Die Namenlose (Sine nomine)

An einem zunächst sehr kühlen, wässrig-vernebelten, dann aber gegen Mittag sonnendurchtränkten Oktobertag, streifte mich beim Schlendern entlang der munter plätschernden Ilm im Tiefurter Park dieser Zweig. Scheinbar war ihm meine Aufmerksamkeit wichtig. Diese schenkte ich dennoch einigen nervös über das Ufergestein hüpfenden und mit den Schwanzfedern aufgeregt wippenden Bachstelzen (die früher auch Ackermännchen genannt wurden). In diesem Moment aber zwängte sich die Sonne durch das zähe Nebelkleid, welches dem Tag bisher einen eher düsteren, traurigen Charakter verlieh.

Wie kleine, sich mutig zu Boden stürzen wollende Tautropfen wippten die goldig glänzenden Samenhülsen (oder –tropfen, -schoten, -samen?) erneut um meine Aufmerksamkeit vor mir her. Diesmal hatten sie auch Erfolg. Vom Sonnenstrahl berührt, schimmerten sie schüchtern, wippten durch herabfallende Tautropfen auf und ab. Die geduldig biegsamen Zweige hielten dem Treiben gelassen Stand.

Mich hat diese elegante Traurigkeit, diese belebende Abschlussphase eines Lebenszyklus fasziniert. Der Blick auf das Vergehende verspricht die Verlässlichkeit des Wiederkehrenden. Das ewige Lied. Bis heute weiß ich nicht, wer mir da begegnet ist, welcher Pflanzengeist mich angestupst, um meine Aufmerksamkeit gebuhlt haben soll. Ich kenne nicht den Namen, keinen Gott, keinen Mythos, kein Märchen. Nur die Bachstelzen, die genauso wippten. Und den Ort im Park. Die genaue Stelle. Ein Tag im Sommer würde wohl genügen, zur Not auch ein Bestimmungsbuch, und ich würde des botanischen Namens kundig werden. Doch soll es keine Eile haben. Manchmal genügt Kenntnis im Leben, und die Faszination geht dabei zu Grund.

© Kay Weber