Liguster (Ligustrum vulgare)

Zwar dürfte einem Jeden die wohl und oft kunstvoll getrimmte Ligusterhecke aus Gärten, Parks, Vorgärten und Schrebergarten-Siedlungen bekannt sein, doch fristet der Liguster als einheimisches Gehölz ein eher unbekanntes Dasein. Auf kalkreichen Böden finden wir ihn als Teil von Gebüschen, in Waldmänteln und Hecken; daher wird er wegen seiner weideähnlichen Blattform auch „Rainweide“ genannt. In seinem natürlichen Habitat bildet er langästige Ausläufer und die zügige Bewurzelung durch zum Boden abgesenkter Zweige lässt oft ausgedehnte Gebüsche entstehen, die nur wenig an ihr von Menschenhand aufgezwungenes Erscheinungsbild erinnern. 

Aufgrund seiner wintergrünen Erscheinung und ebensolch dauerhafter Gutmütigkeit gegenüber dauerhafter Beschneidung, ist er ein lebendiger Teil unserer Kulturlandschaft in Form von Heckenpflanzungen und Beeteinfassungen geworden. Seine besondere Schnittfestigkeit, verbunden mit lebhaften und stark verzweigten Austrieb an den Schnittstellen lassen ihn dichter und dichter wachsen. So nutzen wir den Liguster in erster Linie um uns ab- und andere auszugrenzen, für Dichtheit vor neugierigen Blicken zu sorgen und die deutliche Botschaft der Abgrenzung ungesagt auszusprechen. Man könnte durchaus unterstellen, dass besonders aufwändig gepflegte und hoch gewachsene Hecken für die jeweilige Rückzugstendenz des Hecken-Eigentümers stehen. Jene Zeiten, in denen wir über Facebook, Instagram & Co unzählige private und bisweilen intime Daten preis geben, unsere Hecken (auch in Form von Thujen, Lebensbäumen, Mauern, Pergola aller Art und Mauern) jedoch immer höher und dichter wachsen lassen, spricht deutlich von der Irrationalität des menschlichen Tuns.  

Man vermutet, dass der Name „Ligustrum“ kaum von den Ligurern abgeleitet wurde, wohl eher aber nach dem Handwerk der Korbflechterei, wofür die jungen Zweige Verwendung fanden (von lat. „ligare“ = binden).  Vulgare bezieht sich auf Begriffe wie „gemein“, „gewöhnlich“ oder auch „allgemein bekannt“, was sich wohl auf die Ausbreitung der Pflanze bezieht. 

Heute ist es kaum noch bekannt, dass die Beeren des Liguster einst zum Färben von Gewebe, aber auch zum Färben von Wein Verwendung fanden. Das vor dem Genuss dieser Beeren hingegen gewarnt wird, ist durchaus verbreiteteres Wissen. In Zeiten des heiligen Wolfgang (um 1520) fand man für viele Pflanzen die Bezeichnung „Teufelskraut“. So taucht der Liguster hier im Einklang mit Johanniskraut, Schöllkraut, Bilsenkraut, Tollkirsche, Einbeere und roter Zaunrübe auf. Doch nicht nur die schwarz glänzenden überwinternden Beeren, sondern auch die Blätter enthalten das für uns giftige Glykosid Ligustrin. Nach einer Konsumation werden die Schleimhäute des Verdauungstraktes und die Nieren angegriffen. Beobachtet wurden Übelkeit, Erbrechen, Durchfall, Entzündungen von Niere und Harnblase, Blutdrucksenkung und nachlassende Herztätigkeit, weshalb von der Verwendung der Pflanze abgeraten wird. Dennoch verwendet die Naturheilkunde die im Frühjahr gesammelten Blüten und Blätter bei Angina, Cellulitis, Durchfall, Halsschmerzen, Rheumatismus und Tabakmissbrauch. Die Wirkung der Pflanze wird mit adstringierend, wundheilend und wundreinigend angegeben. Von einer Selbstbehandlung oder der eines unkundigen und selbsternannten Heilers, wie wir sie heute recht häufig treffen, ist entschieden abzuraten. Unsere Entfremdung von der Natur, der bewusste Entzug und das Vorenthalten biologischer und kosmischer Rhythmen, der Verlust wie auch die bewusste Verdrängung uralten tradierten Naturwissens befähigen uns kaum noch, die in der Natur liegenden Heilkräfte auf ätherischer Ebene überhaupt noch wahrzunehmen. Es scheint, als genüge uns die allmonatliche Apotheken-Umschau-Weisheit zur vollkommenen Genesung. Dies mag zwar kurzfristig auf physiologischer Ebene funktionieren, doch von dauerhafter, und vor allem geistig-seelischer Gesundheit sind wir mehr und mehr entfernt. 

