehen, sind ein Hinweis auf den untauglichen Versuch, einen Mangel an persönlichem Glück und echter innerer Größe auszugleichen.

 

© Kay Weber

 

Salomonsiegel/vielblütige Weißwurz (Polygonatum multiflorum )

"Und wahrlich, Zeit war´s, dass ich ging; und des Wanderers Schatten und die längste Weile und die Stille Stunde - alle redeten mir zu: *Es ist höchste Zeit!* Der Wind blies mir durchs Schlüsselloch und sagte: *Komm!* (aus Zarathustra, F. Nietzsche)

Das sagenumwobene Salomonssiegel, auch umgangssprachlich Weißwurz genannt, ist eine der interessantesten einheimischen Pflanzen. Leider ist sie trotz vielfältiger Anwendungsmöglichkeiten in Vergessenheit geraten.

Ihren Namen verdankt sie der Form ihrer Rhizome ( bed. Eingewurzelte ), die wie Siegel aussehen. Jedes Jahr bildet das Rhizom einen neuen Spross, der, wenn der Stengel im Herbst abstirbt, vom Rhizom abbricht und eine kreisförmige Narbe gleich eines siegelähnlichen Aussehens hinterlässt.

 

Polygonatum (griech.: poly = viele / gony = Gelenk o. Knie) bezieht sich auf die knotigen Glieder des Wurzelstockes.

 

Der Sage nach soll König Salomon mit dieser Pflanze jene Felsen gesprengt haben, die ihm beim Bau seines Tempels im Weg standen.

Das Salomonsiegel soll jene „Springwurzel“ sein, mit deren Hilfe Schlösser und Türen geöffnet werden können. Die Springwurzel kann von keinem Menschen gefunden werden, hierzu bedarf es der Hilfe des Schwarzspechtes, aber auch des Wiedehopfes. Wenn es einem gelang die Wurzel zu finden, dann war es ihm möglich, verborgene Schätze ohne Gefahr zu heben, so gut sie auch versteckt und von Dämonen bewacht waren. Ich denke, dass diese Pflanze uns auch befähigt, tief verborgenes oder einfach nur „verschüttetes“ Wissen finden und ergründen zu können. Selbst Fesseln aus Ketten und Eisen soll ihr zu sprengen möglich sein, doch auch hier, so denke ich, können sehr gut unsere seelischen Bande gemeint sein, oder jene Fesseln, die unsere Herzen schnüren.

Auch muss ich beim Anblick des Salomonsiegels immer an das Märchen vom Froschkönig denken. „Heinrich, der Wagen bricht!“, aber es waren nur die eisernen Bande, die Heinrich´s Herz umspannten.

 

Wie viele Pflanzen wurde auch diese verwendet, um Unheil von Haus, Hof und Stall fern zu halten. Hühneraugen sollen bei abnehmenden Mond mit der Wurzel eingerieben werden, damit sie verschwinden.

Für mich ist diese Pflanze etwas ganz besonderes. Sie wächst ungehalten in meinem Garten, unterfährt alles, was sich ihr in den Weg stellt und muss regelmäßig in ihre Schranken gewiesen werden. Dann las ich davon, das besonders Menschen die im Zeichen des Fisches geboren sind, der Anwendung dieser Pflanze unbedingt bedürfen, um ihre schwere Melancholie, ihre Verträumtheit und ihren umbrechbaren Idealismus nicht die Oberhand gewinnen zu lassen.

 

Die wohl prägendste planetarische Signatur ist hier die des Saturns, desjenigen, der mit Abwehr und Begrenzung/Abgrenzung in Verbindung gebracht wird. Hält man sich nicht daran, können schnell chronische Erkrankungen ( Saturn = Chronos ) begleitet von recht starken Schmerzen und Bewegungseinschränkungen mit uns einher gehen. Seelische entspricht dies dem Geiz in jedweder Form; man kann sich selbst und anderen nichts mehr gönnen und entartet zum freudlosen und verbitterten Pseudoasketen.

 

Die Volksheilkunde empfiehlt das Salomonsiegel bei Blutergüssen, Prellungen, Stauchungen, Brüchen, Gicht, Menstruations-Beschwerden, Husten, Blasensteinen und Verstopfung.

In der TCM nährt sie das Yin, die Substanzorgane, stärkt das Milz- und Magen-Qi, stützt die Nieren, wirkt leicht abführend und wird bei Trockenheit im Darm angezeigt.

Auch die nordamerikanischen Indianer schätzten sie, setzten sie bei erkrankten Schleimhäuten und bei Gelenks- und Knochenbeschwerden ein und er gehörte bei ihnen zur Wolfsmedizin. 

 

Die Salomonssiegelwurzel hilft in schwierigen Lebenssituationen, bei einschneidenden Veränderungen, sie hilft Entscheidungen zu treffen, unterstützt spirituell in solchen Lebensphasen und kann den Zugang (als Schlüssel) zur nicht alltäglichen Wirklichkeit erleichtern. Die Wurzel wächst unterirdisch horizontal und ist sehr leicht aus dem Boden zu holen, d. h. die Pflanze ist nicht sehr fest mit der Erde verbunden – so hilft diese Pflanze auch, sich vom Irdischem (der Erde) zu lösen. Sie kann uns helfen Trennungen zu verkraften und zu akzeptieren und Abschied zu nehmen. 

 

© Kay Weber

Ackerkratzdistel vom Napoleonstein (Cirsium arvense)

"Keiner trägt mich weiter, du mein Rückenwind..." (Heinz-Rudolf Kunze)

Silberdistel (Carlina acaulis) Original verkauft

"So ist es die allmächtige Liebe, die alles bildet, alles hegt." (Johann Wolfgang von Goethe)

Als Rat an einen geilen Mann: Damit Frauen ihm nichts abschlagen können, solle er neben Baldrian auch Eberwurz (Silberdistelwurzel) im (am) Hodensack (wohl eher in der Hose) tragen. So empfiehlt es ein alter Aberglaube.

Kaiser Karl der Große (sieben Karls gab es, es soll wohl der Fünfte gewesen sein) muss wohl für den Namen „Karlsdistel“ einstehen. Auf einem seiner Kriegszüge sei das Heer von der Pest heimgesucht worden - ein äußerst lästiger Umstand bei diesem Vorhaben. Der Kaiser hatte unruhige Nächte, da erschien ihm im Traum ein Engel, der den Monarchen anwies, einen Pfeil in die Luft zu schiessen. Dort, wo der Pfeil niederging, stünde das Kraut gegen die furchtbare Seuche. Karl tat wie ihm gesagt. Der Pfeil durchbohrte die Wurzel der Silberdistel. Gleich wurde sie den Mannen verabreicht und alsbald leerten sich die Krankenlager und der Feldzug nahm erfolgreich Verlauf (nur die besiegten Sachsen sahen das ein wenig anders). 

„Wer dieser Wurzel geniessen will, der muss allein mit großer Arbeit hinter ihre Kraft kommen - denn ohne große Mühe tut sie nichts.“ , heisst es. Welch saturnische Aussage. 

Paracelsus berichtet, dass ein Mann, der Eberwurz bei sich trug, ein drei Zentner schweres Weinfass aufgebunden habe. Zwölf Männer haben ihn begleitet, und mit der Hilfe der Eberwurz habe er die Kraft diesen Männern entzogen und auf sich selbst gelenkt. Alle zwölf Männer seien schwach und krank geworden und mussten aufgeben. Im Salzburgischen werden die Pflanzen am Sonnenwendabend ausgehoben und zwischen die Rundhölzer der Hauswände gesteckt. Moospolster und etwas Erde müssen das nicht sehr anspruchsvolle Gewächs versorgen. Bis zur nächsten Sonnenwende zeigte die verdorrte Silberdistel an, wieviele Todesfälle das Leben dem Haus brachten. Unzweifelhafte Sehergaben hat die Art dagegen als Wetterprophet. Wenn die Luftfeuchte ein bestimmtes Maß überschreitet, schliesst sich die Blüte, daher ist auch der Name Wetterdistel besonders bei Wanderern geläufig. Der Silberglanz jedoch wird nicht von den Blütenkronen selbst, sondern vielmehr den inneren Blütenhüllblättern verbreitet. 

Der Name Carlina entstammt wahrscheinlich einer oberitalienischen Dialektform, nämlich „cardelina“, was so viel bedeutet wie distelförmige Sippe, was auch über den Namen des Distelfinks, von „carduus“ abgeleitet wird. Die Bezeichnung „acaulis“ stammt vom Griechischen „äkaulos“ ab, welches als „kurzhälsig“ oder auch „stengellos“ betrachtet werden kann.

Eberwurz half bei Viehseuchen und Fressunlust, kann auch heute noch als Apettitmacher angesehen werden. Der Zauber von behexten Kühen ließ sich durch sie lösen, Hühner wurden mit ihr entzaubert und man nagelte sie an die Stalldecke, um Hexen fern zu halten.

Die Silberdistel wächst an mageren Hängen, auf Magerwiesen, lichten Wald- und Buschbeständen. Häufig kommt sie an den Muschelkalkhängen um Jena, aber auch in der Rhön (auch Rhöndistel) vor. Heute ist sie durch Überdüngung und dem immer weniger werden von Magerwiesen recht rar geworden und steht unter Naturschutz. Sie war bei Frauen ein beliebtes Mitbringsel von Wanderungen, wovon heute abzuraten ist. Auch meine Oma konnte dem verlockenden Antlitz der Silberdistel nicht widerstehen. Früher hatte die Silberdistel auch als wilde Artischocke Verwendung in der Küche und sie galt als Delikatesse, wovon auch abzuraten ist, da die Bestände zurück gegangen sind. 

