Weinberg-Lauch (Allium vineale)

Der Weinberg-Lauch gilt als typischer Weinberg-Begleiter, ist jedoch weit darüber hinaus verbreitet und anzutreffen. Weinberge bilden aufgrund lockerer sandiger, kalkiger und lehmiger Böden ideale Bedingungen für diese zierliche und, wenn er nicht gerade blüht, leicht zu übersehende Pflanze.

Zum ersten Mal begegnete er mir vor vielen Jahren im Naturschutzgebiet Tote Täler, einem sehr zu empfehlenden Orchideen-Lehrpfad, nahe Freyburg an der Unstrut. Bis dahin kannte ich den Weinberg-Lauch nur aus der einschlägigen Literatur. Seitdem jedoch, wenn die Aufmerksamkeit einmal geschult ist, finde ich ihn in vielen lichten, kargen, sonnigen und vor allem kalkigen Lagen. Offensichtlich ist er ein typischer Magerwiesen- und Streuobst-Liebhaber. 

Vineális steht in direkten Bezug zum lat. víneeàis, dem Wein, was weiter zu vínea, dem Weinberg führt. Man geht davon aus, dass diese Bezeichnung zunächst dem albanischen vené entspringt und somit aus einer Sprache der östlichen Balkanländer entlehnt sein muss. Die Kultur des Weinstocks gelangte mit dem Dionysos- oder Bakchos-Kult (Bacchus!) erst spät von Thrakien (östliche Balkanhalbinsel, die heute zu Bulgarien, Griechenland und der Türkei gehört) aus nach Griechenland und Rom. Der sprachliche und botanische Befund lässt den Schluss zu, dass die indogermanischen, semitischen, hamitischen und kaukasischen Völker den Weinstock in ihrer Urheimat als eine dort wild wachsende Sippe in Kultur nahmen. Dies stimmt mit der aus Genesis 9,20 mythologischen Überlieferung überein, demzufolge Noah bei seiner Landung in Armenien den Weinstock kennen lernte, ihn kultivierte und sich als erster am Wein berauschte (Gen 9,20: Noach wurde der erste Ackerbauer und pflanzte den Weinberg. Gen 9,21: Er trank von dem Wein, wurde davon betrunken und lag entblößt vor seinem Zelt). 

 

Das Erscheinungsbild des Weinberg-Lauchs ist recht markant. Wuchshöhen bis zu 70 cm sind nicht selten. Sein langer, rühriger Stängel reckt sich elegant der Sonne entgegen und trotzt Wind und kräftigen Gewittern. Mit seinen sehr schmalen, röhrigen Laubblättern bietet er dem Wind zudem kaum Angriffsfläche. Sanft und geduldig lässt er sich wiegen und trägt seine Blüte von Juni bis in den August hinein, aus der sich viele Brutzwiebeln entwickeln. Sowohl die Brutzwiebeln an den Knollen als auch die der Blüten sichern die Ausbreitung. Die oberirdischen Brutzwiebeln schmecken nach Knoblauch und lassen sich wie dieser verarbeiten und einsetzen. Vor der Blüte können die zarten Halme als kräftig schmeckender Schnittlauchersatz geerntet werden.

Für Magerwiesen- und Hortus-Besitzer (Das-Hortus-Netzwerk auf Facebook) ist der Weinberg-Lauch eine sehr willkommene Pflanze, da ihr Nutzen weit über den Weinberg-Begleiter oder kulinarische Anreicherung hinaus geht. Er ist äußerst pflegeleicht, vermehrt sich selbst, bedarf keiner besondern Fürsorge und sollte dem Naturgärtner, der die Dinge vorwiegend sich selbst überlässt, eine willkommene Bereicherung der heimischen Artenvielfalt sein. Ökologisch orientierte Weinberg-Besitzer tragen im Übrigen durch die typische Art der Bewirtschaftung zum Erhalt der Artenvielfalt. Die alternative Querterrassierung der Weinberge bietet durch Böschungen und Terrassen vielen gefährdeten Pflanzen, Insekten und Tieren einen notwendigen und speziellen Lebensraum. 

Solche offenbodigen Geröllflächen - neben schwach bewachsenen und trockenrasenähnlichen Standorten - eröffnen vielen Wildbienenarten, Hummeln, Schwebfligen, Wespen, Käfern, Wanzen und Spinnen ideale Bedingungen. 