 

Wie schon bei der Hundsrose, dem Pfaffenhütchen oder dem Weißdorn erwähnt, stellt die Hecke einen für uns undurchdringlichen, undurchsichtigen, verworrenen und wehrhaften Übergang von der lichten Welt (dem freien Feld oder der Wiese; das Bewusstsein) in die dunklere Welt, die Welt des Verborgenen und nicht Offensichtlichen (den Wald mit seinen Geistern und Feen, das Unbewusste) dar. Jede natürliche Hecke steht mit der Transformation unseres Seins in direkter Verbindung. Doch gilt dies auch für jene gärtnerisch-künstlich erschaffenen Ligusterhecken, hinter denen wir uns nach getaner, „weltlich-materieller“ Arbeit verkriechen und nur noch unsere Ruhe haben wollen? Ja, denke ich in ganz besonderem Maße. Wir suchen in erster Linie Schutz, Ruhe, Geborgenheit, Rückzug und genießen das Unbeobachtet-Sein, auch wenn sich viele dies in dieser Form nicht eingestehen möchten oder können. Unbewusst spüren wir, dass etwas nicht stimmt, nicht richtig läuft, nicht mehr normal ist und versuchen nur, den Weg zu uns selbst zu gehen, auch wenn dieser einer der schwierigsten Wege ist. 

Denn sicher ist das der Grund, weshalb der Liguster sich mit unendlicher Geduld beschneiden, formen und stutzen lässt, damit er Heim und Herd vor all den Dingen schützt, die dazu gemacht sind, uns von uns selbst zu entfernen. Deutlicher wird das wohl auch durch die immer höheren und blickdichteren Bollwerke, mit den wir unsere Grundstücke umrahmen und deutliche Zeichen der Abgrenzung, des Draußen-Bleibens, setzen. 

Der Liguster zählt zu den Ölgewächsen und drückt hierdurch zunächst seine Sonnen-Sigantur aus, die für Ich-Werdung, Zentrierung und das Ich-Bewusstsein steht. Das „Ich“ also ist es, das wieder in den Mittelpunkt rückt. Und wo, wenn nicht hinter einen dichten Hecke, findet man die Ruhe hierfür. Das Giftige und Düstere, welches im Liguster auch liegt, findet sich in der Signatur des Pluto, dem, der als äußerer Planet die Finsternis (alles was von Außen kommt) bewacht und über das Reich der Schatten wacht; genau dann, wenn wir uns nicht unterwerfen wollen, uns nicht ausgeliefert sehen möchten. Da jede Hecke aber auch für den Ort des Überganges und somit den Austausch steht, sehe ich deutlich die Charakteristik des Merkur, des sonnennächsten Planeten. Ihm unterstehen Grenzen und ihre Überschreitung, der Austausch, die Kommunikation und das Überbringen von Botschaften (Hermes, Anubis, Toth).  Wir kennen Begriffe wie „Hecken-Geflüster“ oder was sagt man nicht alles durch die Hecke oder was hecken wir gerade wieder aus, was geschieht im Verborgenen oder unter vorgehaltener Hand? Vielleicht ist damit auch die Art und Weise angesprochen, wie wir mit und über uns selbst reden…

 

© Kay Weber