Zypressen-Wolfsmilch (Euphorbia cyparissias)

Wenn im April unsere Wiesen, Wegränder und Kalkhänge noch recht karg und farblos sind, hebt sich die leuchtende Zypressen-Wolfsmilch mit ihren gelb-grünen Blütenständen zwischen den trockenen Halmen der Gräser und Wiesenpflanzen des Vorjahres mutig hervor. Deutlich kündigt sie die allmählich immer höherstehende und mehr und mehr wärmende Sonne an. Selbst auf kargen und trockenen, besonders jedoch sich selbst überlassenen Böden, gedeiht sie prächtig. Doch nur kurz macht sie ihre Aufwartung, denn die sich immer mehr regende Vegetation überdeckt (beschützt/versteckt?) sie bald. Nur an Standorten, welche für andere Pflanzen unmöglich zu besiedeln sind, bewahrt sie ihre Dominanz einige Wochen länger. Für viele Insekten, besonders für Wildbienen, ist sie ein willkommener Nektarspender. Äußerst wichtig jedoch ist sie für den Bestand des stark gefährdeten Wolfsmilchschwärmers. Für seine Raupen stellt sie die wichtigste Nahrungsquelle dar. Als xerophytische Wanderpflanze findet die Zypressen-Wolfsmilch in unserer intensiv bewirtschafteten Kulturlandschaft immer weniger geeignete Standorte. In unserem Hortus gedieh diese mutige und zähe Pflanze außerordentlich prächtig und machte ihrem Namen als „Wurzelkriechpionier“ (bis zu 60 cm Wurzellänge bei 10 bis 30 cm Wuchshöhe) alle Ehre. Besonders an den kalkig-trockenen und der Kraft der vollen Sonne ausgelieferten südlich gelegenen Hängen bewies sie ein unglaubliches Stehvermögen und wuchs auch in regenarmen Zeiten zu stattlicher Größe heran. Leider hat sich der Wolfsmilchschwärmer hierdurch nicht anlocken lassen; vielleicht wohl auch, weil die vier Jahre im Hortus Viridis Mons zu wenige gewesen sind.

Namensgebend für diese Pflanze ist ihr gummiartiger Milchsaft, dem eine außerordentliche Giftigkeit nachgesagt wird. Die frühere Verabreichung der frischen Pflanze als Brech- und Abführmittel hat zu Vergiftungen geführt. Daher wird sowohl von dieser Anwendung als auch der zur Behandlung von Warzen abgeraten.

Die Milch (oder auch dem Harz), welche in Nordwest-Afrika auch aus weiteren sukkulenten Wolfsmilcharten als Arzneimittel gewonnen wird, widmete (nach Plinius) der hochgebildete König Juba II. von Mauretanien seinem Leibarzt Euphorbos. Diese wohl recht stimmige etymologische Deutung gilt als weniger irreführend, als die Anlehnung an das griechische euphorbia.  Diese bedeutet „gute Nahrung“ und wird in Fachkreisen abgelehnt.

 

Im Mittelalter wurde zu vielerlei Pflanzen ein Hexen- oder Teufelsbezug hergestellt. Hierbei handelt es sich um Pflanzen, mit einem auffälligen Aussehen oder eigenartigen Pflanzenteilen. So wie die wie abgebissen wirkende Wurzel des Teufelsabbisses namensgebend für diesen war, wurde aus dem Milchsaft der Zypressen-Wolfsmilch die „Hexenmilch“ (die vornehmlich dem eigenen Wundverschluss und Fraßschutz dienlich ist). Auch der Bezug zum „Wolf“ im Namen der Wolfsmilch lässt darauf schließen, dass die Beziehung zu diesem Tier mehr als außerordentlich gestört war, was gerade heute wieder deutlich hervortritt und eine wirkliche Beschäftigung mit der Materie vermissen lässt. Befasst man sich einmal intensiv mit dem Vorhandensein des Wolfes und der damit verbundenen Auswirkung auf den zunehmenden Artenreichtum in seinem Habitat, wird man feststellen, dass die Zypressen-Wolfsmilch als wichtiges Bindeglied für den Artenreichtum ebenso völlig unterschätzt wird.

