Rosskastanie (Aesculus hippocastanum) 

Er ist wohl der erste Baum, den wir als Kinder zweifelsfrei zu deuten wissen. Das Sammeln seiner Früchte spricht unseren Urinstinkt, Sammeln um zu überleben, an, auch wenn die Kastanien dann als Wildtierfutter oder für Basteleien verwendet werden.

Ursprünglich ist er ein Baum des Südens, obwohl seine genaue Herkunft nicht mehr nachvollziehbar ist, wird das Balkangebiet angegeben. Ausgedehnte, natürliche Kastanienwälder gibt es jetzt nur noch im Appennin. Die Vorkommen auf der iberischen Halbinsel und in Frankreich sind jedoch nicht ursprünglich. Das berühmteste Exemplar gedieh auf dem Aetna und soll einen Stammumfang von unglaublichen 61 Metern besessen haben. Noch heute existieren dort Exemplare mit einem Stammdurchmesser von bis zu sechs Metern. Die Kastanie, von ihr sind bis zu 100 Unterarten bekannt, scheint wohl die Hitze zu lieben, ein Kind der Sonne zu sein! Das zeigte sich auch in den hiesigen Hitzesommern der vergangenen Jahre. Während die Kastanien seit etwa 25 Jahren unter dem Befall der ebenso - und ihr nachreisenden - aus dem Balkan stammenden Rosskastanien-Miniermotte litt, zeigte sie mancherorts weniger Befallsanzeichen. Das Grün ihrer Blätter wurde deutlich später weniger welk und braun, und die Bäume zeigten sich größtenteils in sattem und beständigem Grün. Vielleicht waren es die ausgenommen heißen und trockenen Sommer der Jahre 2017 bis 2019, die das Immunsystem des Baumes stärkten? Und vielleicht lebten die Miniermotten in ihrem Ursprungsgebiet in einer Symbiose mit dem Baum, die ihn mehr fördert als schädigt? Oft sind es zyklische und auch antizyklische Befalls-Situationen, die sich uns visuell zwar in einer Schädigung offenbaren, letztlich wohl jedoch den einzelnen Baum langfristig stärken, ihn gleichzeitig aber an einer zu starken Ausbreitung hindern, um Vielfalt zu ermöglichen. Nicht nur manchmal handelt die Natur in ihrem eigenen, uns nicht auf den ersten Blick erkennbaren Sinn. Vielleicht genügt auch unsere Er-Lebens-Spanne nicht, um überhaupt urteilen zu können. So also reisen die Miniermotten mit einer Geschwindigkeit von 100km im Jahr den Bäumen nach und haben mittlerweile schon die schottische Grenze überschritten.

 

Karl der Große empfahl Kastanienbäume gemeinsam mit Maulbeer-, Mandel- und Feigenbäumen zum Anbau in den königlichen Pfalzen. Auch wurde zu dieser Zeit der Vergleich zwischen Kastanienbaum und Kartoffelstaude als Nahrungsmittel getroffen. Bis zum 17. Jhd. war die Kastanie in wärmebegünstigten Regionen ein Volksnahrungsmittel. Mit einem Stärkeanteil von 43% sicherten die Früchte das Überleben der Not leidenden Bevölkerung bei Missernten. Die Kartoffel aber gewann das Rennen im Zuge der sich im 18. Jhd. anbahnenden landwirtschaftlichen Revolution. 

Früher wurden die Maronen neun Tage gewässert, danach räucherte man sie einige Wochen in einem Dörrhäuschen. Je länger sich dieser Prozess hinzog, desto haltbarer wurden die Früchte. Danach füllte man sie in einen Jutesack und hing sie so lange über einen Hackstock, bis sich die Schale von allein löste. Kühl und trocken konnten sie so zwei bis drei Jahre aufbewahrt werden. Gemahlen und vermischt  mit Roggenmehl wurde so in Kalabrien und auf Korsika das so genannte Baumbrot gebacken. 

Noch heute werden in Frankreich dreihundert Kastaniensorten unterschieden, von denen sich nur wenige auf dem Markt wirklich durchsetzen können. Ihr mehliger, irdener und etwas dumpfer Geschmack stößt heute mehr auf Ablehnung. Übrig geblieben von der einstigen Vielfalt sind allein die Maronibräter in den Fußgängerzonen südeuropäischer Städte. Bei uns dienen sie hier und da als Füllung für die Martinsgans, als Beilage zu Wildgerichten, seltener als Suppenzutat. Der Sinnspruch, die Kastanien aus dem Feuer zu holen kommt daher, dass sie im Kochwasser oder im Ofen gegart werden. Sie heraus zu holen, galt als unangenehme Aufgabe.

 

Nach Hildegard von Bingen ist „…die Frucht sehr nützlich gegen jede Schwäche die im Menschen ist.“ Und weiter sagt sie: „Der Mensch, dem das Gehirn infolge Trockenheit leer ist und daher schwach im Kopf ist, koche die Fruchtkerne im Wasser und er füge nichts anderes hinzu, und wenn das Wasser ausgegossen ist, soll er es nüchtern und nach dem Essen nehmen und sein Gehirn wächst und wird gefüllt und seine Nerven werden stark und es wird der Schmerz im Kopf weichen.“ 

Weiter führt sie aus: „Wer im Herzen Schmerzen hat, dass seines Herzens Stärke keine Fortschritte macht, und wenn er so traurig wird, dann esse er oft diese rohen Kerne, dies gießt seinem Herzen einen Saft wie Schmalz ein und er wird an Stärke zunehmen und seinen Frohsinn wieder finden.“ „Wer aber Schmerzen in der Milz leidet, brate diese Kerne etwas am Feuer, und dann esse er sie oft etwas warm, und die Milz wird warm und strebt nach völliger Gesundheit…“

 

Wie schon erwähnt, tritt die Signatur der Sonne deutlich aus dem Baum hervor. Sie ist im heliozentrischen System (Weltbild) das Zentrum und der zur Erde nächster Stern; im geozentrischen Weltbild aber ein Planet wie alle anderen auch. 