Auffällig oft sind am Weinberg-Lauch sich von Blüte zu Blüte schaukelnde Tagfalter, der auf der roten Liste stehende Schwalbenschwanz, der stark gefährdete Segelfalter und zahlreiche Bläulinge zu sehen. In einem solchen Habitat finden sich auch zahlreiche Heuschrecken-Arten, wie die gestreifte Zartschrecke, die Zweipunkt-Dornschrecke oder die rotflügelige Ödlandschrecke. Gerade Extremstandorte wie steillagige Weinberge oder extrem sonnige, offene und steinige Flächen lassen erkennen, welche biologische Einzigartigkeit diese beherbergen können. Heuschrecken reagieren äußerst empfindlich auf jedwede Veränderung in ihrem Lebensraum, da deren Eiablage immer in den offenen und warmen Bereichen des Bodens oder unter Steinen erfolgt. Krautige Pflanzen sind dann für die Entwicklung der Larven notwendig. Eine Sukzession durch Vergrasung und überambitioniertes „Begrünungs-Management“ bedeutet bei diesen Offenboden-Biotopen immer das Ende einer solchen Population. Dies gilt für alle Arten, die auf xerotherme Standorte angewiesen sind.  

Neben der Weinbergs-Traubenhyazinthe (Muscari neglectum), der Weinbergs-Tulpe (Tulpia sylvestris), dem Acker-Gelbstern (Gagea villosa) und dem nickenden Milchstern (Ornithogalum nutans) zählen die kleinen und wenigen Blüten des Weinberg-Lauchs zu jenen mit den meisten Bestäuberbesuchen. Zu dieser Flora mit den dazugehörigen bestäubenden Insekten gehören u.a. Fetthennen, Mauerpfeffer, Thymian oder Wolfsmilchgewächse. Solche Flächen leiden oft massiv unter menschlicher Einwirkung/Bewirtschaftung, auch wenn diese wohlgesonnenen Ambitionen entspringt. Besonders auf Magerflächen und Extremstandorten gilt: „Weniger ist mehr!“. 

An zahlreichen Beobachtungsflächen von Landesanstalten, Universitäten und biologischen Gärten konnte sicher festgestellt werden, dass die Sukzession durch Düngung, erhöhtem Stickstoffeintrag, Eutrophierung oder Erhöhung der Kohlendioxidkonzentration (besonders in Nähe von Ballungsgebieten) deutlich und massiv zur Reduzierung der Artenvielfalt beiträgt.

 

Wie beim Knoblauch, ragen aus dem Weinberg-Lauch auch die Signaturen von Saturn, Jupiter und Neptun hervor.  

Besonders Saturn, der Planet der Ruhe und der Gesetze, der Widersteher, drückt sich in der aufrechten und geschmeidigen Unbeugsamkeit des Weinberg-Lauchs erkennbar aus. Auch seine pflanzenbezogene Eigenschaft, nur wenig Energie in üppige Farben, Düfte, Blüten und ein auffälliges Erscheinungsbild zu lenken, dafür aber mit reichlich inhaltlichen Werten aufzuwarten, entsprechen dem Weinberg-Lauch in augenscheinlicher Weise. Das Leben erstarrende (saturnische) Muster, wie Unbeweglichkeit, Rheuma, Gicht, Unnachgiebigkeit, Halsstarrigkeit, demnach fehlende „Federung“, wird gern einer gewissen Altersstarre zugewiesen, sind aber immer einer Unbeweglichkeit des Bewusstseins zuzuordnen. Saturn verlangt Demut auf jedem Lebensgebiet und fordert uns auf, sich selbst mit einem prüfenden Blick zu inspizieren, zu konzentrieren, Selbstverantwortung zu übernehmen und Klarheit zu gewinnen. Zu einer Vermauerung der Seele führt es, wenn dieses lebenslängliche Erfordernis ignoriert wird. Vielleicht ist es das Aufrechte, das sich in die Höhe ragende, das einerseits Unbeugsame und anderseits doch geschmeidig-biegsame und bewegliche Erscheinungsbild des Weinberg-Lauchs, das uns genau diese Botschaft, diesen für viele Menschen so schwierigen Balanceakt, vermitteln will und soll. Seine dem Knoblauch gleichenden Inhaltsstoffe tragen zumindest allen Formen der Verhärtung etwas entgegenzusetzen.

Neptun, der Mystische, der Nebulöse, der zwischen Realität und Phantasie stehende, zeigt sich in der Welt der Pflanzen in violetten Farben, samtigen Strukturen und Oberflächen, besonders aber in allen Veilchengewächsen, zu denen alle lauchartigen ohnehin gehören. 

Dort, wo Saturn Verantwortung, Reife und Disziplin verlangt, zeigt Neptun, dass mit Hingabe und Liebe (gegenüber allen Lebewesen) gedient werden soll. Hierdurch werden zur Verhärtung führende Lebenseinstellungen ebenso, wenn nicht gar deutlicher angesprochen.

