Blutroter Hartriegel (Cornus sanguinea)

Spätestens im Herbst, aber auch schon im Spätsommer, wird die Namensgebung „blutrot“ deutlich, auch wenn diese Bezeichnung als einer unter endlos vielen Trivialnamen katalogisiert wurde. Wir finden ihn natürlicherweise an lichten Standorten, in Hecken, Wäldern und als Teil von Gebüschen auf kalk- und nährstoffreichen Böden. Aufgrund der sonnenseitigen Rötung der Zweige und der prächtigen Färbung des Laubes zum Ende der Vegetationsperiode, ist der rote Hartriegel ein beliebtes Gehölz in Gärten und Parks geworden, obwohl er auf die Verbreitung durch den Menschen nicht angewiesen ist. An schattigen Stellen kann er sich auch ohne Blüten und Früchte problemlos vermehren, indem er lange und zum Boden hängende Triebe zügig wurzeln lässt. Seine ölhaltigen und zweisamigen Früchte werden gern von Singdrossel, Amsel, Wacholderdrossel, Rotkehlchen, Dorngrasmücke, Star, Elster, Blaumeise, Gimpel und Fasen gefressen, was den Bestand des Gehölzes zum einen sichert, aber auch eine wichtige Nahrungsgrundlage für einheimische Vogelarten darstellt. Zudem füllen Eichhörnchen und Mäuse mit den Beeren ihren Wintervorrat auf und sichern Bestand und Verbreitung zusätzlich. Seine Blüten gelten als regelrechte Bienenweide und daher müssen Hartriegel als fester Bestandteil in Naturgärten gelten. 

Lässt man den Hartriegel in seinem Wachstum gewähren, kann er zu einen stattlichen Strauch heranwachsen, eine baumförmige Gestalt annehmen und ein Alter von über 40 Jahren erreichen. Sein Holz ist extrem zäh, seine Wurzel gleicht einer in den Boden gerammten Faust, die sich weit und tief verästelt. Meiner Erfahrung nach eignen sich Hartriegel als Bepflanzung zur Hangbefestigung ganz besonders, da sie selbst lehmigen und tonigen Böden Halt geben und eine nachfolgende Sukzession ermöglichen. Auch an brüchigen Hängen aus Muschelkalk lässt sich das in kurzer Zeit sehr gut beobachten. 

 

Cornus steht sowohl für den alten Namen Korsikas als auch für „hartes Holz“, aus dem Lanzenschäfte gefertigt wurden. Laut Servius kann aber auch mit „cerasum“ die Vogel-Kirsche gemeint sein, da sich der Name des Gottes „Kirnis“, dem Beschützer der Kirschbäume (Kirnas = Kirsche), ableiten lässt. In beiden Fällen richtet sich das Augenmerk mehr auf die essbaren, roten Steinfrüchte als auf das harte Holz. Sanguinea leitet sich aus „Blut“, „von Blut fließend“ oder „mit Blut gefüllt“ ab, was sich in vielen Pflanzennamen aufgrund ihres Erscheinungsbildes wieder findet.

Das Holz des Hartriegels fand (und findet) in Flechtwerk oft Verwendung, die Früchte aufgrund ihres hohen Fettgehaltes gelegentlich in der Seifenherstellung oder als Schmiermittel für technische Zwecke. 

Entgegen der allgemeinen Auffassung sind die Früchte des Hartriegels auch für den Menschen essbar, wenngleich diese als nicht besonders genießbar gelten und bei Kindern hier und da Durchfall und Magenschmerzen auslösen können. Dennoch können sie für die Herstellung von Marmeladen und Fruchtsäften Verwendung finden, weshalb die britische Gesellschaft „Plants for a Future“ den Hartriegel in ihre Onlinedatenbank (https://pfaf.org/user/Plant.aspx?LatinName=Cornus+sanguinea) nützlicher und essbarer Pflanzen aufgenommen hat. 