 

Prinzipiell gelten alle Pflanzenteile durch den Milchsaft für den Menschen als stark giftig, Weidevieh meidet die Pflanze instinktiv und auch getrocknet im Heu verliert sich diese Wirkung nicht. Doch muss ja nicht Alles für Jeden gedacht sein. Jede Pflanze hat sich ganz bewusst und spezifisch auf einen oder wenige Nutzer eingestimmt; und dem Menschen ist diese Eigenschaft sicher nicht fremd.

Gottlob wird mittlerweile jedoch die Zypressen-Wolfsmilch, neben anderen Wolfsmilch-Arten, auch als Zier- und Gartenpflanze selbst von gängigen Gartenbaumärkten angeboten. Dies sogar mit dem Hinweis, welch wichtiges Bindeglied diese Pflanze für die heimische Tier- und Insektenwelt darstellt.

 

Grundsätzlich sollte man, wie allen Geschöpfen, dieser Pflanze mit Respekt begegnen und darauf achten, Haut- oder gar Augenkontakt mit dem Milchsaft zu meiden. Daher ist anzuraten, auf Fertigpräparate aus Profihand zurückzugreifen, wenn die Anwendung der Pflanze notwendig wird. 

Zahlreiche Naturvölker und auch die deutsche Volksheilkunde kennen Euphorbia allerdings als traditionelles Heilkraut, das gerne bei Nasennebenhöhlenentzündung (Sinusitis), Heuschnupfen, Verstopfung, Hautausschlag, Hühneraugen oder Ekzemen zum Einsatz kommt. Auch bei der Haarentfernung soll der Milchsaft der Euphorbia gute Dienste leisten. Daneben diente die Pflanze im Altertum als Mittel zum Abbruch einer Schwangerschaft. Dies endete jedoch nicht selten in heftigen Vergiftungen, die mitunter sogar tödlich für allzu wagemutige Frauen endeten.

Den ungefährlichen Anteil im Milchsaft bilden die Bitterstoffe, welche grundsätzlich die Verdauung fördern, indem sie dafür sorgen, dass alle an der Verdauung beteiligten Organe, insbesondere die Leber, besser durchblutet werden. Auf diese Weise wird zum einen der Verdauungsprozess (Darmperistaltik) an sich stimuliert, zum anderen wirkt die verbesserte Durchblutung appetit- und speichelanregend sowie magen- und gallensaftfördernd. Weiterhin wirken die Bitterstoffe entzündungshemmend, antibakteriell, immunstärkend und krampflindernd. 

Bitterstoffe wirken allgemein bei Verstopfung, Magenkoliken, (Brech-) Durchfall, bei Würmern, Warzen, Hühneraugen, Geschwüren, Ekzemen und Entzündungskrankheiten. Aus unseren Lebensmitteln jedoch (Leben und Mitte) sind Bitterstoffe aufgrund besserer Verkaufsfähigkeit weitgehend heraus gezüchtet worden. Besonders deutlich wird dies beim Salat (Lattich) oder der Gurke bzw. Zucchini (Kürbisgewächse), die heute, wenn sie bitter schmecken, schnell als ungenießbar oder gar giftig hingestellt werden. Wie wichtig Bitterstoffe für die Anregung des gesamten endokrinen Systems unseres Körpers wirklich sind, stellen die traditionelle chinesische Medizin (TCM), das Ayurveda, die Klostermedizin und die Naturheilkunde sehr gut dar.