Aufrechtstehende und essbare Früchte tragende Pflanzen spiegeln u.a. jupiterische Eigenschaften wieder. Er ist der menschenfreundliche Herrscher, der mit Weitblick, Ehre und Verantwortung handelt. So wie sich die Brutzwiebeln tragenden Blüten des Weinberg-Lauchs über alle anderen Pflanzen erheben, könnte man durchaus eine Art Weitsicht vermuten. Um neue Verbreitungsgebiete zu erobern (was wiederum als eine Mars-Analogie gilt), muss man sich durchaus mit klarem Blick Übersicht verschaffen, neue Bereiche erkunden und selbst für Ausdehnung und Erweiterung sorgen. Dies sind typische Jupiter-Eigenschaften, dem die Leber (Speicher der Wut, Entgiftung) und das Bindegewebe (Beweglichkeit, Flexibilität) zugeordnet sind. Auch hier ist es, wie beim Knoblauch, das Allicin, welches im Organismus entgiftend, reinigend, desinfizierend, ausleitend - Alles in Allem -, befreiend wirkt! 

 

Jede Form der Krankheit - die Abwesenheit von Gesundheit - mag pathologische (Pathologie = „Die Lehre vom Leiden“) Gründe haben. So lernen wir es, so sind wir konstituiert und manifestieren unseren Glauben daran zunehmend. Oft schon definiert sich der Mensch über seine Krankheiten, weil es ihn scheinbar in einen besonderen Achtsamkeits-Status katapultiert und ihm somit Gehör und Aufmerksamkeit verliehen wird. Man möchte ja auch „Mitreden“ können und endlich dürfen! Scheinbar genügen rein menschliche Eigenschaften weniger zur eigenen Definition, zumal diese in einer zur Verurteilung neigenden Gesellschaft eher zur stigmatisierenden Schwächeauslegung geeignet sind. Diesen Prozess festigend und verstärkend wirkt besonders auch die immerwährende Konzentration auf das Negative. Sätze wie: „Es wird eh nicht besser!“„Ich hab’s doch so kommen sehen!“„Das nimmt kein gutes Ende!“ oder „Alles wird immer schlimmer!“ und „Früher war Alles besser!“ verheißen doch nur, dass wir keine positive Erwartungshaltung gegenüber unserer Zukunft annehmen. Letztlich programmieren wir so und durch ständige Wiederholung dessen unser Gehirn, einen Biocomputer. Dieser hat keine andere Wahl als genau dieser Programmierung, also unserer Erwartungshaltung, zu folgen und unser Verhalten so zu steuern, dass sich diese selbst erwählte Prophezeiung erfüllt. 

Jede körperliche Ermangelung wurzelt zunächst in einem seelischen Ungleichgewicht. Diese Sprache der Unausgewogenheit nehmen wir durch Dauerbeschäftigung kaum bis gar nicht mehr wahr. Die Stimme unseres Egos ist laut, unüberhörbar und unterdrückt die zarten, bisweilen schüchternen Warnungen unserer Seele. Diese sieht keine andere Möglichkeit als diese Themen auf physiologischer und/oder psychologischer Ebene Stück für Stück und immer deutlicher werdend zu manifestieren. Wir jedoch reagieren immer auf dieselbe Weise, indem dieser Missstand repariert werden muss, um schnellstmöglich wieder die Norm erfüllen zu können und der gesellschaftlichen Erwartungshaltung hauptsächlich als Produktionsfaktor kuriert und energiegeladen zu dienen. Wir unterdrücken zwar nur bis zum nächsten Ausbruch, doch funktionieren wir bis dahin wie erwünscht. Der Pfropfen im Krater wächst, der Druck steigt stetig und irgendwann, wenn das Maß voll ist, kommt es zu einem heftigen Ausbruch, von dem wir uns nur schwer erholen.

Ich finde es seltsam und befremdlich, dieses selbstvernichtende Verhalten stark verbreitet beobachten zu können, währenddessen jene, die diesen Weg bewusst nicht verfolgen, mit sonderlichen, abwertenden Titulierungen bezeichnet werden.

 

Alles ist in Allem enthalten und Alles ist in Allem zu finden. Unsere enge Beziehung zur und Abhängigkeit von der uns umgebenden Natur betrachte ich nicht nur auf der nüchternen Basis der Nahrungsgrundlage. Alle uns innewohnenden Eigenschaften werden augenscheinlich von der Pflanzenwelt gezeigt und gespiegelt. Allein durch deren Erscheinungsbild, deren Farben, Formen, Gerüche, Standorte und Zyklen können wir ableiten, wo wir Rank- oder Kletterhilfe finden, wie wir aufrecht stehen oder besser auf dem Boden bleiben sollten, wo wir uns anlehnen können, wie wir im Sturm standhalten, festen Stand gewinnen, wann wir nachgiebig oder unnachgiebig sein sollten, wann wir ruhen, wann wir wachen sollten, wann wir uns zu zeigen erheben und unseres Selbst erfreuen. Hierzu gibt es unzählige Möglichkeiten und Wege, Analogien und Signaturen zu finden. 

Der Weinberg-Lauch hat mich daran erinnert, den Kopf aufrecht zu halten und meine Gedanken (Brutzwiebeln) zu streuen, ihnen Boden, Halt und Beständigkeit zu geben. 

 

© Kay Weber