 

Auch der Hartriegel ist in Hecken von Naturgärten, Parks und Waldsäumen ein wichtiger Bestandteil in vielerlei Hinsicht. Er bietet Vögeln und Kleintieren Schutz und Nahrung, Nist- und Baumaterial, hält den Boden an Ort und Stelle, bietet Unterschlupf und Wohnraum für Kleintiere, schafft Nischen für phytosoziale Heckenstrukturen, gründet so Artenreichtum, bietet Wildbienen und Insekten reichlich Nektar und wird seiner Stellung als vor Wind schützendes Heckengehölz durchaus gerecht. Nicht nur sein ästhetisches Erscheinungsbild sollte Grund genug sein, ihm in unseren Gärten Raum und Zeit zu einzuräumen. Dies wird besonders dann deutlich, wenn wir uns die Zeit nehmen und den Hartriegel im Verlaufe einer Vegetationsperiode beobachten und feststellen, für wie viele verschiedenen Wesen und deren Existenz - und letztlich auch für unser Dasein und unseren Fortbestand - er ein wichtiges Bindeglied bildet. 

 

Nun mag es mehrere Möglichkeiten geben, den blutroten Hartriegel in seinem Wirkspektrum als auch in seiner Signatur zu deuten. Vordergründig findet sich in seiner Färbung natürlich die Signatur des Mars, der zwar für Kampf und Krieg steht und somit für Auflösung, Reinigung und das Fortschaffen des Unbrauchbaren steht. In gewisser Hinsicht kann Mars auch als das männliche Gegenstück zur Venus betrachtet werden. Entgegen der traditionellen Sichtweise als „Malefizplanet“ steht Mars auch für eine ausgleichende und ergänzende Wirkung. Die Marsenergie kann uns weiterhelfen, uns mit dem nötigen Schub Energie zu versorgen, die man braucht, um ein Vorhaben zu beginnen oder voranzutreiben. Im Tarot trifft man auf Mars in Gestalt des Turmes; des einstürzenden Turmes. Altes wird zerstört und macht Platz für Neues; dies auch spirituell und führt zu tiefgreifender innerer Erneuerung, Selbsterkenntnis und Heilung. Eigenschaften wie Krieg, Gewalt und Tyrannei, die Mars gern angehangen werden, können durch andere Planeten entschärft werden. 

In der Art aber, wie der blutrote Hartriegel seine zähe und kaum spaltbare Wurzel unbändig in den Boden treibt, seine Zweige zügig, elegant und beinahe strategisch im Boden wurzeln lässt um schnellstmöglich sicheren Stand und Ausbreitung (Eroberung) zu gewinnen, wie er sich zum Ende des Jahres puderrot färbt, als wäre er voller Wut, dass das Jahr zu Ende geht und wie er oft noch im Spätsommer Blüten treibt, als wehre er sich gegen die immer tiefer stehende Sonne, lässt eindeutig die kampfeslustige Signatur des Mars erkennen. Trotzdem scheint er nicht rein selbstsüchtig zu agieren, festigt er doch den Boden und schafft Raum für nachkommende Pflanzen, die ohne ihn keinen Halt fänden. Dies lässt klar die vermittelnde Eigenschaft des Merkur erkennen. Das geschickte und vorausdenkende Handeln mit dem „Sich-gewahr-Sein“ der Veränderung zeugen deutlich von merkurischen Eigenschaften, die für Vielfalt und Artenreichtum stehen. Im Frühjahr und im Sommer zeigt sich der blutrote Hartriegel von einer gänzlich anderen Seite, eher unscheinbar und schüchtern kleidet er sich in ein eher silbrig unauffälliges Grün, was eine leichte mondhafte Tendenz erahnen lässt. Man sagt, der Mond leite alle höheren Kräfte an die irdische Ebene weiter. Ein eher passives Prinzip also, das den Hartriegel in dieser Jahreszeit charakterisiert. Ein starkes sonnenhaftes Bewusstsein dieser Pflanze spiegelt sich aber auch in seiner Widerstandsfähigkeit und der Art, sich gern in den Mittelpunkt zu stellen. 

 

Wenngleich diese Beobachtungen auch nur Beobachtungen sind, die in unserer streng wissenschaftlsgläubigen und der akademischen Hörigkeit unterworfenen Welt eher ein müdes Lächeln hervor rufen, sind es doch meine Erkenntnisse, die ich aus dem Betrachten und Erleben erfahre und von denen ich ableite, wie sehr sich doch die menschlichen Eigenschaften in ihrer oft gegensätzlichen Erscheinung wiederfinden und Anlass zu der Hoffnung geben, dass in jedwedem Handeln ein tieferer Sinn wurzelt, dessen Tragweite dem Handelnden beim Tun noch nicht in aller Gänze und Tragweite bewusst sein mag. 

 

© Kay Weber