Magerwiesen bilden einen wichtigen Bestandteil in Flora und Fauna. Wir erfreuen uns im Frühling an gelb blühenden Wiesen, kennen den Anblick einer bunt blühenden und von Insektenvielfalt nur so durchtränkten Magerwiese kaum. Letztere werden durch Überdungung und extensive Bewirtschaftung immer weiter zurück gedrängt, sie werden in gelbe und fette Flächen verwandelt und von stickstffliebenden Pflanzen besiedelt. Insekten und Falter, von denen viele einen Aktionsradius von weniger als 30 Meter haben und davon abhängig sind, dass in diesem Bereich alle Überlebensfaktoren vorhanden sind, werden zurück gedrängt, sterben aus. Von etwa 50 heimischen Falterarten, die in den zwanziger Jahren allgegenwärtig waren, begegnen uns heute gerade noch  vier oder fünf. Auch die ehemalige Vielzahl an Wildbienen hat sich stark reduziert. Jeder dritte Bissen, den wir nehmen, ist von der Bestäubungsleistung der Bienen abhängig. Es liegt auch an uns, wie wir unsere Gärten gestalten. Es gibt einen Weg…

© Kay Weber

Hagebutte/Hundsrose (Rosa canina)

"Die Liebe ist die Gefahr des Einsamen, die Liebe zu Allem, wenn es nur lebt." (F. Nietzsche)

Jede Hecke und wilde Ecke im Garten bietet Insekten Schutz vor kalten, austrocknenden Winden und eignet sich als regelrechte Bienenweide, Futter- und Aufenthaltsort für Vögel und Kleingetier. Neben Schlehe, Traubenkirsche, Felsenbirne, Maulbeere, Sanddorn und Weißdorn gehört auch die Heckenrose unbedingt dazu. 

Die einen ursprünglichen Wald oder naturnahem Garten umschliessende Hecke ist ein „Ort des Übergangs“, die Einlass gewährt in eine Welt der Vielfalt, die nicht nur dem heutigen  Schrebergärtner einen Schauer durch Mark und Bein bescheren wird.

Nicht umsonst empfiehlt Edward Bach bei seinen Bachblüten die Heckenrose „Wild Rose“bei Resignation und Apathie; Lebenseinstellungen wie „...ich lasse die Dinge laufen...“, „...es ist doch egal...“ und „...ich habe mich damit abgefunden.“ begegnen wir ununterbrochen. Neue Ansichten, neues Lebensinteresse, Unternehmungslust und Zugriff auf neue Chancen vermittelt uns die „Wild Rose“ - daher ist sie wohl auch eine der am häufigst verschriebenen Bachblüten überhaupt. Vielleicht sollte man sie als „gesellschaftliches Therapeutikum“ in unser Trinkwasser einleiten - anstelle von überdosiertem und daher stumpfsinnig machendem Flourid, unfruchtbarmachenden Hormonen und Antidepressiva aus Human- und Veterinärmedizin, Betablocker, Antibiotika, Antihistaminika usw.. Ob bewusst vollzogen oder „ungewollt“, es macht uns krank, abhängig, beeinflussbar, steuerbar, form- und manipulierbar. Wir sollten Alle durch die Hecke, „den Ort des Übergangs“ gehen, schauen, was dahinter liegt, uns zu empfangen und zu begrüßen bereit ist, ohne uns zu fragen und zu fordern aufnimmt - Mutter Erde, Freya, Gaia, Mutter Natur, Frau Holle und welche Namen man ihr auch noch gegeben haben mag. Und dies, um festzustellen, dass wir selbst es sind, auf den wir treffen, aber so, wie wir gedacht sind.

Doch auch dieser Weg wir nicht so einfach zu gehen sein, weil er doch mit der Transformation unseres Selbst in Verbindung steht. Hecken scheinen oft undurchdringlich, wirken undurchsichtig, verworren, sind sie doch mit Dornen (botanisch betrachtet Stacheln) gewappnet und halten all jene zurück und fest, welche noch nicht reif sind, den Übergang zu wagen. Die Rosenhecke, die das  hoch  über Allem drohnende Schloss umgibt, in welchem Dornröschen ihren 100-jährigen Schlaf schläft (sie weilt in anderen Dimensionen) steht symbolisch für eine andere Welt, der Anderswelt, eine übergeordnete Welt, dem Nirvana, einen Paralleluniversum -, wir wissen es nicht besser. Ich denke, dass nur jene Prinzen und Eroberer in der Hecke hängen blieben, welche rein instinktiv oder triebgesteuert handelten, zu Höherem aufsteigen wollten, dies aber nicht aus unbeflecktem Herzen und auch nicht aus reiner Selbstlosigkeit taten. Sie wurden zurück ins irdische Dasein geworfen, müssen ihre karmische Aufgabe erst noch erkennen um sie erfüllen zu können. Dornröschen erscheint mir hierbei wie der Schöpfungsgedanke selbst, den es hoch oben auf dem Schloss zu erklimmen gilt. 

Die Blütenblätter der Heckenrose ergeben einen angenehm schmeckenden Tee, die gerösteten und gemahlenen Samenkerne einen guten Kaffeeersatz, können auch als Mehl Verwendung finden. Besonders in Franken wird noch heute Hiffenmark (Hagebuttenmarmelade) hergestellt. Eine sehr aufwendige und mühselige Arbeit zwar, aber kulinarisch unvergleichlich. Kinder bastelten sich aus Hagebutten Ketten, Figuren oder Geschirr für die Puppenküche. Die Früchte mit ihren Härchen waren als Juckpulver in Kinderkreisen gefürchtet. 

Die „wilde Rose“ ist in der Mythologie der Göttin Freya zugeordnet, entspricht im keltischen Baumorakel einem empfindsamen Menschen, der gerne zum Selbstschutz seine Stacheln ausfährt. Die Astrologie erkennt in der Rosenblüte die Signatur der Venus, die für Ausgleich, Mütterlichkeit, Substanzbildung und die Verbindung von Geist (Dornröschen?) und Materie(Prinz?) steht. Doch ist auch der wehrhafte Mars  (Stacheln, sich zunehmend rot färbende Stengel) fester Besandteil des Pflanzenwesens. Er steht für Abwehr, Stich, Verletzung, Beschleunigung und Überreaktion. 

In Dantes „Divina Commedia“ (die Göttliche Komödie; Dante Allighieri) symbolisiert der Fünfstern die Mystische Rose (wie auch in Goethes Garten im Ilmpark). Die Zahl Fünf bildet bei allen Rosengewächsen ein deutliches Erkennungsmerkmal. Die Blütensymetrie spiegelt die fünf Schleifen, welche der Planet (Venus) bei seinem Umlauf innerhalb von acht Jahren entlang der Ekliptik (die scheinbare Bahn der Sonne) zeichnet. Diese  Signatur und die enge Beziehung zu kosmischen Rhytmen verleihen Rosengewächsen den Ruf, Kreisläufe und rhytmische Prozesse im Körper zu beeinflussen.

© Kay Weber

Rosskastanie (Aesculus hippocastanum)

"Bäume sind Gedichte, die die Erde in den Himmel schreibt. Wir fällen sie und verwandeln sie in Papier, um unsere Leere darauf auszudrücken." (Khalil Gibran)

Sie  ist wohl der erste Baum, den wir als Kinder zweifelsfrei zu deuten wussten. Das Sammeln seiner Früchte spricht unseren Urinstinkt, zu Sammeln um zu überleben, an, auch wenn die Kastanien dann als Futter für Wildtiere oder für Basteleien verwendet werden.

Ursprünglich ist er ein Baum des Südens, obwohl seine genaue Herkunft nicht mehr nachvollziehbar ist. Ausgedehnte, natürliche Kastanienwälder gibt es nur noch im Appennin, die Vorkommen auf der iberischen Halbinsel und in Frankreich sind jedoch nicht ursprünglich. Das berühmteste Exemplar gedieh auf dem Ätna und soll einen Stammumfang von unglaublichen 61 Metern besessen haben. Noch heute existieren dort Exemplare mit einem Stammdurchmesser von sechs Metern. Die Kastanie scheint wohl doch die Hitze zu lieben, ein Kind der Sonne zu sein!

Karl der Große empfahl Kastanienbäume gemeinsam mit Maulbeer-, Mandel- und Feigenbäumen zum Anbau in den königlichen Pfalzen. Auch wurde zu dieser Zeit der Vergleich zwischen Kastanienbaum und Kartoffelstaude als Nahrungsmittel getroffen. Bis zum 17. Jhd. war die Kastanie in wärmebegünstigten Regionen ein Volksnahrungsmittel. Mit einem Stärkeanteil von 43% sicherten die Früchte das Überleben der notleidenden Bevölkerung bei Missernten. Die Kartoffel aber gewann das Rennen im Zuge der sich im 18. Jhd. anbahnenden landwirtschaftlichen Revolution. 

Früher wurden die Maronen neun Tage gewässert, danach räucherte man sie einige Wochen in einem Dörrhäuschen. Je länger sich dieser Prozess hinzog, desto haltbarer wurden die Früchte. Danach füllte man sie in einen Jutesack und hing sie so lange über einen Hackstock, bis sich die Schale von allein löste. Kühl und trocken konnten sie so zwei bis drei Jahre aufbewahrt werden. Gemahlen und vermischt  mit Roggenmehl wurde so in Kalabrien und Korsika das so genannte Baumbrot gebacken. 

Noch heute werden in Frankreich dreihundert Kastaniensorten unterschieden, von denen sich nur wenige auf dem Markt wirklich durchsetzen können. Ihr mehliger, irdener und etwas dumpfer Geschmack stößt heute mehr auf Ablehnung. Übrig geblieben von der einstigen Vielfalt sind allein die Maronibräter in den Fußgängerzonen mitteleuropäischer Städte. Bei uns dienen sie hier und da als Füllung für die Martinsgans, als Beilage zu Wildgerichten, seltener als Suppenzutat.Der Sinnspruch, die Kastanien aus dem Feuer zu holen kommt daher, dass sie im Kochwasser oder im Ofen gegart werden. Sie heraus zu holen, galt als unangenehme Aufgabe.