Auch heute beobachten wir Tag für Tag Sonnenauf und -untergang, nehmen von unserem Standpunkt aus ein rein geozentrisches Weltbild wahr. Das (Besser-) Wissen um die heliozentrisch unumstößliche Tatsache aber, bringt uns in Konflikt mit unserem Beobachten, unserem Erleben und wirft somit die Fragen auf, die die Astrologie als fragwürdige Wissenschaft aburteilt. Ein wichtiger Aspekt ist, dass die Sonne zu den Grundlagen der Zeiteinteilung und -rechnung gehört. 

Seit Urzeiten schon hat der Mensch diesen „Himmelskörper“ als Gottheit, als Lebensquell, als Quelle des Lichts und der Kraft erkannt und verehrt. Die Sonne ist, astrologisch gesehen, weder gut noch böse, hat aber auf andere Planeten die verstärkende Wirkung eines Wohltäters. Die Sonne ist – im Gegensatz zur Schulgrammatik !! – in astrologischer Betrachtungsweise immer männlich. Sie symbolisiert männliche, erzeugende Kraft. Sie versprüht ihre Strahlen (Samen) reichlich und verschwenderisch. Sie regiert das Tierkreiszeichen Löwe und dieser steht als Hauptorgan für das Herz und die Aorta. Die Grundaufgabe ist der Erhalt des Blutkreislaufes und als Körperregion wird ihm, neben dem Herz, die Hauptschlagader und der Rücken (ohne Skelett) zugeordnet. 

Förderlich für die Gesundung des Herzens ist, es zu hüten, auch wenn es stark ist oder zu sein scheint, und den Kreislauf beachten. Der Drang, das Leben im Übermaß auszukosten, muss gerade in heutiger Zeit immer wieder eingeschränkt werden, um keinen Raubbau der Kräfte zu betreiben, auch wenn für gewisse Zeit Stärke nach außen gezeigt werden kann. Bei kleineren, nervösen Herzattacken sollte man sich besinnen, innehalten und nicht zu lange den Helden spielen, jedoch etwas für die körperliche Ertüchtigung sorgen. Das Älterwerden stellt ein großes Problem dar, der Jugend möchte man nicht weichen. Kommt das Alter, besteht die Gefahr des tödlichen Schocks; daher sollte man sich rechtzeitig auf die körperlichen Einschränkungen des Alters einrichten. 

Dies sind alles Botschaften, die wir nur all zu gut kennen, doch aufgrund unserer Lebensweise und den modernen Anforderungen keine Zeit hierfür finden. Herz- und Kreislaufleiden zählen zu den häufigsten Todesursachen in unserer Gesellschaft. Auf die hierfür verantwortlichen Ursachen wird zwar warnend hingewiesen, doch zeitgleich werden wir auch wieder zu Höchstleistungen angespornt. Niemand kommt auf die Idee, herzschädigende Lebensweisen und Genussmittel zu verbieten oder Verordnungen zu formulieren. Im Falle der Corona-Epidemie können die Ambitionen jedoch nicht hoch genug sein. Nun ja, mit beidem lässt sich gut Geld verdienen.

Um aber die Ufer zwischen Kastanie, Löwe und Sonne zu verbinden, müssen wir uns zunächst an die Zitate von Hildegard von Bingen erinnern. Auch werden Präparate aus der Rosskastanie allerorts gern zur Herzstärkung und als Herz-Kreislauf-Mittel angeboten. Ich sehe zudem eine deutliche Verbindung zwischen dem Entstehen unserer Leistungsgesellschaft und der Ausbreitung der Kastanie aus den südlichen Regionen über ganz Europa hinaus. Die Römer waren es, welche die Kastanie im Schlepptau hatten. Und deren Auftauchen hat letztendlich der Entwicklung in ganz Europa einen gewaltigen Schub verpasst. Brachten die Römer das Heilmittel für die Auswirkungen der wachsenden gesellschaftlichen Anforderungen gleich mit? Es scheint so, denn die Ausbreitung der Kastanie (aber auch Weißdorn und Fingerhut) wie auch die der Herz-Kreislauferkrankungen scheinen proportional zu verlaufen. 

 

Pflanzen nehmen unterschiedliche Wege. Ob in Fellen von Tieren, im Gefieder von Vögeln, vom Winde verweht, sich an Kleidung klammernd, als Rarität für botanische Gärten oder auch als Notnahrung auf langen Reisen - immer gelangen sie genau dorthin, wo sie zum richtigen Zeitpunkt gebraucht werden. Sie tauchen auch dann schon als Heilmittel oder Nahrungsgrundlage auf, wenn die Auswirkungen der gesellschaftlichen Entwicklung noch in den Kinderschuhen steckten, so als wüssten sie, dass sie bald gebraucht werden (Die Devas wissen es!). Und so ergibt sich in ihrer Art zu wandern und zu migrieren, und oft auch als verhasster und mit Inbrunst bekämpfter Neophyt aufzutreten, ein Mensch und Pflanze verbindender Sinn. Hier bleibt zu empfehlen, das Buch „Wandernde Pflanzen“ von Wolf-Dieter Storl zu lesen.