Rote Lichtnelke (Silene dioica)

Der Roten Lichtnelke begegnen wir häufig auf feuchten Wiesen, in lichten Wäldern und Gebüschen, an halbschattigen Flussufern und dort, wo die Böden kalk- und nährstoffreich sind. Besonders gern halten sie sich in der Nähe von Schwarzerlen auf. Für ihre Art sehr typische indigene Standorte waren Schwarzerlenmoorwälder. Ihre rosafarbenen bis purpurroten Blüten stechen aus der Umgebung leuchtend hervor. Oft jedoch treten auch hellrosa und weißliche Blüten auf, welche auf Bastarde mit der Weißen Lichtnelke hindeuten. Mit dieser hat die Rote Lichtnelke die Zweihäusigkeit gemeinsam, die dem wissenschaftlichen Artnamen dioikos = zweihäusig entspricht. Weil es neben weiblichen und männlichen Pflanzen auch solche mit zwittrigen Blüten gibt, müsste sogar von einer Dreihäusigkeit die Rede sein. 

Bei der Roten wie bei der Weißen Lichtnelke kann man die weiblichen und männlichen Blüten schon an der Form des Kelchs unterscheiden. Während der Kelch männlicher Blüten recht schlank und zehnnervig ist, erscheint uns der zwanzignervige Kelch der weiblichen Blüten regelrecht aufgeblasen. Im Gegensatz zur duftenden Weißen Lichtnelke, die Nachtfalter anlockt, ist die auf Tagfalter und andere tagaktive größere Insekten spezialisierte Rote Lichtnelke duftlos. 

In den Blumenkästen und -rabatten vor meinem Haus, in denen auch die Rote Lichtnelke nicht fehlen darf, ist das mittlerweile bei uns heimisch gewordene Taubenschwänzchen (https://www.nabu.de/tiere-und-pflanzen/insekten-und-spinnen/schmetterlinge/nachtfalter/05175.html) zu beobachten, das uns schnell und wendig wie ein Kolibri erscheint, dennoch aber zu den Schwärmern gehört. Die nur am Tag geöffneten Blüten der roten Lichtnelke werden sonst vorwiegend von Tagfaltern und einigen Schwebfliegen besucht, sofern diese an den Nektar gelangen. Wer einen zu kurzen Rüssel hat, beißt einfach ein Loch in die Kelchwand - so wie die Hummeln. 

Manchmal finden sich in den Samenkapseln auch die Raupen der Lichtnelken-Kapseleule, die bei der Bestäubung ein Ei in die Blüte legt. Die mohnartigen Samen dienen nun der Ernährung der Raupe, stehen also der Vermehrung der Pflanze nicht mehr zur Verfügung. Dennoch profitiert die Rote Lichtnelke von diesem Schmarotzertum, denn die so geschützt aufwachsenden Kapseleulen bestäuben später wieder weitere Lichtnelken, womit durchaus von einer Symbiose gesprochen werden kann. 

 

Die Silene bildet eine artenreiche Großgattung der Leimkräuter innerhalb der Nelkengewächse. Der Name Siléne greift offensichtlich eine Neuprägung von Lobelius auf und leitet vom lateinischen Silen den Satyrn ab, bekannt als betrunkener, fettbäuchiger und aufgedunsener Begleiter von Bacchus. Dieser Vergleich zielt eher auf den aufgeblasenen Kelch des Traubenkopfes ab als auf einen ursprünglich angenommenen Bezug zum Mond (séléne). 

Neben Namen wie Rotes Leimkraut, Rote Nachtnelke, Rote Waldnelke, Herrgottsblut oder Taglichtnelke wird sie auch gern Samtblume genannt, was von der weichen Behaarung der Pflanze herrührt. Sie ist ausnahmslos winterhart, wuchs-, blüh- und besonders vermehrungsfreudig. Ihre nach der Blüte mit Samen gefüllten Fruchtkapseln wirken wie kleine Salzstreuer, die nur vom Wind bewegt werden müssen. Auch das Sammeln der Samen vereinfacht sich hierdurch sehr. 