Nach Hildegard von Bingen ist „…die Frucht sehr nützlich gegen jede Schwäche die im Menschen ist.“ Und weiter sagt sie: „Der Mensch, dem das Gehirn infolge Trockenheit leer ist und daher schwach im Kopf ist, koche die Fruchtkerne im Wasser und er füge nichts anderes hinzu, und wenn das Wasser ausgegossen ist, soll er es nüchtern und nach dem Essen nehmen und sein Gehirn wächst und wird gefüllt und seine Nerven werden stark und es wird der Schmerz im Kopf weichen.“

„Wer im Herzen Schmerzen hat, dass seines Herzens Stärke keine Fortschritte macht, und wenn er so traurig wird, dann esse er oft diese rohen Kerne, dies gießt seinem Herzen einen Saft wie Schmalz ein und er wird an Stärke zunehmen und seinen Frohsinn wieder finden.“

„Wer aber Schmerzen in der Milz leidet, brate diese Kerne etwas am Feuer, und dann esse er sie oft etwas warm, und die Milz wird warm und strebt nach völliger Gesundheit…“

© Kay Weber

Eingriffliger Weißdorn (Crateagus monogyna) 

"Ich fühl mich so befreiet, von eitlem Trieb und Streit, nichts mehr das Herz zerstreuet, in seiner Fröhlichkeit." (J.W.v. Goethe)

Er (oder sie?) ist mir eines der liebsten Gehölze in unseren Breiten. Sein überschäumendes Blühen im Frühjahr, sein üppig-dichtes Grün im Sommer und seine satten, leuchtenden Beeren im Herbst künden von Vitalität, Kraft und Gesundheit. Aus blühenden Hecken ist er nicht wegzudenken; sowohl aus Gründen des Schutzes vor austrocknenden Winden und als idealer Aufenthaltsort für Vögel und Kleingetier, gibt er dem Vogelgeschlecht reichlich Futter und uns Säfte, Gelee und Konfitüren.

Bei den Slawen galt der Weißdorn noch als sicherer Schutz gegen Vampire und die Römer steckten seine Zweige zum Schutz an Stall- und Haustüren. In einem Hof, der von diesem Gewächs umgeben, lässt sich ruhig schlafen. Im isländischen wird er auch als Schlafdorn bezeichnet. Odin machte von diesem Zauber Gebrauch, als er Brunhilde mit einem Weißdornstachel stach, so dass sie in tiefen Schlaf versank. Dornröschens Rosenhecke bestand wohl auch unter anderem aus Weißdorn, auch die Hecken von Schneeweißchen und Rosenrot können nur aus Weiß- und Rotdorn gewesen sein.

Merlin, der Archetypus der keltischen Druiden, schläft träumend bis ans Ende der Zeit unter den Zweigen des Weißdorns. Gallische Christen waren überzeugt, dass die Dornenkrone des Heilands aus Weißdornzweigen bestand.

Bis heute erhält das britische Königshaus zu Weihnachten einen Blütenzweig von diesem Baum. Der Brauch, vor der Wintersonnenwende Obstholzzweige (Rosengewächse) zu brechen und zum „Glühen“ zu bringen, gehört in den Kreis des keltisch-germanischen Fruchtbarkeitszaubers. Der Brauch wurde auf die heutige Barbara übertragen. An ihrem Namenstag, dem 4. Dezember, gehen die Frauen und brechen – sie dürfen nicht geschnitten werden – die Barbarazweige. Das Blühen über Weihnachten weist auf ein gutes, glückliches und fruchtbares Jahr hin.

Weißdorn heißt der Heckenstrauch wegen seines hellen Holzes; ganz im Gegensatz zur Schlehe, die wegen ihrer dunklen Rinde auch Schwarzdorn genannt wird. Der Rotdorn ist übrigens nichts anderes, als ein Weißdorn, der rot blüht. Allgemein jedoch ist die Blüte weiß, die mehligen Beeren rot. Rot, Weiß und Schwarz sind die mystischen Farben „der“ Göttin (Frau Holle), die Farben von Milch, Blut und Tod. Alle dornigen Heckenpflanzen gehören der großen, weißen Göttin, deren Spur uns noch heute in vielen Märchen begegnet.

Der Tee aus getrockneten Blüten, Blättern und Beeren wirkt vorbeugend und als Heilmittel bei degenerativen Herzerkrankungen. Ein Aufguss von zwei bis drei Tassen täglich hilft bei Herzschwäche, Angina pectoris, Fettherz, Bluthochdruck, Herzklopfen, unregelmäßigem Puls, Herzstechen, Durchblutungsstörungen der Herzkranzgefäße und bei Schlafstörungen. Der Tee kann über Jahre und ohne Pause genommen werden. Herzkranke sollten es zunächst immer mit Weißdorn probieren, bevor sie zu Herzpräparaten anderer Herkunft greifen.

Erst kürzlich hieß es wieder, dass Herzerkrankungen die Todesursache Nummer Eins in Thüringen sei; sicher auch im Rest des Bundesgebietes. Muss es uns dann noch wundern, dass uns der Weißdorn auf Schritt und Tritt begegnet? Alles was wir brauchen, wird sich uns zeigen, oder besser offenbaren. Die Wegwarte fällt mir immer mehr dort auf, wo wir uns wirklich bewegen – am Rande von Autobahnen und Bundesstraßen, aber immer weniger an den Rändern der Wege, die wir nicht mehr gehen.

Die offenkundige und weithin sichtbare Vitalität des Weißdorns können wir, wenn wir der Natur, der Schöpfung, dem Gottesfunken wieder mehr Achtung und Respekt zollen, durchaus auf uns übertragen und in uns aufnehmen.

© Kay Weber

Hopfen (Humulus lupulus)

"Ich bin ein Wanderer, und ein Bergsteiger, und ich liebe die Ebenen nicht, und es scheint, ich kann nicht lang stillsitzen." (aus Zarathustra, F. Nietzsche)

Der Hopfen scheint, abgeleitet von seiner Verwendung als Bierwürze, ein urdeutsches Gewächs zu sein, doch wurde er zu Zeiten der Völkerwanderung aus Russland nach Europa gebracht. Griechen und Römer hatten Kenntnis von ihm, die Verwendung zur Bierbrauerei geht neben Deutschland auch von Frankreich aus. Doch bevor er zur Bierherstellung Verwendung fand, wurden neben Schafgarbe und Beifuß auch andere Bitterkräuter zur Verleihung der Würze verwendet. 

Seine Triebe mäandern sich durch ganz Europa, durch Sibirien, den Kaukasus und über den Polarkreis hinaus.  Wir finden ihn in Hecken, Gebüschen, an Flussufern und Waldrändern; also auch überall dort, wo sich Orte des Übergangs befinden, wo uns ein anderes Erlebnis- und Daseinssystem, eine andere Dimension erwartet.

Über die Benennungsmotive herrscht Unsicherheit. Lupulus, weil sich Pflanze wie ein Wolf (Lupus) um andere Pflanzen schlingt (wobei die Pflanze kein Schmarotzer ist, wie oft behauptet wird). Im Lateinischen bedeutet Lupus genau genommen Wolfshaken, womit die Kletterhakenhaare gemeint sein könnten. Daher findet sich bei Plinius wohl die Bezeichnung Lupus salictarius, was Weidenwolf bedeutet.

Im Aufguss und Absud fand Hopfen früher Verwendung bei Indigestion (Verdauungsstörung), Dyspepsie (Reizmagen), Scrophulose (Halsdrüsengeschwulst bei Kindern) und Rheumatismus.  Das Lupulin, eine bitter-gelbe Flüssigkeit aus den Fruchtkegeln, die getrocknet und gesiebt wird, wurde bei schmerzhaftem Urethral und Blasenleiden gegeben. Der Pariser Apotheker Planche war der erste, der 1813 die Aufmerksamkeit auf die Hopfendrüsen lenkte.

Hopfen vermindert Irritationen und wird bei Panikzuständen und Nervosität verwendet. Chemisch ist er mit THC, einem Cannabinoid verwandt. Er gibt uns ein Cannabis-ähnliches „High“ mit beruhigenden Qualitäten, Entspannung und tiefem Schlaf zugleich. Er zählt zu den Hanfgewächsen. Hopfenpflücker, die ihre Arbeit noch per Hand vollzogen, wurden schon nach kurzer Zeit recht müde.

Das Lieblingsgetränk der Männer allerdings (Bier) müsste ein Frauengetränk sein. Dies nicht nur, weil hierfür ausschließlich die weiblichen Blütenstände verwendet werden. Hopfen enthält Phytoöstrogene, er wirkt daher bei Wechseljahresbeschwerden und bei jungen Frauen wurde eine menstruationsfördernde Wirkung beobachtet. Vielleicht liegt es an den mit dem Hormon Östrogen verwandten chemischen Verbindungen, dass Bier trinkende Männer durchaus „weibliche Rundungen“ anzunehmen vermögen. Man ist nicht nur das, was man ist, sondern wohl auch das, was man trinkt.

Seine Heilwirkung wird mit antibakteriell, beruhigend, blutreinigend, entzündungshemmend und schmerzstillend grob umrissen, so wie es bei Bitterkräutern gute Sitte ist. Weiter wirkt er bei Magen- und Darmkrämpfen, Verstopfungen, Blasenentzündung, Blasensteinen, Herzklopfen, Schlafstörungen, Migräne und Angstzuständen. 

Die Signaturenlehre ordnet den Hopfen den Saturnpflanzen zu, die oft einen sauren oder bitteren Geschmack haben, zusammenziehend wirken, oft giftig sind (wie gefleckter Schierling, Salomonsiegel, Bilsenkraut und Stechapfel) und nur wenig Energie in eine farbenreiche und duftende Blüte verschwenden. Saturn ist derjenige, der allgemeine Spielregeln festlegt, damit kein Chaos ausbricht. er beschneidet und lenkt den Entfaltungsspielraum der Zellen und Organe, um die bestmögliche Funktion des Organsimus zu gewährleisten. Ist dies zu stark ausgeprägt, kommt es zur Erstarrung, der Vielfalt von rheumatischen und anderen chronischen Erkrankungen. Letztere haben sogar den Namen Saturns erhalten; Chronos lautet sein griechischer Name. 

Wer Hopfen im Garten haben möchte, muss eines bedenken; seine unerschrockene Vitalität zum einen und die Standortauswahl zum anderen. Schnell umschlingt und durchrankt er alles, was sich seinen agilen Trieben in den Weg stellt. Und das ist schlichtweg Alles. Als Randbepflanzung in wilden Hecken oder zur Begrünung dürrer oder abgestorbener Bäume und ist er gut geeignet. Möchte man ihn dazu bringen, Bögen oder Pergolas zu umranken, bedarf es fast täglicher Fürsorge, Hilfestellung und hin und wieder ein wenig Zurechtweisung. Zwar wächst und wuchert der Hopfen recht schnell, doch, wie bei Staudengewächsen üblich, sind die oberirdischen Teile einjährig und sterben ab. Die Prozedur der Begrünung muss im Folgejahr demnach aufs neue beginnen. Doch zur Belohnung können die jungen Triebe als äußerst delikates Wildgemüse geerntet werden; diese ähneln in Geschmack und Aussehen grünem Spargel. Die Hopfenblüten selbst zeigen sich erst Ende August, manchmal auch etwas später. 

