Rosskastanie ( Aesculus hippocastanum) 

Sie  ist wohl der erste Baum, den wir als Kinder zweifelsfrei zu deuten wussten. Das Sammeln seiner Früchte spricht unseren Urinstinkt, zu Sammeln um zu überleben, an, auch wenn die Kastanien dann als Futter für Wildtiere oder für Basteleien verwendet werden.

Ursprünglich ist er ein Baum des Südens, obwohl seine genaue Herkunft nicht mehr nachvollziehbar ist. Ausgedehnte, natürliche Kastanienwälder gibt es nur noch im Appennin, die Vorkommen auf der iberischen Halbinsel und in Frankreich sind jedoch nicht ursprünglich. Das berühmteste Exemplar gedieh auf dem Ätna und soll einen Stammumfang von unglaublichen 61 Metern besessen haben. Noch heute existieren dort Exemplare mit einem Stammdurchmesser von sechs Metern. Die Kastanie scheint wohl doch die Hitze zu lieben, ein Kind der Sonne zu sein!

Karl der Große empfahl Kastanienbäume gemeinsam mit Maulbeer-, Mandel- und Feigenbäumen zum Anbau in den königlichen Pfalzen. Auch wurde zu dieser Zeit der Vergleich zwischen Kastanienbaum und Kartoffelstaude als Nahrungsmittel getroffen. Bis zum 17. Jhd. war die Kastanie in wärmebegünstigten Regionen ein Volksnahrungsmittel. Mit einem Stärkeanteil von 43% sicherten die Früchte das Überleben der notleidenden Bevölkerung bei Missernten. Die Kartoffel aber gewann das Rennen im Zuge der sich im 18. Jhd. anbahnenden landwirtschaftlichen Revolution. 

Früher wurden die Maronen neun Tage gewässert, danach räucherte man sie einige Wochen in einem Dörrhäuschen. Je länger sich dieser Prozess hinzog, desto haltbarer wurden die Früchte. Danach füllte man sie in einen Jutesack und hing sie so lange über einen Hackstock, bis sich die Schale von allein löste. Kühl und trocken konnten sie so zwei bis drei Jahre aufbewahrt werden. Gemahlen und vermischt  mit Roggenmehl wurde so in Kalabrien und Korsika das so genannte Baumbrot gebacken. 

Noch heute werden in Frankreich dreihundert Kastaniensorten unterschieden, von denen sich nur wenige auf dem Markt wirklich durchsetzen können. Ihr mehliger, irdener und etwas dumpfer Geschmack stößt heute mehr auf Ablehnung. Übrig geblieben von der einstigen Vielfalt sind allein die Maronibräter in den Fußgängerzonen mitteleuropäischer Städte. Bei uns dienen sie hier und da als Füllung für die Martinsgans, als Beilage zu Wildgerichten, seltener als Suppenzutat.Der Sinnspruch, die Kastanien aus dem Feuer zu holen kommt daher, dass sie im Kochwasser oder im Ofen gegart werden. Sie heraus zu holen, galt als unangenehme Aufgabe.

Nach Hildegard von Bingen ist „…die Frucht sehr nützlich gegen jede Schwäche die im Menschen ist.“ Und weiter sagt sie: „Der Mensch, dem das Gehirn infolge Trockenheit leer ist und daher schwach im Kopf ist, koche die Fruchtkerne im Wasser und er füge nichts anderes hinzu, und wenn das Wasser ausgegossen ist, soll er es nüchtern und nach dem Essen nehmen und sein Gehirn wächst und wird gefüllt und seine Nerven werden stark und es wird der Schmerz im Kopf weichen.“

„Wer im Herzen Schmerzen hat, dass seines Herzens Stärke keine Fortschritte macht, und wenn er so traurig wird, dann esse er oft diese rohen Kerne, dies gießt seinem Herzen einen Saft wie Schmalz ein und er wird an Stärke zunehmen und seinen Frohsinn wieder finden.“

„Wer aber Schmerzen in der Milz leidet, brate diese Kerne etwas am Feuer, und dann esse er sie oft etwas warm, und die Milz wird warm und strebt nach völliger Gesundheit…“

© Kay Weber