In unserem ehemaligen Garten, dem Hortus Viridis Mons, konnte ich in der Nähe der Roten Lichtnelke häufig junge Bergmolche beobachten, deren Ziel der sich am Garten vorbei mäandernde Steinbach war. Dessen Ufer lagen im Schatten der ihn säumenden Schwarzerlen. Aber auch Blindschleichen und Zauneidechsen verkrochen sich gern im unteren, halbschattigen Bereich des Gartens, wohl wenn sie sich durch mich gestört fühlten und von ihren extra für sie eingerichteten, sonnenverwöhnten und trockenen Habitaten verscheucht sahen. Vielleicht hatten sie dort aber auch einfach nur bessere Chancen auf Beute. Zumindest war eine zu- oder augenfällige Verbindung zwischen Reptilien und der Roten Lichtnelke erkennbar, was auf deren frühere Verwendung als Mittel gegen Schlangenbisse schließen lässt. 

Die in der Roten Lichtnelke enthaltenen Saponine haben eine hämolytische Wirkung. Sie zerstören rote Blutkörperchen. Aufgrund dieser Wirkung wurde sie wohl benutzt, um nach dem Biss einer Schlange das Blut vom Gift zu reinigen. Zudem wirken Saponine harntreibend, antibiotisch und antimykotisch. Allerdings bezieht sich diese Wirkung auf isolierte Saponine. Dieser sekundäre Pflanzenstoff liegt in der Pflanze selbst nicht in dieser freien und leicht beobachtbaren Form vor und daher kann die Anwendung der Roten Lichtnelke gänzlich andere Effekte haben. So ist es bei allen Pflanzen; denn meist findet sich die Wirkung nicht in einem Stoff allein, sondern in einer Konvergenz zwischen einzelnen Stoffen und dem Wesen (oder dem Geist/Gott/Deva) der Pflanze. 

In der Homöopathie hat die Rote Lichtnelke in der Bachblütentherapie große Bedeutung. Nach Dr. Edward Bach soll sie bei niedrigem Selbstbewusstsein und Unentschlossenheit Abhilfe schaffen. Natürlich lässt sich dieser Effekt wissenschaftlich nicht nachweisen - wohl weil der Geist eines Wesens nicht isoliert beobachtet werden kann. Aus dem Auftreten der Pflanze selbst jedoch lässt sich Vieles ablesen. Sie bildet tiefe Wurzeln, sucht und findet festen Stand, folgt in ihrem Wuchs einer strengen Geometrie, einer sympodialen Verzweigung, trägt ihre Blüten in ebenso dichasialer Anordnung, als verfolge sie eine Strategie. Wohl jene, wie sie ihre Samen (Gedanken!) am optimalsten verstreut und vermehrt. Und das ist es sicher, was unentschlossene Menschen zunächst brauchen - einen Plan! Hiervon lässt sich schon die erste planetarische Signatur ableiten; die des Planeten Mars.

Gereizte und entzündete Hautpartien werden in der traditionellen Volksmedizin mit einer Tinktur aus der Wurzel der Roten Lichtnelke behandelt. Hierfür werden die zerkleinerten Wurzeln mit hochprozentigem Alkohol übergossen und für mehrere Wochen stehen gelassen. Nach dem Abseihen der Tinktur wird dann ein sauberes Leinentuch darin getränkt und auf die Haut getupft. Aus dieser Anwendung spricht die zweite Signatur; die der Venus. 

Auch in der Küche lässt sich die Rote Lichtnelke gut verwenden. Die Blüten erhellen in ihrer Farbenpracht jeden Salat, sie lassen sich trocknen, kandieren und - noch als Knospen - wie Kapern sauer einlegen. In kleinen Mengen sind die jungen Blätter auch als Salatzutat, für Kräutersuppen und grüne Smoothies zu verwenden. 

 

Neben Mars und Venus erkenne ich im Habitus der Roten Lichtnelke auch die Signatur des Merkur. Auf psychologischer Ebene steht Merkur für Verständigung, Veränderung, das Überschreiten von Grenzen (besonders jene, die wir uns selbst setzen), alles Schnelle, sich Verändernde und den Austausch über die Kommunikation hinaus. Als Morgenstern entspricht Merkur den Zwillingen, einem Luftzeichen, das immer in Unruhe ist, um neue Kontakte und Verbindungen herzustellen. Hier gilt es, in Bewegung und auf dem Laufenden zu bleiben, vor allem aber den Anschluss nicht zu verlieren. Darin zeigt sich, nach meiner Überzeugung, wohl die Basisinformation der äußerst agilen und ausbreitungsfreudigen Roten Lichtnelke, so wie sie Anwendung in der Bachblütentherapie findet. Die Stärkung des Selbstbewusstseins und die Aufhebung  der Unentschlossenheit bedürfen zunächst des in Bewegung Kommens.