© Kay Weber

Schwarzer Holunder (Sambucus nigra) Original verkauft

"Unerschütterlich ist meine Tiefe; aber sie glänzt von schwimmenden Rätseln und Gelächter." (aus Zarathustra, F. Nietzsche)

Keiner von uns wird sich der Allgegenwärtigkeit des Holunders erwehren können. Er ist ein Baum, an dem sich die Geister scheiden. Die Einen mögen und ehren ihn, die Anderen verachten und hassen ihn. Letztere, weil mit der Unbeliebtheit meist der Gedanke des Entfernens einhergeht, leben und handeln nicht ungefährlich. Nicht umsonst wird gesagt: „Willst du aus dem Leben scheiden, musst du den Holunder schneiden!“ Und tatsächlich; wer sich am Holunder - dem Tor zur Unterwelt der Frau Holle und des Teufels zugleich -  vergeht, dem Blühen der Mythologie zufolge sieben Jahre Pech.

Noch heute ziehen Bauern, wenn sie auf ihrem Weg einen Hollerbusch passieren, ihren Hut, weil sie wissen, dass sich in ihm das Tor zur Unterwelt befindet und er gute Geister beherbergt. Aber auch, weil er die „Unholderwesen“, sogenannte Gichter und Gichtinnen, welche Krankheiten unter den Menschen verbreiten, anzieht und direkt in den Kochtopf der Frau Holle befördert. Diese stellt des Teufels Großmutter dar, welche in dem Topf rührt und so das Abendessen für den Teufel bereitet, der zu dieser Zeit noch nicht dem Bild entspricht, welches wir heute noch, vermittelt durch die Kirche, haben.

Der Holunder hat etwas helles, etwas Himmlisches, wenn man im Mittsommer die Blüten betrachtet. Sie recken sich direkt der Sonne und dem Himmel entgegen, verströmen einen intensiven Duft, der uns regelrecht zu betören vermag. Viele mögen diesen Duft nicht, weil er die Schleimhäute bisweilen reizt, uns niessen lässt und es heisst sogar, der Holunder könne Pollenallergien auslösen. Dabei ist Holunderblütentee eines der besten Mittel, Pollenallergiekern Linderung zu verschaffen.  Der hellgelbe und schwer süßlich duftende Pollenstaub klebt beim Berühren an unserer Kleidung, unserer Haut; fast wie das Gold, mit dem Goldmarie, nachdem sie das Reich der Frau Holle verlassen hatte (also wiedergeboren wurde) und behaftet sie somit mit einem guten Karma. An dem Staub wie an dem Namen Goldmarie ist eindeutig die Signatur der Sonne, dem Allesvater und Lebensbegründer und -bewahrer, zu erkennen. Die Sonne vermittelt uns Themen wie Energiefreisetzung, Gefühlsäußerung und Gleichmaß.

Später dann, im Herbst, wendet sich das Blatt wie auch die Richtung. Die schweren, fast schwarz-rot glänzenden Dolden, weisen uns hängend den Weg in die Tiefe, in das Hollenreich. Die Zeit ist reif, sich auf den Weg in die dunkle Jahreszeit vorzubereiten. Die Holunderbeeren liefern uns alles was wir brauchen, auch diese Zeit der tiefgreifenden inneren Transformation zu bestehen. Der Planet Mars ist in dem blutroten Saft, auch aber in den scharlachroten Stengeln deutlich zu erkennen. Mars befähigt uns zur spirituellen Erneuerung, wozu die dunkle Jahreszeit wie geschaffen ist und stärkt unsere Abwehr, die bevorstehende Kälte und Zeit des Mangels zu überstehen. Vielleicht wird in dem Märchen der Frau Holle Pechmarie mit Holundersaft übergossen (auch der ist schließlich nur schwer zu entfernen),  und damit ihr Karma neu behaftet und sie wird durch die Marsanalogie überhaupt erst wieder in die Lage versetzt, physisch kämpfen zu können; denn wenn wir uns erinnern, lag sie doch in der physischen Welt nur faul im Bett herum. 

Heute gibt es zahlreiche Kräuter- und Rezeptbücher, in denen wiedergekäuertes Wissen auch über den Holunder vermittelt werden soll. Doch die tiefgründigen Erfahrungen, die man mit dieser (für mich besonders) heiligen Pflanze machen kann, sind so individuell wie die Erscheinungsformen des Baumes selbst. Auf alten Höfen, Bauernhäusern, Ställen und Scheunen wird man immer wieder Holunder wachsen sehen. Er sucht die Nähe des Menschen, bewahrt ihn vor den dunklen Mächten, bietet seinen Schutz förmlich an und nur wenige von uns können aus diesem Verhalten die richtigen Schlussfolgerungen ziehen. Alles was wir brauchen, kommt auf uns zu, begegnet uns, erscheint uns und offenbart sich. Wir erkennen die Botschaften unserer Umwelt kaum noch oder gar nicht mehr, wir hetzen an Allem und an uns selbst vorbei (so ähnlich formulierte es auch Zarathustra: „An dir musst du vorbei, und an deinen sieben Teufeln...“). Halten Sie einmal an einem Holunder inne, setzen Sie sich zu seinen Wurzeln, lehnen Sie sich an seinen Stamm, atmen Sie seinen Duft, betrachten Sie ihn eine Weile und schliessen Sie dann die Augen. Erst werden Sie sich wundern, dass nichts passiert. Doch dann werden Sie wach und stellen fest zwei oder gar drei Stunden geschlafen zu haben und dieser Schlaf war von lebhaften Träumen regelrecht durchtränkt (Versprochen!).

Und Eines noch; grüßen Sie ihn, wenn Sie ihm.., oder besser..., wenn er ihnen begegnet!

© Kay Weber

 

Pfaffenhütchen/Spindelbaum (Euonymus europaea) 

"Von seinen Zweigen wünscht das Mädchen im Brautkranze; Früchte hoffen Jünglinge." (J.W.v. Goethe)

Man könnte glauben, dass das Pfaffenhütchen all seinen Saft und sämtliche Kräfte über das Jahr hinweg sammelt, nur um im Herbst in einem Farbenkleid zu erleuchten, dass die meisten Sträucher und Gehölze vor Neid erblassen lassen soll. Kaum das dieser Strauch mit seinem durchschnittlich grünen Kleid und der silbrig-bräunlichen Borke uns im Frühjahr oder Sommer auffallen, oder sich gar von umgebenden Gewächs abheben würde, attackiert er in Spätsommer und Frühherbst mit einem wahren Feuerwerk die herbstliche Farbpalette. Um seine Blüten in Mai und Juni überhaupt entdecken zu können, muss man schon sehr genau hinschauen.

Im September und Oktober öffnen sich die Früchte mit vier purpurrosa bis karminroten Klappen, als wollten sie abheben, um zu ihrem Heimatplaneten zurück zu kehren. Sehr interessant ist ein Schnitt durch den noch weichen Samen. In dem orangefarbenen Samenmantel (Arillus) liegt der gelb-grünliche Embryo, umhüllt von weißem Mark. Ein Anblick, der sowohl in Humanmedizin wie auch in Science-Fiction-Filmen Analogien findet.

Grundsätzlich ist das Pfaffenhütchen – trotz seines niedlichen Namens – in all seinen Teilen giftig, besonders die Samen. Bauchschmerzen, Übelkeit, Erbrechen und Durchfall sind nur die noch erträglicheren Symptome. Kreislaufkollaps, Leberschwellung und Nierenschädigungen sind ein untrügliches Zeichen dafür, dass ein Überdosierung auch zum Tod führen kann. Für gewöhnlich sagt man, dass alles, was eine Pflanze bewirkt, auch von ihr geheilt werden kann. Dies mag auch für viele uns als Giftpflanzen bekannte Gattungen zutreffen. Denken wir an den Aronstab, die Herbstzeitlose, das Bilsenkraut, die Tollkirsche, das Maiglöckchen, den weißen Germer, den Fingerhut und viele andere in der Homöopathie verwendete Pflanzen. Doch konnte ich nach langem Stöbern und Suchen nichts finden, was die Wirkung des Pfaffenhütchens in einem besseren Licht erscheinen lässt. Einzig nur, dass das Holz des Pfaffenhütchens früher zum Drechseln, zur Zeichenkohleherstellung und als Putzholz für Uhrmacher Verwendung fand.

Nichts Bestehendes ist ohne Sinn. Und wenn sich dieser allein darin findet, dass im Spätsommer so aufflammende, sich von Allem abhebende und verlockend leuchtende Pfaffenhütchen unsere Herzen, Augen und Sinne erfreuen soll, so hat sich sein Sinn für uns allein darin ausreichend erschöpft.

Für Rotkehlchen, Wacholder- und Misteldrosseln jedoch ist der fleischige Arillus des Samen ein willkommener Genuss. 

© Kay Weber

Waldstorchenschnabel (Geranium sylvaticum)

"Du segnest herrlich das frische Feld, im Blütendampfe die volle Welt." (aus Goethes "Mailied")

Eine zarte, blau-violette Woge gleitet von Mai bis hinein in den September über unsere Wiesen. Wir finden ihn fast überall in vielen verschiedenen Formen. Als blutroten Storchenschnabel, als schlitzblättrigen-, stinkenden, Pyrenäen-, Sumpf-, Wald- und Wiesenstorchenschnabel. Letzterer gilt als Zeiger für gutes, nährstoffreiches Wiesenland. Auch in Gärten, Parks und städtischen Rabatten hat er in vielen, gezüchteten Formen Einzug gefunden – allerdings, wenn er erst einmal vorhanden ist, breitet er sich auch sehr stark aus.

Die Vielfältigkeit der Storchenschnabel-Arten und deren Widerstandsfähigkeit haben Gartenbauer und Pflanzenzüchter zu einem wahren Meer an Geraniensorten inspiriert.

