Echte Nelkenwurz (Geum urbanum)

Die Nelkenwurz mag Manchem sehr aufdringlich erscheinen, was durch die Anhänglichkeit ihrer Samen in Kleidung oder auf Tierfellen versinnbildlicht wird. Zwar ist sie als schlimmes Unkraut verschrien, doch dort, wie sie üppig wächst, wird sie meist besonders benötigt. Daher finden wir sie mehr und mehr in der Nähe menschlicher Siedlungen.

Ihr Name verweist auf keine Etymologie. Nur der Namenszusatz „urbanum“ (von urbánus stammend) weißt auf ihre Standortauswahl besonders in Städten hin. Auf Ruderalflächen, in Laubmischwäldern, an Heckensäumen und Gebüschen. Hier warten im Spätsommer die kleinen, keimfreudigen und mit Haken versehenen Samen auf ihre Verbreitung. 

Der Wurzelstock der Nelkenwurz hilft gegen Durchfall wie Verdauungsstörungen und dient als Ersatz für Gewürznelken. Gräbt man die Wurzel frisch aus der Erde und reibt diese in den Händen, kann man deutlich diesen die Sinne berührenden Duft schnell wahrnehmen. Wegen der keimtötenden Wirkung wird ein Auszug aus der Wurzel auch als Gurgelmittel bei Rachen- und Zahnfleischentzündung angewendet. Weiter wird ihr eine lebensverlängernde, die Potenz des Mannes steigernde und Unheil abwehrende Wirkung zugesagt. Zu letzterem trägt man den getrockneten Wurzelstock als Amulett um den Hals möglichst auf Herzhöhe. 

Die Nelkenwurz zählt zu den Rosengewächsen. Weitere Namen deuten auf ihre Wirkspektren hin. Benediktenkraut nennt man sie noch zu Zeiten Hildegard von Bingens, aber auch „Heil aller Welt“, Mannskraft und Nägeleinkraut.

Geschätzt war der Wurzelstock auch um Würzweine zu parfümieren, dem Bier eine besondere Note zu geben und es zugleich vor dem Sauerwerden zu bewahren. 

Hildegard von Bingen empfiehlt „Benedicta“ (die Gesegnete) zur Stärkung schwacher Menschen indem sie sagt: „…und wenn jemand es im Tranke einnimmt, entbrennt er in begehrlicher Liebe…“, womit sie mehr die Liebe zum Leben selbst gemeint hat. Eine aphrodisierende und die Potenz steigernde Wirkung beschreibt sie etwas zurück haltender. 

Als Duftpflanze wurde die Nelkenwurz gegen Hexen, Teufel und sämtliche bösen Geister, heute eher als negative Energien oder Assuras bekannt, gezielt angewendet. 

Deutlich erkennt man in ihr die Signatur des Jupiter. Er regiert die Reife des Menschen, reguliert den Blutstrom und die Leberfunktion; auf der weniger sympathischen Seite vermag er Geiz und Vergesslichkeit zu bedingen. Im Tarot findet man Jupiter unter dem Rad oder Fortune, dem Glück. Diese Karte beinhaltet Neubeginn, Erweiterung, Kreativität, Selbstverwirklichung und unerwartetes Glück. Hierbei gilt es, das Leben in die eigenen Hand zu nehmen und sich nicht dem Willen oder der Entscheidungsgewalt anderer Menschen und Meinungen auszuliefern. 

Genau dieses Bild vermittelt uns die Nelkenwurz. Ihre Bodenständigkeit, ihr Vermögen, sich mit ihren langen Wurzeln fest im Erdreich zu verankern, zeigt uns, wie wichtig es ist, ausreichend Erdkontakt zu haben und dennoch körperlich wie auch im Geiste beweglich zu sein. Hier sehe ich einen Grund dafür, weshalb sich uns die Nelkenwurz auf Schritt und Tritt in ihrer allgegenwärtigen Erscheinung regelrecht aufdrängt. Viele von uns sind von ihrem eigenen Wesen, von ihrer Ursprünglichkeit getrennt, abgelenkt, bisweilen verwirrt und vom gesellschaftlichen Dasein überfordert. Die Zahl der seelischen Erkrankungen, als Folge dieser Trennung, steigt rapide von Jahr zu Jahr. Fänden wir wieder mehr Vertrauen zu uns selbst und machten unser Schicksal nicht permanent von den Reflexionen unserer „zivilisierten“ Umgebung abhängig, gelangten wir zu unseren Wurzeln und somit zu unserem ureigenen „Selbstvertrauen“ zurück. Erst dann haben wir die Fähigkeit wieder erlangt, aus unseren Wurzeln heraus einen Neuanfang zu wagen, uns zu erweitern, eigene und mutige Ideen zu entwickeln und uns endlich selbst zu verwirklichen. Genau diesen „jupiterischen“ Gedanken vermag uns die Nelkenwurz zu vermitteln. Sie ist eine von unzähligen anderen Pflanzen, die diese und ähnliche Botschaften aus ihrer Unscheinbarkeit heraus vermitteln. Ihre Widerstandsfähigkeit und ihr Vermögen, selbst aus den unwirtlichsten Bedingungen heraus zu erblühen und viele Samen (Gedanken/Ideen) hervorzubringen, sollte uns ein lehrhaftes Beispiel sein.

© Kay Weber