Venus, die für Liebe, Freundschaft, Lebenskraft und Harmonie steht, zeigt sich in rosafarbenen Blüten und wird als Körperorgan u.a. der Haut zugeordnet. Ihr entsprechende Pflanzen werden bei Störungen der Gefühlssphäre und Vitalitätsschwäche indiziert. Ein Mangel an Selbstbewusstsein (aber auch ein überzogenes) wurzelt ja oft in einem gestörten Verhältnis zu sich selbst. Die Venuskräfte helfen uns in den Lebensbereichen Liebe, Freundschaft und Anziehungskraft. Venus-Transite betonen die Gefühlswelt und Wertfragen - je nach dem entsprechenden Thema des Hauses. 

Freundlich gesinnt zeigt sich Venus gegenüber Mars, dem, der auflöst, zersetzt, reinigt und das Unbrauchbare fortschafft. Er zeigt sich in der Roten Lichtnelke etwas verhalten, weniger aufdringlich und kriegerisch. Erkannt werden kann er an der Art, wie sich die Rote Lichtnelke effektiv und vorausschauend verzweigt, sich planerisch neue Gebiete erobert und ausbreitet. Ihm entspricht das Sternzeichen Widder, der auf die entschlusslosen Fische folgend, den Frühling, den Aufbruch in das neue Jahr deutlich und klar einläutet. Die bisher brachliegenden Kräfte drängen danach, sich im Konkreten zu verwirklichen. Auf spiritueller Ebene bedeutet das, zu tiefgreifender innerer Erneuerung zu gelangen, das alte Ego in seinen Grundfesten zu erschüttern und zu Selbsterkenntnis und Heilung zu gelangen.

 

Wenngleich die planetarische Signaturenlehre keine wissenschaftliche Disziplin sein mag, oft als astrologischer Mumpitz abgetan und belächelt wird, zeigt sie doch in etwas anderer Sprache, dass auch wir in unserem Werden, Sein und Vergehen kosmischen Rhythmen unterliegen. So wie Pflanzen auch sind wir Lichtwesen, können im Dunkel nicht dauerhaft überleben und jede Basis all unserer Nahrung ist rein pflanzlicher Natur (gespeichertes Licht!). Ob nun die Eigenschaften, die Taxonomie, die Wirkspektren, die Farben, die Düfte, der Standort, die (phyto-)sozialen Beziehungen, die Blätter, die Früchte, Samen und Inhaltsstoffe als Einzelnes oder im Gesamthabitus Betrachtung, Deutung und Vergleich finden oder (wenn auch nur zum besseren Verständnis) über die Sprache der Astrologie erklärt wird, ist nebensächlich. Die Astrologie war die erste Wissenschaft überhaupt. Zuerst kam die Beobachtung (Biologie und Astrologie), danach das darüber Nachdenken (Philosophie). 

Indem der Mensch die Rhythmen und Bewegungen am Himmel mit denen auf der Erde verglich (es mag auch andersherum gewesen sein), identische Muster vorfand, diese aus tiefer Ehrfurcht der Natur gegenüber mythologischen Wesen und später Gottheiten zuordnete, die sich von Kultur zu Kultur in ihren Eigenschaften auffallend ähneln, versuchte er sich wohl seine eigene Existenz zu erklären. Eine Frage, die wir uns heute noch stellen. Nur mit dem Unterschied, dass wir uns von der Beantwortung immer weiter entfernen, je mehr wir durch unsere Lebensweise der Natur entrücken, diese als rein mechanistisch und nach unseren Bedürfnissen gestaltbar betrachten. Doch sie ist kein zu kalkulierender Produktionsfaktor, sie ist ein Lebewesen, was unsere Vorfahren auch ohne Lovelock´s Gaia-Hypothese verstanden haben und instinktiv wussten. Welcher Tag, welcher Auslöser dieses Verhältnis gestört hat und uns zu dem machte, was wir heute sind, weiß ich nicht. Mit einer aufkeimenden intellektuellen Niederkunft kann es nicht viel zu tun haben. 