Betrachtet man den Storchenschnabel genau, wird sich die Namensherkunft auch eröffnen. Die Spaltfrüchte zerfallen in fünf Fruchtfächer, von denen jeder einen durch den Griffel schnabelartig verlängerten Fortsatz hat. Die Fruchtfächer lösen sich ruckartig von der Mittelsäule und schleudern die Samen heraus. Dieser Schleudermechanismus verbreitet die Samen bis zu zwei Meter weit. Dieser Schnabelfortsatz ist für alle Gattungen typisch.

In der Volksheilkunde findet die Pflanze durchaus Verwendung. Alle Teile von ihr werden benötigt wenn es darum geht, Brechdurchfall, Durchfall, Darmkatarrh und Hämorrhoiden zu bekämpfen. Äußerlich verwendet man Storchenschnabel zu Auflagen bei Geschwüren und Wunden.

Da Storchenschnabel sogenannten „guten Schleim“ zu bilden vermag, eignet er sich auch bei Heiserkeit, Schluckbeschwerden und Entzündungen der oberen Atemwege. 

Seine Fähigkeit schleimbildend zu wirken, verrät die astrologische Signatur des Mondes, der für Energieaufnahme zuständig ist. 

Doch stecken auch die Qualitäten des Planeten Jupiter in der Pflanze. Sein Prinzip steht für Ausdehnung und Assimilierung, was man an der Wachstumsfreude und der Vorliebe für stickstoffreiche Böden sehr gut erkennen kann. Dies gilt auch für Pflanzen wie die Knoblauchsrauke, die Brennnessel, das Schöllkraut, den Löwenzahn, das Scharbockskraut oder auch die Goldrute. Hier zeigen sich Qualitäten wieder, die Anreicherung, Wachstum, Wohlbefinden und Neubeginn bedeuten.

Die Pflanze fördert jedoch auch unsere Kreativität, unsere Fähigkeit zur Selbstverwirklichung und kann uns zu Durchbruch und unerwartetem Glück verhelfen.

© Kay Weber    

Christrose (Helleborus niger)

Sagen und Legenden ranken sich um die Pflanze, die bei uns im Winter so herrlich blüht. So soll die Blume ein von der germanischen Göttin Freja verzaubertes Mädchen sein, das von seiner bösen Tante im Winter bei Nacht und Kälte hinaus gejagt wurde. 

In der Antike wurde ein Wurzelabsud der schwarzen Nieswurz in Wein gegen Geisteskrankheiten eingesetzt. Herakles selbst soll von einem Wahnsinnsanfall so geheilt worden sein. In Rom sagte man: „Helleborus opus habet!“ (Er braucht Nieswurz) von einem geistig nicht ganz normalen Menschen.

Fürwahr, zur Wintersonnenwende, und wenn es nicht zu kalt ist, die Sonne an ihrem Tiefpunkt angelangt ist, öffnen sich zögerlich die Blüten der Nieswurz. Rosa angehauchte, leicht grünlich-weiße Blütenblätter und ein honigsüßer Duft locken die noch wenig vorhandenen Insekten an. Sie ist, trotz ihrer Giftigkeit (wie viele Pflanzen, die sich gegen den Sonnenrhythmus auflehnen), eine der wichtigsten Heil- und Initiationspflanzen. Heilmittel oder Gift ist, wie bekannt, von der Dosis abhängig. 

Paracelsus bereitete aus den getrockneten Blättern der Nieswurz ein „Elixier zum langen Leben“, das seinerzeit sehr beliebt war. Mancherorts hieß es, dass es genüge die schwarze Nieswurz bei sich zu tragen, um ein hohes Alter zu erreichen.Beim Menschen konnte der „Schelm“, der Krankheitsgeist, der sich im Körper versteckt, mit der Nieswurz ausgetrieben – herausgeschwitzt, herausgebrochen, abgeführt, herausgenießt – werden. Neben den Kelten erkannten die Völker des Mittelmeerraumes die reinigende Wirkung, sowohl um Krankheiten auszutreiben, aber auch nicht wohlgesonnene Astralwesen abzuwehren.

Im Mittelalter wurde Nieswurzpulver auch gegen Apoplex (Schlaganfall) angewendet. Wenn ein Patient niest, dann sei er die folgenden 24 Stunden vor einem weiteren Anfall sicher. Der Moment des Niesens (so auch Gähnen oder Rülpsen) war für die Kelten ein magischer Moment. Der Moment des Übergangs, des Sich-öffnens. Wer niest, ist nach keltischem Glauben der Gefahr ausgesetzt, von Feen verschleppt zu werden. Dieser Moment muss durch einen Segenspruch oder ein Machtwort wie z.B. „Gesundheit“, Gotthelf“, Helf dir Gott“oder „Bless you“ geschützt werden.

Die schwarze Nieswurz, so Paracelsus, „…entfernt aus dem Leib, was nicht in ihm sein soll.“ Menstrualblut, Würmer, tote Leibesfrucht und Krankheitsstoffe. Die Wurzel hat die Macht, Gicht, Fallsucht (Epilepsie), den Schlag und Wassersucht zu vertreiben. 

Die kosmische Signatur der Nieswurz gehört dem Saturn. Er ist der langsamste sichtbare Planet, er hinkt als Greis hinterher, der kalte graue Winter entspricht ihm – die Zeit, in der die Nieswurz blüht. Saturn bringt Weisheit, Nüchternheit und Abgeklärtheit, aber auch Melancholie, Alterstarre, Gicht, Schwerhörigkeit und Verstopfung.

„Mehr Tugend und mehr Kraft ist in diesem Kraut“ schreibt Paracelsus, und fügt hinzu: „Ein Arzt, der diese Pflanze anzuwenden weiß, der hat Kunst genug!“

© Kay Weber

"Die Namenlose" aus dem Tiefurter Park (Sine nomine)

"Nur wer die Sehnsucht kennt, weiß, was ich leide." (J.W.v. Goethe)

An einem zunächst sehr kühlen, wässrig-vernebelten, dann aber gegen Mittag sonnendurchtränkten Oktobertag, streifte mich beim Schlendern entlang der munter plätschernden Ilm im Tiefurter Park dieser Zweig. Scheinbar war ihm meine Aufmerksamkeit wichtig. Diese schenkte ich dennoch einigen nervös über das Ufergestein hüpfenden und mit den Schwanzfedern aufgeregt wippenden Bachstelzen (die früher auch Ackermännchen genannt wurden). In diesem Moment aber zwängte sich die Sonne durch das zähe Nebelkleid, welches dem Tag bisher einen eher düsteren, traurigen Charakter verlieh.

Wie kleine, sich mutig zu Boden stürzen wollende Tautropfen wippten die goldig glänzenden Samenhülsen (oder –tropfen, -schoten, -samen?) erneut um meine Aufmerksamkeit vor mir her. Diesmal hatten sie auch Erfolg. Vom Sonnenstrahl berührt, schimmerten sie schüchtern, wippten durch herabfallende Tautropfen auf und ab. Die geduldig biegsamen Zweige hielten dem Treiben gelassen Stand.

Mich hat diese elegante Traurigkeit, diese belebende Abschlussphase eines Lebenszyklus fasziniert. Der Blick auf das Vergehende verspricht die Verlässlichkeit des Wiederkehrenden. Das ewige Lied. Bis heute weiß ich nicht, wer mir da begegnet ist, welcher Pflanzengeist mich angestupst, um meine Aufmerksamkeit gebuhlt haben soll. Ich kenne nicht den Namen, keinen Gott, keinen Mythos, kein Märchen. Nur die Bachstelzen, die genauso wippten. Und den Ort im Park. Die genaue Stelle. Ein Tag im Sommer würde wohl genügen, zur Not auch ein Bestimmungsbuch, und ich würde des botanischen Namens kundig werden. Doch soll es keine Eile haben. Manchmal genügt Kenntnis im Leben, und die Faszination geht dabei zu Grund.

© Kay Weber

Lärche (Larix decidua) 

Sie ist ein Kind der Sonne, was man am hohen Lichtbedarf und dem Wechsel der Farben des Nadelkleides durchaus erkennen kann. Die Besonderheit, dass sie als einziger einheimischer Nadelbaum ihre Nadeln im Herbst verliert, wurde im lateinischen Namen „decidua“ – abfallend – festgehalten. 

Nebel, Luftfeuchtigkeit und Nässe scheut sie, kommt sie doch mit 450 mm Jahresniederschlag sehr gut aus. Eine kurze, 2 – 3monatige Vegetationsperiode im Sommer im Hochgebirge genügt ihr zum Gedeihen. Dies erscheint auch als eindeutiges Sonnenindiz. Sonnenpflanzen erkennen wir an ihrem stolzen und aufrechten Wuchs sowie an majestätischer Größe, angenehmen und intensivem Duft. 

Ursprünglich kommt die Lärche in den Alpen und im östlichen Mittelgebirgsraum Europas vor, der Mensch hat aber ihr Vegetationsgebiet erweitert. Lärchen werden bis 40 Meter hoch (max. 54 Meter), also deutlich strebsam der Sonne entgegen. Sie erreichen ein Alter von bis zu 600 Jahren. Die prächtigen Urlärchen befinden sich im Ultental bei Meran in Südtirol.

Lärchen liefern das härteste und dauerhafteste Holz überhaupt, was schon die Römer zu schätzen wussten. Plinius behauptete, dass die Lärche durch Feuer keinen Schaden nehme, weder verbrenne noch verkohle. Die Wasserbeständigkeit des Holzes hingegen ist unumstritten. Für Wasserleitungen, Butterfässer, Melkeimer, Telegraphenmasten, Holzschindeln und im Schiffsbau findet ihr Holz Verwendung.

Harze von Nadelbäumen werden schon lange für Räucher- und Reinigungsrituale verwendet. Sie dienen aber auch als wertvolle Heilmittel. Das Holz der Lärche ist das harzreichste unter unseren Nadelbäumen. Ihr Harz wird auch „Lörtsch“ genannt. Auch kannte man es unter der Bezeichnung „Venetianische“, weil die Venediger am stärksten damit handelten. Dieses klare gelbbräunliche und honigdicke Harz mit erlesenem Geruch wurde bei Krankheiten der Lunge und der Haut in der Form angewendet, dass man kleine Harzkügelchen zerkaute. Heutige Lärchenharzsalben leisten auch bei Rheuma und Hexenschuss gute Dienste. Hierfür wird ein haselnussgroßes Stück Lärchenharz geschmolzen, mit zehn Esslöffeln Öl und 8g Bienenwachs verrührt und abgefüllt.