 

„Medizin muss bitter schmecken, sonst nützt sie nix!“, sagte Professor Schnauz in der Feuerzangenbowle. „Was bitter im Mund, macht den Mensch (das Herz, den Bauch, den Darm) gesund!", heißt es da in Bezug auf Wermuttee. Oder auch: „Bitter im Mund, dem Magen gesund!“, meinte Schneider Böck, nachdem er von Max und Moritz` Streichen Magendrücken bekam. Allesamt weisen diese Sprüche einen direkten Bezug zu Herz und Verdauungstrakt auf. Interessant hierbei ist, dass in der TCM die Geschmacksausrichtung bitter dem Element Feuer zugeordnet ist, was dem Organpaar Herz und Dünndarm entspricht. Im Herz wohnt das Feuer des Lebens, im Darm das Feuer der Zersetzung (im positiven Sinne von Aufteilung, Aufschlüsselung und Verwertung). 

„Was am Anfang bitter, ist am Ende süß!“, heißt es im Ayurveda.  Durch Bitterstoffe können Würmer in den Verdauungsorganen getötet, Giftstoffe ausgeschieden und Störungen des Kapha (stabilisierendes und erhaltendes Prinzip, Wasser und Erde) und Pitta (Energieprinzip, Feuer) ausgeglichen werden. Auch die wunderbare Hildegard von Bingen erkannte, dass Bitterstoffe eine wohltuende Wirkung auf Körper und Geist haben. Aristoteles bemerkte, dass die Wurzeln der Bildung bitter, ihre Früchte aber süß sind. Und auch die hiesige Naturheilkunde wartet mit einer Vielzahl „bitterer“ Erkenntnisse nicht erst seit dem Bekanntwerden des Schwedenbitter auf. 

Übrigens fand man im Jahre 2011 im Rahmen einer australischer Studie heraus, dass der bittere Milchsaft von Euphorbia gut gegen den weißen Hautkrebs wirkt.

 

Ganz deutlich signiert sich der Planet Jupiter, der menschenfreundliche Herrscher und das hellste Licht am Nachthimmel, im Erscheinungsbild der Euphorbia. Organisch entspricht Jupiter der Leber, und diese reagiert auf Bitterstoffe mit Freude, Vitalität und der Fähigkeit, Ärger wirklich ausdrücken zu können und nicht „speichern“ zu müssen. Jupiter fördert die Gestaltungskraft und das stetig Aufbauende, reguliert die Reife des Menschen und den Blutstrom. Und was macht die Leber denn anderes, als die Stoffwechselbestandteile nach den Bedürfnissen des Organismus aufzubauen und gezielt in ihm zu verteilen? 

Am Ende der Blütezeit nehmen die Blütenstände eine kräftig-orangene, fast kupferrote Färbung an, was die Signatur des Mars vermuten lässt. Mars, der Planet des Kampfes, der auflöst, zersetzt und reinigt, steht für Willenskraft und zielgerichtete Energie. Zudem symbolisiert er das Männliche und ihm wird die Galle (Verdauung, Aufteilung, Zerlegung) zugewiesen. Scharfe, bitter schmeckende und giftige Pflanzen entsprechen ihm. Auch die stabilen und strukturierten Halme der Euphorbia erinnern eher an seinen Sinn für Ordnung und Struktur. 

Wie wir wissen, können wir uns in der äußeren Welt nur wehren, wenn wir körperlich (und geistig) gut konstituiert sind. Innerlich bedarf es hierfür eines gut aufgestellten Immunsystems, welches nur durch einen gesunden Darm ermöglicht werden kann. Auch dieses wird durch Mars symbolisiert. Der direkte Bezug zu Bitterstoffen, einer guten Verdauung und einem wachsamen Immunsystem ist durch die planetaren Signaturen recht offensichtlich abzuleiten. 

 

Betrachten wir es streng astrologisch, ist Mars der einzige Planet, dem Jupiter nicht wohlgesonnen ist. Jupiter steht allen anderen Planeten freundlich gegenüber; Mars hingegen nur Venus. Diese Gegensätzlichkeit drückt sich in Euphorbia besonders in der marsianischen Giftigkeit und dem jupiterischen Wohlwollen ganz besonders intensiv aus. Und sind es nicht die Gegensätze, ist es nicht der Konflikt, der Streit oder das Gewitter, denen gemein ist, eine reinigende Wirkung zu haben? 

 

© Kay Weber