Edward O. Wilson, ein mir äußerst sympathischer US-amerikanischer Insektenkundler und Biologe, schrieb in einem seiner Bücher, dass es wohl der erste Zaun, die erste physische Grenze gewesen sein muss, die uns in unser heutiges Dilemma katapultierte. Der Gedanke oder vielmehr die Idee, dass etwas „uns“ gehört und wir es vor dem von Außen kommenden schützen oder verteidigen müssen, mag mit wilden Tieren oder der eigenen zunehmenden Population und der folglichen Daseins-Dichte zu tun haben. Einige sehen hierin eine evolutionäre Form der Bewusstseinsentwicklung. Andere Autoren postulieren über mögliche Einflüsse aus nicht terrestrischen Sphären, welche die Initialzündung für unsere Bewusstseinsentwicklung entzündeten. Beides ist möglich, wir wissen es nicht. Dieses Wissen würde zwar unseren befremdenden, widersinnigen Umgang mit der Natur erklären, aber keine Aussage darüber machen, wie wir zu mehr Besinnung und Einfühlungsvermögen gelangten.

Genau an diesem Punkt sehe ich in unserem Fehlverhalten mit- und untereinander die Chance zur Besinnung darin, aus reiner Wahrnehmung heraus wieder zu lernen, die Sprache der Natur, besonders die Vermittelnde der Pflanzen, wieder zu verstehen und die in ihr verborgenen Botschaften dankbar anzunehmen. Die Signaturenlehre ist hierbei nur ein Weg; auch wenn er sich einer akademischen Akzeptanz erfolgreich entzieht.

Alles ist in Allem enthalten. Wie im Kleinen, so auch im Großen. Goethes Epirrhema (das Dazugesprochene) verdeutlicht dies in meinen Augen am ehesten. Sprach-, aber nicht gestaltlos  sind wir von unzähligen dieser Hinweise umgeben. Es gibt etliche Abbildungen darüber, welche Pflanzenteile wohl welchem menschlichen Körperteil oder auch Organ entsprechen mögen und diesem zur Gesundung oder Optimalfunktion dienlich sein können. Das ist zwar ein wichtiger Teil der Signaturenlehre, dennoch entartet diese Betrachtung neuerdings in rein mechanistischen Zügen - dem Konsum ohne Achtung und Dankbarkeit. 

Aus den besagten Eigenschaften, die sich uns in der Gesamterscheinung, dem Standort, der Art der Verbreitung oder den sozialen Beziehungen von Pflanzen untereinander still offenbaren, sind wichtige Hinweise für unser eigenes Dasein sowie unseren aktuellen Gemüts- und Gesundheitszustand. Pflanzen reagieren nicht nur auf unser Wirken, sondern auch auf unsere Anwesenheit, unsere Art uns „auf-zu-halten“. Jene, die wir brauchen, die sich uns hingeben und aus ihrer Selbstlosigkeit heraus nur helfen wollen, tauchen plötzlich in unserem Umfeld auf, begegnen uns häufiger, machen dadurch auf sich aufmerksam, dass sie in Gesprächen, Zeitschriften, Baumärkten, Gärtnereien und während Spaziergängen auftauchen und aus zunächst uns nicht bekannten Gründen augenfällig werden. Schlimmstenfalls, wenn sie zu aufdringlich werden, bekämpfen wir sie als Unkraut und versuchen, unsere Katalog- oder Schottergärten mit allen Mitteln von ihnen zu bereinigen. Doch wenn wir uns überwinden und den Garten, den Vorgarten oder unsere Umgebung allgemein einfach sein zu lassen und uns in Sensibilisieren üben, werden wir überrascht sein. Natürlich werden sich Löwenzahn, Wegerich, Schöllkraut, Brennnessel, Vogelmiere und viele andere „Plagegeister“ einfinden. Gemeinhin werden diese bekämpft, ausgerupft, mit Gift, Essig oder Flamme traktiert. Gut. Nach kurzer Zeit sind sie wieder da und das Spiel wiederholt sich. Wieder und wieder. Könnte darin eine Botschaft verborgen sein? Widerstandsfähigkeit vielleicht? Oder Kraft für Wiederauferstehung? Oder Giftresistenz? Weshalb wohl ist der Breitwegerich, der Füßen, Schuhen, Hufen, Wagen- und Autorädern widersteht für Menschen förderlich, auf denen herumgetrampelt wird und die sich nicht zu widersetzen wissen? Diese rein visuelle Sprache ist es, die wir wieder beleben und neu verstehen lernen müssen. 

Die Lichtnelke ist für mich eine der deutlichsten Vertreterinnen, weil sie es immer wieder geschafft hat, meine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Ich weiß auch, weshalb. 

 

© Kay Weber