Lärchennadeln sind, im Gegensatz zu Fichten- und Tannennadeln, leicht giftig. Ein Absud aus  den Nadeln wurde auch als Abortivum eingesetzt. 

In den Alpen war die Lärche ein häufiger Haus- und Hofbaum. Besonders in Tirol war sie eng mit dem bäuerlichen Lebenskreis verknüpft. Die Lärche galt als Wohnsitz der guten Waldfrauen, unter deren Schutz besonders Mütter und Kinder standen. Die mit der Lärche verbundenen Baumfeen waren den Menschen immer wohlgesonnen, beschenkten sie reichlich und standen ihnen bei schweren Geburten zur Seite. 

Im Frühling und Sommer hebt sich das satte, fast lindgrün anmutende Blätterkleid der Lärche von seiner Umgebung deutlich ab. Im Herbst kann man das goldgelbe Leuchten der Lärche klar von allen anderen Nadelbäumen unterscheiden und den Baum so schon aus der Ferne gut bestimmen. Auch die Zapfen der Lärche, die mal völlig vereinsamt, oft aber eng aneinander geschmiegt paarweise oder zu Dritt auf den dünnen Zweigen verweilen, sind ein gutes Bestimmungsmerkmal.

Jedes Mal, wenn mir die tief herab hängenden Zweige mit ihren kleinen Zapfen an den Kopf stoßen, halte ich inne und betrachte die Harmonie, die Nähe und die Vertrautheit, mit der die Zapfen dicht an dicht nebeneinander verweilen. Was auch immer man daraus lesen oder erkennen möge – für mich steht die Lärche für Geduld, Zuversicht, Gleichgewicht und Gefühlsäußerung. 

© Kay Weber

Hasel (Coryllus avellana) 

Der Hasel ist eines unserer wichtigsten Heckengehölze. Die Hecke ist ein Ort des Übergangs. Hinter ihr begann das Reich der wilden Tiere, Gespenster, das der Waldunholde, Elfen und Gottheiten. Glaubt man den Kelten, schützt die Hecke, deren Teil immer der Hasel war und ist, vor chaotischen Kräften wie Gewitter, böser Zauber und Krankheiten.

Schläft man unter dem Hasel, werden demjenigen Zukunftstragende Träume geschenkt. Trägt man eine Haselgerte bei sich, hat der Wanderer gute Begegnungen, Schutz vor chaotischen Mächten und er kann – man höre und staune – Kräfte des Jenseits aufspüren, dirigieren oder herüberleiten (wir sollten hierbei an die Wünschelrute denken).

Bei Kinderlosigkeit wurde ein Haselzweig über das Bett der Eheleute gehängt, denn der Hasel hat mit sexueller Liebe und Fruchtbarkeit zu tun. Hier mag sich wohl der Grund finden, weshalb die mittlerweile heiliggesprochene Hildegard von Bingen nicht gut auf den Hasel zu sprechen ist: „Der Hasel ist ein Sinnbild der Wolllust, zu Heilzwecken taugt er kaum, es sei denn als Mittel gegen Impotenz!“ 

Trotzdem ist der Hasel ein kräftigendes und wertvolles Nahrungsmittel, denkt man an den Anteil biologisch hochwertiger Proteine und essenzieller Fettsäuren. 

Seit dem Neolithikum wurden Haselnüsse als Totenspeise (siehe Apfel, Weihnachten) den Gestorbenen in die Hand oder zwischen die Zähne gedrückt. Die Alemannen steckten Haselruten auf die Gräber ihrer Verstorbenen, genauso, wie es Aschenputtel auch tat.

Ein weiteres Geschenk der Hasel ist die Weisheit, die den gewöhnlichenMenschenverstand übersteigt. Sie macht diese Weisheit den Lebenden zugänglich, lässt sie die härtesten Nüsse – Lebensrätsel – knacken. Merkur oder auch Hermes, der kluge Schamanengott, ist derjenige, der ungestraft Grenzen überschreiten kann. Der Planet Merkur ist zugleich auch die astrologisch prägende Signatur der Hasel. Merkurpflanzen lieben sandige und überschaubare Standorte. Blühen können sie in allen Farben und ihre Samen wachsen in Schalen oder Schoten ( verborgene Gedanken), sie duften aromatisch herb und leicht süßlich. Das Prinzip des Merkur lässt sich mit den Worten Austausch, Bewegung, Geistesblitze, Genialität, scharfe Analysefähigkeit, Botschaft, Vermittlung und ausbreitende und ausstrahlende Energie beschreiben. Bewegung und Beweglichkeit sind wichtige Merkuranalogien. Dies gilt für unseren Bewegungsapparat, die Extremitäten und die Mimik genauso wie für das Nervensystem, das diese Bewegungen steuert und erst ermöglicht.

Es ist und bleibt der Gedanke, die Idee, dieses nicht greifbare kognitive Bündel, welches uns überhaupt ermöglicht, unser Leben planvoll zu gestalten, auszukleiden, ihm Form und Wandlung zu geben. Dafür steht die Hasel ganz besonders.

Vom bloßen Berühren des Hasel versprach sich das einfache Volk Heilung (der Gedanke allein ist schon ausschlaggebend genug). Der von Schlangen umwundene Stab des Götterboten ist aus Haselholz geschnitzt.

© Kay Weber

Knoblauch (Allium sativum)

Man mag ihn oder man mag ihn nicht; für ein „Dazwischen“ ist der Knoblauch nicht gedacht und er selbst würde es nicht mögen. Er ist eine Pflanze, die es nicht zulässt, die Diplomatie zu unterstützen. Er geht aus Ganze! 

Nosferatu und seine vampirischen Gebrüder verabscheuten ihn, bei den germanischen Völkern stand er in hohem Ansehen. In Ägypten kannte man ihn, die Römer schätzten ihn sehr, Hildegard von Bingen erwähnte ihn zumindest (scheinbar mochte sie den Knoblauch nicht, weil er, wie alle Laucharten ihrer Meinung nach, nah der fauligen Erde wuchsen), Hyroniemus Bock empfahl ihm denjenigen, in dessen Leib im Schlaf eine Schlange gekrochen ist.

Er wird gegen das „Irresein“  empfohlen, sollte er doch als apotropäisches Mittel gegen den Zauber wirken. Man hing ihn in Häusern und Ställen auf, trug ihn in Böhmen als Kette gegen den bösen Blick, in Schweden zur Hochzeit gegen die neidischen Elfen und in Schlesien um missgünstige Geister fernzuhalten. 

In welcher Form auch immer, ist er uns doch heute als großes Heilmittel bekannt. Man setzt ihn bei Gärungsprozessen im Darm ein, zur Senkung der Blutfettwerte, zur Vorbeugung von Arteriosklerose, seinen Saft äußerlich bei Pilzerkrankungen der Haut; er bremst Alterungsprozesse, verbessert die Konzentrationsfähigkeit hilft bei Bronchitis, Gelbsucht, Keuchhusten und stärkt Herz und Kreislauf. 

Auch die biologisch-dynamischen Gärtner schätzen ihn sehr, ist er doch im Allgemeinen ein guter Schutz gegen Schadinsekten, besonders gegen die Rosenblattlaus. Besonders gut gedeihen in seiner Nachbarschaft Rosengewächse und Lavendel. Letzterer gilt ja auch als eine Pflanze, die dem Erreichen eines gesunden und hohen Alters zuträglich ist. Alles was scharf schmeckt und intensiv riecht, ist gut für ein gesundes und langes Leben.

Die am meisten heraus ragende Planetensignatur ist die des Planeten Mars. Der Mars steht für Abwehr, Angriff, Aggression, Triebstruktur, tiefgreifende innere Transformation sowie spirituelle Erneuerung – Begriffe, die auf den Knoblauch wie zugeschnitten wirken. Aber auch die Eigenschaften des Planeten Saturn werden deutlich. Kontrolle (Dominanz), Abgrenzung, Struktur, Wiederkehr sind seine Schlagworte, die dem Knoblauch sympathisch sein dürften.

Aus der ländlichen wie auch aus der gehobenen Küche ist der Knoblauch kaum wegzudenken. Die Frage des Maßes wird durch den Geschmack des Einzelnen bestimmt. Trotzdem werden noch immer viele Fehler gemacht. Knoblauch sollte nie durch die Presse gezwängt oder gar mit dem Pürierstab malträtiert werden, da er dann, wie alle lauchartigen Gewächse, einen bitteren und sehr galligen Geschmack bekommt. Auch stumpfeMesserklingen mag er nicht. Bestenfalls sollte Knoblauch fein geschnitten und mit etwas Meersalz vermischt im Mörser verrieben  werden.

Die Ausdünstungen durch Haut und Mund nach dem Verzehr sind nur schwer zu unterdrücken. Frische Petersilie soll gekaut zwar Linderung verschaffen, doch müssen dies dann erhebliche Mengen sein. Man kann es nicht umgehen; es sei denn, alle essen ihn mit, denn er trägt auch zu einer besseren Gesichtsfarbe bei.

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Beifuß (Artemisia vulgaris)

"Pflanze die Liebe zum Segelschiff ins Herz deines Volkes, und es wird dir alle Inbrunst aus der Erde saugen, um sie in Segel zu verwandeln." (Antoine de Saint-Exupéry)

Man kann ihn wörtlich nehmen und soll ihn, so die Volksmythologie, dicht bei Fuße tragen, damit der Wanderer keine schweren und schmerzenden Füße bekommt.

Der Name „Artemis“ leitet sich von der Schutzgöttin der gebärenden Frauen ab. Als wahres Frauenmittel findet er sich in allen Kulturen; er beschleunigt die Geburt, fördert und erleichtert die Menstruation, behebt die Unfruchtbarkeit und treibt die Nachgeburt aus.

