Beifuß (Artemisia vulgaris)

Man kann ihn wörtlich nehmen und soll ihn, so die Volksmythologie, dicht bei Fuße tragen, damit der Wanderer keine schweren und schmerzenden Füße bekommt.

Der Name „Artemis“ leitet sich von der Schutzgöttin der gebärenden Frauen ab. Als wahres Frauenmittel findet er sich in allen Kulturen; er beschleunigt die Geburt, fördert und erleichtert die Menstruation, behebt die Unfruchtbarkeit und treibt die Nachgeburt aus.

Der Beifuß ist eine ausgeprägte Saturnpflanze, verschwendet er doch keine Energie in üppiges Blütenwachstum, betörende Düfte und pralle Farben, sondern konzentriert und leitet seine Energien in die inneren Qualitäten. Sein ausgesprochen bitterer Geschmack regt unsere innersten und tief seit Urzeiten bestehenden Triebe an, wirkt er doch direkt auf unser„Reptilien-Gehirn“ ein. Beifuß geht ganz in die Tiefe. Allen saturnischen Pflanzen haben einen bitteren bis sauren und scharfen Geschmack ohne aufwendiges Blütenwachstum. Ihnen geht es um Abgrenzung, das Schaffen von Strukturen, der kosmischen Reinigung. In jedem System muss es eine Instanz geben, welche allgemeingültige Spielregeln festlegt, damit kein Chaos ausbricht. Saturn beschneidet den Entfaltungsspielraum der Zellen und Organe, um die bestmögliche Funktion des gesamten Organismus zu ermöglichen. Dies besonders auf der Ebene, seiner direkten Bestimmung zu folgen und nicht dem Facettenreichtum seiner eventuellen Möglichkeiten zu erliegen.

Auch als Schutzkraut findet der Beifuß breite Verwendung. Aus ihm geflochtene Kränze wurden zu Johanni in Stall, Haus und Hof aufgehängt, damit sich Böses fernhält. Gürtel oder Kränze aus ihm trug man beim Tanz um das Johannisfeuer und warf sie dann hinein. Alles Böse, schlechte Geister (heute sagt man wohl schlechte Energien), Unheil und Krankheit bringendes blieb an ihm und seiner Unausweichlichkeit haften und wurde dann verbrannt.

Schon in vorchristlicher Zeit wurde er als Räucherkraut benutzt. Die nordamerikanischen Ureinwohner, die Kelten, die Chinesen und auch die Ureinwohner Tasmaniens kannten ihn und verwendeten das Kraut vornehmlich als Schutzkraut gegen Zauber und Unheil und zum vertreiben böser Geister.

Plinius schreibt, dass, wer Beifuß bei sich trägt, dem weder Gifte noch wilde Tiere schaden können.

Nach mittelalterlichem Glauben konnte man den unter dem Haselstrauch lebenden Haselwurm (auch bekannt als weiße Schlange, die als Symbol für unser Reptilienhirnnebst Rückenmark gedeutet wird) fangen, wenn man ihn mit dem Staub von zerriebenem Beifuß bestreute und beruhigend auf ihn einsprach. Aß man das Fleisch des Haselwurms, so konnte man die Sprache der Tiere verstehen und erhielt Macht über die Geister. Demjenigen bleiben dann die Signaturen und Wirkungen der Kräuter kein Geheimnis mehr.

Beifuß hat uns auf unserem Weg des Menschwerdens immer schon begleitet, unsere Vorfahren haben ihn immer geschätzt, verehrt und dankbar genutzt. Auch erinnert er (oder Saturn?) uns immer wieder daran, woher wir tatsächlich kommen und wohin es mit uns gehen soll.

Vielleicht sollten wir wieder mehr darauf achten, welche Pflanzen sich uns regelrecht aufdrängen, welche die Ränder unserer Wege säumen, still auf sich aufmerksam machen, sich still und selbstlos anbieten. Nicht nur unser Dank sollte diesen Pflanzen gewiss sein, sondern auch unser Respekt! 

© Kay Weber