Kohl-Kratzdistel (Cirsium oleraceum)

 

Das einzig wirklich distelartige ist ihr Name; die gelbgrünen und das Blütenkörbchen umhüllenden Hochblätter wirken mehr kohlartig - und die mit Dornen umwimperten Blätter stechen überhaupt nicht. Die Kohl-Kratzdistel profitiert eindeutig  durch Düngung und Nährstoffanreicherung infolge Umweltverschmutzung. Sie begegnet uns an stickstoffhaltigen und wechselfeuchten Standorten in Feuchtwiesen und Sümpfen, an Ufern und umsäumt Straßen, die durch schattige und feuchte Wälder führen. 

Ihr Namenszug oleraceum bedeutet zwar gemüseartig, doch hat dies mehr mit ihrer Erscheinung als mit ihrer Verwendung und ihrem „Futterwert“ zu tun. Für Schmetterlinge und Hummeln jedoch ist sie ein wahrer Leckerbissen. 

Prinzipiell sind für den Menschen alle Teile der Pflanze essbar, doch sollte sie besser im eigenen Garten angebaut als wild gesammelt werden. Denn dort, wo sie in Massen auftritt, ist zu vermuten, dass sie mit dem reichen Nährstoffangebot ebenso Umweltgifte aus der Landwirtschaft aufnimmt und speichert.

Die jungen Blätter können für Salat verwendet werden, die größeren für Suppen und in Verbindung mit Brennnesseln und gutem Heinrich für Wildspinat. In Italien findet man sie auch häufig in der Minestrone. Kurz blanchiert, in Butter geschwenkt mit Muskat leicht parfümiert gibt sie ein schmackhaftes Gemüse, wenn man die Pflanze vor der Blüte sammelt. Ihre Wurzel enthält reichlich Inulin, wie man es in Schwarzwurzeln, Topinambur und Chicorée findet. Inulin ist ein präbiotisch löslicher Ballaststoff und eines der besten Mittel und Inhaltsstoffe, welches einer gesunden Darmflora sehr zuträglich ist, den wichtigen Laktobakterien ein Willkommens-Milieu schafft und letztendlich zur Entsäuerung des Organismus beiträgt, weshalb sie wohl auch bei Rheuma und Gicht empfohlen wird.

 

Sie planetarisch zuzuordnen fiel mir zunächst etwas schwer. Doch wenn ich sie berühre und in die Hand nehme, ihren leicht süßlichen Geruch, ihre Weichheit und ihre Nähe zum Wasser spüre, muss ich unwiederbringlich an die Eigenschaften des Mondes denken. Ihre glänzende, aus der Ferne silbrig erscheinende Gestalt und ihre Schnellwüchsigkeit vermitteln die Mondinnen-Eigenschaft sehr deutlich.  

Der Mond symbolisiert den unbewussten Bereich des Weiblichen, das Wechselhafte, die Feuchte, das Zwielichtige und Verführerische, die unheimliche magnetische Anziehung. Alles erscheint geheimnisvoll, zweifelhaft und betörend. Doch wo die Nacht am dunkelsten ist, da ist der Tag am nächsten. Einen leichten Anflug marsianischer Eigenschaft erkenne ich aber auch in ihrem Versuch, Dornen zu bilden und einem geradlinig-faserigen Wuchs zu folgen. Doch überwiegen die Mondeigenschaften derart, dass der Krieger sich nicht so recht durchzusetzen vermag.  

An einem der letzten Tage im August war es, als die Kratzdistel gezeichnet werden wollte. Ein gewittriger Tag, an dem der Sommer wohl schon mit dem Herbst zu ringen schien. Die noch im grünen Dickicht verborgenen Käppchen des Spindelbaumes begannen kaum merklich sich einen ersten gelben Schleier überzuziehen, die Holunderbeeren schickten sich an, allmählich etwas Farbe zu bekennen. Stolz und erhobenen Hauptes ragten die weit geöffneten Blüten der Kohlkratzdistel über die satte und vom Regen getränkte Wiese hinweg, durch die sich der anschwellende Bach munter und deutlich hörbar schlängelte. Die Gräser konnten sich der Kraft des Regens nicht erwehren und beugten sich in wirr umher liegenden Strähnen dem Boden entgegen, was die Erhabenheit der Kratzdistel nur noch unterstreichen konnte.

Genau dann, wenn ihre borstig erscheinenden Blüten sich empor recken und öffnen, wenn Meisen, Kreuzschnäbel, Hänfling, Stieglitz und andere Finken sich an ihnen gütlich tun, wenn am Morgen leichtfüßig-neblige Schleier die Auen und Täler befeuchten, dann beginnt der Sommer langsam Abschied zu nehmen. Hier und da mag er zwar noch etwas aufbegehren, etwas sagen zu wollen - doch spätestens dann, wenn die aufrechten Kohlkratzdisteln Wiesen und Bachsäume dominieren, ihre Köpfe den Wiesendunst etwas gespenstisch überragen und der in ihren Blütenbärten hängende Morgentau im ersten, fahlen Sonnenlicht weithin silbrig schimmert, dann ist es Zeit zu erkennen, dass der nächste Sommer nicht mehr weit ist.