Der Beifuß ist eine ausgeprägte Saturnpflanze, verschwendet er doch keine Energie in üppiges Blütenwachstum, betörende Düfte und pralle Farben, sondern konzentriert und leitet seine Energien in die inneren Qualitäten. Sein ausgesprochen bitterer Geschmack regt unsere innersten und tief seit Urzeiten bestehenden Triebe an, wirkt er doch direkt auf unser„Reptilien-Gehirn“ ein. Beifuß geht ganz in die Tiefe. Allen saturnischen Pflanzen haben einen bitteren bis sauren und scharfen Geschmack ohne aufwendiges Blütenwachstum. Ihnen geht es um Abgrenzung, das Schaffen von Strukturen, der kosmischen Reinigung. In jedem System muss es eine Instanz geben, welche allgemeingültige Spielregeln festlegt, damit kein Chaos ausbricht. Saturn beschneidet den Entfaltungsspielraum der Zellen und Organe, um die bestmögliche Funktion des gesamten Organismus zu ermöglichen. Dies besonders auf der Ebene, seiner direkten Bestimmung zu folgen und nicht dem Facettenreichtum seiner eventuellen Möglichkeiten zu erliegen.

Auch als Schutzkraut findet der Beifuß breite Verwendung. Aus ihm geflochtene Kränze wurden zu Johanni in Stall, Haus und Hof aufgehängt, damit sich Böses fernhält. Gürtel oder Kränze aus ihm trug man beim Tanz um das Johannisfeuer und warf sie dann hinein. Alles Böse, schlechte Geister (heute sagt man wohl schlechte Energien), Unheil und Krankheit bringendes blieb an ihm und seiner Unausweichlichkeit haften und wurde dann verbrannt.

Schon in vorchristlicher Zeit wurde er als Räucherkraut benutzt. Die nordamerikanischen Ureinwohner, die Kelten, die Chinesen und auch die Ureinwohner Tasmaniens kannten ihn und verwendeten das Kraut vornehmlich als Schutzkraut gegen Zauber und Unheil und zum vertreiben böser Geister.

Plinius schreibt, dass, wer Beifuß bei sich trägt, dem weder Gifte noch wilde Tiere schaden können.

Nach mittelalterlichem Glauben konnte man den unter dem Haselstrauch lebenden Haselwurm (auch bekannt als weiße Schlange, die als Symbol für unser Reptilienhirnnebst Rückenmark gedeutet wird) fangen, wenn man ihn mit dem Staub von zerriebenem Beifuß bestreute und beruhigend auf ihn einsprach. Aß man das Fleisch des Haselwurms, so konnte man die Sprache der Tiere verstehen und erhielt Macht über die Geister. Demjenigen bleiben dann die Signaturen und Wirkungen der Kräuter kein Geheimnis mehr.

Beifuß hat uns auf unserem Weg des Menschwerdens immer schon begleitet, unsere Vorfahren haben ihn immer geschätzt, verehrt und dankbar genutzt. Auch erinnert er (oder Saturn?) uns immer wieder daran, woher wir tatsächlich kommen und wohin es mit uns gehen soll.

Vielleicht sollten wir wieder mehr darauf achten, welche Pflanzen sich uns regelrecht aufdrängen, welche die Ränder unserer Wege säumen, still auf sich aufmerksam machen, sich still und selbstlos anbieten. Nicht nur unser Dank sollte diesen Pflanzen gewiss sein, sondern auch unser Respekt! 

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Lichtnelke (Silene dionica)

"Die ganze Vielfalt, der ganze Reiz, die ganze Schönheit des Lebens besteht aus Schatten und Licht." (Leo N. Tolstoi)

Sauerampfer (Rumex acetosa)

"Tu anderen nicht, wie du willst, dass sie dir tun. Ihr Geschmack könnte ein anderer sein." (George Bernard Shaw)

Alle Kinder lernen die saure Köstlichkeit schon recht früh kennen. Unter all den verschiedenen Frühlingskräutern ist der Sauerampfer wohl das bis heute bekannteste. Begleitet von Waldsauerklee, Scharbockskraut, Gundermann, Brennnessel, Löwenzahn und anderen ist er ein fester Bestandteil der grünen Neune – der keltisch-germanischen Kultspeise, die den Körper von den Wirkungen und Ermangelungen des Winters befreite und mit dem erwachenden Lebensgeist des neuen Jahres verband. 

Ägypter, Griechen und Römer verwendeten den Sauerampfer als Ausgleich zu fettreichen Speisen, bewirkt doch die Geschmacksausrichtung „Sauer“ ein zusammenziehen der Säfte. Roh oder gekocht kann Sauerampfer gegessen werden. Zu reichlicher, alleiniger Genuss aber kann zu einer Oxalatvergiftung führen, was dem Entstehen von Nieren- oder Blasensteinen förderlich ist. Doch auch hier gilt, das natürliche Geschmacksempfinden nicht zu überstrapazieren. Da Sauerampfer stickstoffreiche Böden liebt, sollte man darauf achten, dass er nicht von überdüngten Wiesen stammt. Zudem ist er ein guter Säurezeiger und meidet Kalkböden. 

Wild wachsende, schwer zu kontrollierende Unkräuter gelten oft als Bild blinder, niedriger Gedanken, die radikal ausgerottet werden müssen. Ein amerikanisches Standardwerk schreibt: „Sauerampfer ist ein Kommunist! Er hisst seine rote Flagge, wo immer er eindringt, und er dringt überall ein, wo die demokratischen Gräser mit schwierigen Umständen zu kämpfen haben. Obwohl er klein ist, kriechen seine schlangenartigen Wurzeln durch die Graswurzeln und lassen neue ROTE hier und da spriessen!“ Die Wirrungen des kalten Krieges und die Angst vor dem Feind aus der Ferne haben also eine Art der phytopolitischen Kreativität  geboren. 

Tatsächlich findet sich im  Sauerampfer unter anderem die Signatur des Planeten Mars. Marskräuter sind rötlich, haben spitze und scharfzackige Blätter, geradlinig strukturierte und stabile Halme. Hätte man damals diese Eigenschaft schon gekannt, wäre wohl ein völlig neues Feindbild entstanden.

Sauerampfer wirkt, wie fast alle Frühlingskräuter, blutreinigend und entschlackend. Sein Oxalsäureanteil macht ihn zu einem guten Fleckentferner. Ob in Kombination mit Spinat, Portulak oder als Salatzutat, zu kalten Eierspeisen oder Omeletts, zu Fischgerichten oder als wichtige Zutat in der berühmten Frankfurter grünen Sauce – Sauerampfer kann vielen Gerichten eine sehr besondere Note verleihen, die kaum ein anderes Kraut zu geben im Stande ist. 

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Seidelbast (Daphne mezereum)

"Einsamer!, Du gehst den Weg zu dir selber! Und an dir selber geht dein Weg vorbei, und an deinen sieben Teufeln!" (aus Zarathustra, F. Nietzsche)

Von ihm stammt einer der ersten verführerischen und äußerst starken Düften, der uns im noch jungen Frühjahr den Weg durch lichtes Unterholz führen lässt. Die kleinen Sträucher werden meist zuerst mit der Nase gefunden – nicht selten schon aus zehn bis zwanzig Metern Entfernung. 

Die Freude jedoch, ihn gefunden zu haben, wird von der Gewissheit getrübt, dass alle Teile von ihm giftig sind; besonders seine roten Scheinfrüchte. Zehn bis zwölf Stück von ihnen sollen tödlich giftig sein. 

Beim Zerreiben der Zweige und Früchte werden übel riechende und giftige Stoffe ausgeschieden. Die alleinige Berührung der Pflanze oder des Blatt- und Fruchtsaftes führt zu Hautentzündungen und Muskelkonvulsionen (Muskelzucken) und bei schweren Fällen eine allgemeine Vergiftung des Organismus. Der Verzehr von zehn Beeren kann für Kinder tödlich enden. Diese schwere toxische Wirkung erschwert dem Seidelbast den Einzug in die Heilkunde. Wenn, dann darf er nur in homöopathischer Verdünnung Anwendung finden. Ab der Potenzierung D4 hilft er gegen Hautprobleme, Ekzeme, Gürtelrose, verschiedene Herpesarten und nässende Ausschläge. Auch gegen Kopfschmerz und Verstopfung kann er eingesetzt werden. 

Der Beiname „mezereum“ stammt aus dem Arabischen (Mazerium = Töten) und charakterisiert die Giftigkeit des Strauches. In Erinnerung an die liebliche Nymphe Daphne, die Tochter des Flußgottes Peneus, die laut griechischer Mythologie in einen Lorbeerkranz verwandelt wurde, trägt der Seidelbast in der Botanik den Gattungsnamen „Daphne“. 

Karl Heinrich Waggerl schreibt im heiteren Herbarium: 

 

„Wie lieblich duftet uns im März

der Seidelbast! Doch innerwärts

ist er voll Gift und Galle!

Weil wir, in diesem Falle, 

das Wunder nur beschauen sollen, 

(Man muss nicht alles kauen wollen !)“

 

Im Seidelbast finden wir, neben der kosmischen Vereinigung von Sonne und Mond, die planetarische Dominanz des Mars. 

Die Heftigkeit der Abwehrreaktion und die Schmerzhaftigkeit der Entzündung durch kurze Berührung zeigt deutlich die Marsanalogie im Seidelbast. Mars versetzt uns erst in die Lage, physisch kämpfen zu können – und auch zu müssen.

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Scharfer Hahnenfuß (Ranunculus acris)

"Das Tao kann man nicht wahrnehmen. Kleiner als ein Elektron enthält es unzählige Universen." (Lao-Tse)

Ab dem Monat April versinken feuchte Wiesen regelrecht unter einem sattgelb glänzenden Schleier – den Blüten des Hahnenfußes. Bis etwa über einen Meter recken sich die Halme in die Höhe und krönen den gerade zaghaft angebrochenen Frühling. Als Kinder haben wir etliche Sträuße für unsere Mütter gepflückt, in der Annahme, es wären Butterblumen. Der Volksmund lässt mancherorts diesen Namen auch zu, meint aber, um es genau zu nehmen, die Sumpfdotterblume, die jedoch auch zu den Hahnenfußgewächsen zählt.

Alle Hahnefußgewächse (brennender Hahnenfuß, Knollenhahnenfuß, scharfer Hahnenfuß, Sumpfdotterblume, Rittersporn, Leberblümchen u.v.m.) zählen für Menschen als grundsätzlich giftig. Die Symptome finden Ausdruck in Entzündung der Speiseröhre, Sodbrennen und Magenschmerzen, Überfunktion der Bauchspeicheldrüse, Erbrechen, Durchfall, Zittern, Funktionsstörungen des zentralen Nervensystems, beschleunigtem Atmen und der Störung der Herztätigkeit. In besonders schweren Fällen kann der Tod eintreten, doch um diese Dosis zu erreichen, bedarf es eines völligen Ausschaltens des natürlichen Geschmacksempfindens. Zu solch hohem Verzehr ist es früher jedoch gekommen, da die Blätter des Hahnenfußes als Abführmittel verwendet wurden. 

