Stinkende Nieswurz (Helleborus foetidus)

Sagen und Legenden ranken sich um diese Pflanze, welche bei uns im ausgeheneden Winter so herrlich blüht. So soll die Blume ein von der germanischen Göttin Freja verzaubertes Mädchen sein, das von seiner bösen Tante im Winter bei Nacht und Kälte hinaus gejagt wurde. 

In der Antike wurde ein Wurzelabsud der schwarzen Nieswurz in Wein gegen Geisteskrankheiten eingesetzt. Herakles selbst soll von einem Wahnsinnsanfall so geheilt worden sein. In Rom sagte man: „Helleborus opus habet!“ (Er braucht Nieswurz) von einem geistig nicht ganz normalen Menschen.

Fürwahr, zur Wintersonnenwende, und wenn es nicht zu kalt und die Sonne an ihrem Tiefpunkt angelangt ist, öffnen sich zögerlich die Blüten der Nieswurz. Mit leicht grünlich-weißen Blütenblätter und einem honigsüßen Duft lockt sie die noch wenig vorhandenen Insekten an. Sie ist, trotz ihrer Giftigkeit (wie viele Pflanzen, die sich gegen den Sonnenrhythmus auflehnen), eine der wichtigsten Heil- und Initiationspflanzen. Heilmittel oder Gift ist, wie bekannt, von der Dosis abhängig. 

Paracelsus bereitete aus den getrockneten Blättern der Nieswurz ein „Elixier zum langen Leben“, das seinerzeit sehr beliebt war. Mancherorts hieß es, dass es genüge die schwarze Nieswurz bei sich zu tragen, um ein hohes Alter zu erreichen. Beim Menschen konnte der „Schelm“, der Krankheitsgeist, der sich im Körper versteckt, mit der Nieswurz ausgetrieben, herausgeschwitzt, herausgebrochen, abgeführt oder herausgenießt werden. Neben den Kelten erkannten die Völker des Mittelmeerraumes die reinigende Wirkung, sowohl um Krankheiten auszutreiben, aber auch nicht wohlgesonnene Astralwesen abzuwehren.

Im Mittelalter wurde Nieswurzpulver auch gegen Apoplex (Schlaganfall) angewendet. Wenn ein Patient niest, dann sei er die folgenden 24 Stunden vor einem weiteren Anfall sicher. Der Moment des Niesens (so auch Gähnen oder Rülpsen) war für die Kelten ein magischer Moment. Der Moment des Übergangs, des Sich-öffnens. Wer niest, ist nach keltischem Glauben der Gefahr ausgesetzt, von Feen verschleppt zu werden. Dieser Moment muss durch einen Segenspruch oder ein Machtwort wie z.B. „Gesundheit“, Gotthelf“, Helf dir Gott“ oder „Bless you“ geschützt werden.

Die schwarze Nieswurz, so Paracelsus, „…entfernt aus dem Leib, was nicht in ihm sein soll.“ Menstrualblut, Würmer, tote Leibesfrucht und Krankheitsstoffe. Die Wurzel hat die Macht, Gicht, Fallsucht (Epilepsie), den Schlag und Wassersucht zu vertreiben. 

Die kosmische Signatur der Nieswurz gehört dem Saturn. Er ist der langsamste sichtbare Planet, er hinkt als Greis hinterher, der kalte graue Winter entspricht ihm – die Zeit, in der die Nieswurz blüht. Saturn bringt Weisheit, Nüchternheit und Abgeklärtheit, aber auch Melancholie, Alterstarre, Gicht, Schwerhörigkeit und Verstopfung. Er fördert den Bewusstwerdungsprozess, das Konzentrationsvermögen und gilt als kosmischer Kontrolleur. Als Tierkreiszeichen wird ihm der Steinbock zugeordnet, jenes Sternzeichen, in dem die Sonne aus ihrem tiefsten Stand heraus langsam beginnt, wieder aufzusteigen. 

„Mehr Tugend und mehr Kraft ist in diesem Kraut“ schreibt Paracelsus, und fügt hinzu: „Ein Arzt, der diese Pflanze anzuwenden weiß, der hat Kunst genug!“

© Kay Weber