Durch Trocknen und kochen zerfallen die Gifte und das Kraut verliert seine Toxidität. Die Volksmedizin setzt Hahnenfuß bei Kopfschmerzen, Neuralgien, Rheuma und Podagra (Gichtanfall im Großzehengrundgelenk) ein. Die Pflanzenteile wurden in verarbeiteten Zustand auf eiternde und schwer heilende Wunden sowie bei Hauttuberkulose aufgetragen. Das Protoanemonin stimuliert in geringen Dosen die Funktion des Nervensystems und erhöht das Hämoglobin der roten Blutkörperchen. Zudem hat es eine bakterien- und pilztötende Wirkung.

Maria Treben empfiehlt, den Hahnenfuß zu Asche zu verbrennen, diese zu verreiben und mit Wasser homöopathisch auf die achte Dezimalpotenz  D8  zu bringen. Dieses Präparat über die Äcker gesprüht, soll diese in wenigen Jahren Unkrautfrei machen.

Wie dem auch immer sei; erfreuen wir uns an dem im Wind sich wiegenden, buttergelben Teppich im Frühling und pflücken unseren Müttern einen Strauß „Butterblumen“!

Im Hahnenfuß finden sich die planetarischen Signaturen der Sonne (Mitte,Energiefreisetzung, Leben, Gefühlsäußerung, Gleichmaß), die des Jupiters (Ausdehnung, Anreicherung, Wachstum, Neubeginn, Erweiterung und Glück) und die des Mars (Abwehr, tiefgreifende Transformation, Platz für Neues, spirituelle Erneuerung).

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Sibirische Schwertlilie (Iris sibirica)

"es gibt keine gefährlicher Waffe als den Willen; auch das schärfste Schwert kommt ihm nicht gleich." (Dschuang Dsi)

Die aufrecht über dem Wiesengras stehenden und von Weiten sichtbaren blauvioletten Blüten der sibirischen Schwertlilie können wir nur noch selten begegnen. Um sie trotz ihrer auffälligen Erscheinung zu finden, bedarf es längerer Suche. In der Nähe von verschwiegenen Sumpf- und Moorwiesen sowie im Überschwemmungsbereich von Bächen und Flüssen findet man sie gelegentlich. Voraussetzung für die Erhaltung dieser schönen Pflanzenart, ist eine einzige Mahd im Spätsommer mit Abtransport des Mähgutes. 

Weit verbreitet hingegen findet sich die Sumpf-Schwertlilie an stehenden wie an fließenden Gewässern, in Waldsümpfen, Ebenen und im Hügelland. Auch ihre satt-gelben und stolz aufrecht stehenden Blüten verkünden sich schon aus der Ferne.

Wir kennen mehrere Arten dieser Pflanze, meist wird aber – und nur noch selten – dieDeutsche Schwertlilie (Iris germanica) als Heilpflanze genutzt. Zu Heilzwecken gebraucht man die verwilderte Pflanze, die warme und sonnige Plätze bevorzugt. Hierbei verwendet man die mindestens 3jährige Wurzel innerlich bei Blasenkatarrhen, Entzündungen der Gallenblase, chronischen Husten, Blutkrankheiten, Schlaflosigkeit und bei Leberleiden, äußerlich zur Mundspülung gegen Mundgeruch. Hildegard von Bingen empfahl ihren Einsatz bei oberflächlichen Verletzungen der Haut.

Chinesen und nordamerikanische Ureinwohner verwendeten die Wurzeln frisch oder getrocknet, gewannen Stärke aus ihnen, bereiteten gekochtes oder auch gebackenes Gemüse zu und aßen sie auch roh. 

In der Lilie findet sich die astrologische Zuordnung der Sonne. Diese zeichnen sich durch meist gelbe, bisweilen aber auch rote Blüten aus, riechen sehr angenehm, haben oft ein majestätisches Erscheinungsbild und bevorzugen offene und sonnige Standorte. Aber auch die Qualität des Planeten Jupiter findet sich in der gelben und bläulichen Farbe, ihrem dominanten Wachstum und der Eigenschaft, stickstoffhaltige Böden zu bevorzugen. Jupiter wie auch die Sonne sind Gasriesen; sie stehen für Assimilierung, Ausdehnung, Anreicherung und Energiefreisetzung. Die Sonne steht für Vitalität schlechthin. Sie gibtAuskunft darüber, wie groß unser Lebenswille ist. An dem stolzen aufrechten Erscheinungsbild der Pflanze selbst lässt sich das allein schon ablesen. So wie die Sonne in jeder Hinsicht der Lebensmotor unseres Planetensystems ist, so ist das Herz der Motor unseres Körpers. Es sorgt für Zirkulation, Bewegung, Gefühlsäußerung und Leben.

Ganz ähnlich ist auch Jupiter. Auch er treibt das Leben an, sorgt für Ausdehnung, Wachstum, Wohlbefinden, Erweiterung, Selbstverwirklichung und Durchbruch. Oft wird er auch Glücksplanet genannt. Alle Krankheitsbilder, die dem Jupiterprinzip unterstehen, sind ein Hinweis auf den untauglichen Versuch, einen Mangel an persönlichem Glück und echter innerer Größe auszugleichen. Die organische Entsprechung vom Jupiter ist die Leber, aber auch die direkt über dem Herzen (Sonne) sitzende Thymusdrüse, die in Pubertät und Adoleszenz von größter Wichtigkeit ist.  

Sonne und Jupiter sorgen für unser Wohlbefinden, für unsere Gesundheit. Es bedarf gesunder Nahrung und der Fähigkeit, diese umzusetzen. Die Leber spielt hier eine entscheidende Rolle. Sie produziert Hormone (Endorphine), die für unser seelisches Wohlbefinden verantwortlich sind. Auch die Redensart: „Dir ist wohl eine Laus (Mars) über die Leber (Jupiter) gelaufen?“ zeigt, dass man um die Bedeutung der Leber schon länger weiß, als medizinisch nachgewiesen werden kann.

Nehmen wir uns ein Beispiel am stolzen und aufrichtigen Stand der Iris, achten auf die Botschaften der Pflanzen, der Natur, heben unseren Blick und schauen vertrauensvoll nach oben – in die Sterne!

© Kay Weber

Knoblauchsrauke (Alliaria petiolata)

"Die verbotene Frucht im Garten Eden ist eine halluzinogene Droge. deren Genuss die Illusion von Raum und Zeit erzeugt!. (Andreas Tenzer)

Seit viele Gebüsch- und Wegränder durch Abfälle verschmutzt und durch Düngereintrag eutrophiert werden und zunehmend altes Gartenland brachfällt, können sich stickstoffliebende Pflanzen ungestört ausbreiten.

Die Knoblauchsrauke beherrscht mittlerweile ganze Wald- und Gebüschsäume zusammen mit Brennnessel, Klettenlabkraut und Giersch. Früher war sie als Salatpflanze in Bauerngärten durchaus vertreten. Ihr stark an Knoblauch erinnernder und bisweilen nussig-bitterlicher Geschmack, garantiert ihr auch heute einen festen Platz in meinen alljährlichen Sammelritualen. Am liebsten verarbeite ich sie zusammen mit Weizenkeimöl, Pecorino, gutem Salz, gewalztem Pfeffer und Nüssen (meist Haselnüsse) zu Pesto. Aber auch als Salatzutat, für Kräuter- und Kartoffelsuppen und zu Wildgerichten eignet sie sich hervorragend. Letztendlich passt sie zu allem, wo auch der Knoblauch hinein gehört, doch darf sie bei länger gegarten Gerichten keinesfalls viel Hitzeeinfluss erfahren, da ihr Geschmack sonst zu bitter und gallig werden kann. Bei gebratenen, geschmorten oder länger gekochten Gerichten sollte sie eine der abschließenden, vollendenden Zutaten sein.

Ähnlich wie Knoblauch, wirkt sie zunächst desinfizierend, versorgt uns mit reichlich Calcium, Magnesium und Vitamin C. Ihre Eigenschaft, bakterielle Infektionen, umweltbedingte Erkrankungen, Akne, Substanzverlust und Störungen des Kupferstoffwechsels beim Schopfe zu packen, verrät die Signatur der Venus. Sie steht für Ausgleich, Substanzbildung, Mütterlichkeit, die Verbindung von Geist und Materie. Fortuna major“ – das kleine Glück, dass ist der Auftrag der Venus. Ihr geht es um das sinnvolle Nutzen von Energien, sie angemessen im Körper zu verteilen und einzulagern. Primär entspricht die Venus den Nieren, die neben der Ausfilterung von Harnstoff auch das Säuren-Basen-Gleichgewicht und den pH-Wert der Körpersäfte zuständig sind. Wenn uns etwas an die Nieren geht, heißt das, dass wir in unangemessener Weise aus unserem psychosomatischen Gleichgewicht gebracht sind. Die Steuerung von Regelmechanismen hat viel mit unserer inneren und äußeren Welt zu tun. Anhand ihrer Ausdehnungsfreude erkennt man eine weitere Planetensignatur, nämlich die  Eigenschaften des Jupiter (wie Sie beim Storchenschnabel erfahren können).

Die Knoblauchsrauke hilft uns neben vielen anderen frischen, den Winter aus den steifen und frierenden Knochen treibenden Frühlingskräutern, dieses Gleichgewicht wieder herzustellen. Bei einer zünftig-kräuterigen Frühjahrskur sollte sie nicht mehr fehlen. Selbst in die Gründonnerstagssuppe – die keltische grüne Neune – gewähre ich ihr Einzug, auch wenn sie vom Ursprung her nicht hinein gehörte. 

Scheinbar drängt sie sich uns dank ihres massenartigen Vorkommens genau dann auf, wenn unser Gleichgewicht – ob wir es nun zugeben wollen oder nicht – es benötigt. 

Viel Spaß beim Sammeln, kochen, essen, auftanken und ausgleichen.

© Kay Weber