Esche (Fraxinus excelsior)

Die Esche ist der Baum der Au-, Schlucht- und Laubmischwälder. Auf Schritt und Tritt begegnet man ihr, dem Baum, der oft im Jahr als letzter grünt und als erster sein Laub abwirft. Jedoch kündet sie das Sonnenjahr an, wenn sie vor der Eiche zu grünen beginnt. „Grünt die Esche vor der Eiche, bringt der Sommer große Bleiche.“, was bedeutet, dass ein heißes und trockenes Jahr bevorsteht. 

Die Esche, im keltischen onna oder onnestru genannt, steht im indogermanischen für das Wort „osk“, was so viel wie „Speer“ bedeutet. Aus ihrem Holz drechselten die Kelten Stiele für Äxte und Spaten, aber eben auch Speere und Lanzen, was sie zum Symbol männlicher Stärke machte. Die germanische Mythologie nennt „Ask“ (Esche - Mann) und „Embla“ (Ulme - Frau) als die ersten Menschen. 

Sie ist ein wahrhaftiger Sonnen-Baum, auch wenn sie gern auf feuchten Böse wächst und ihr somit die Macht über das Wasser zugesprochen wurde. Keltische Druiden trugen Stäbe aus Eschenholz, mit denen sie das Wetter beherrschen konnten. Im druidischen Baumalphabet der Iren ist sie der dritte Buchstabe (Nion), der das sonnendurchlichtete Wasser und die Wiedergeburt symbolisiert, die durch die Vereinigung des kosmischen Lichts mit dem Lebenswasser möglich ist. 

„Die Esche, weiß ich, sie heißt Yggdrasil, die hohe, benetzt mit hellem Nass; von dort kommt der Tau, der in Täler fällt, immergrün steht sie am Urdbrunnen…“

Yggdrasil war es, durch die Odin zum Runenleser und Zaubermeister wurde. Der Überlieferung zufolge vollzog Odin an sich selbst den Weiheakt, als er, verletzt durch einen Zweig des Baumes, neun Nächte lang an der Weltenesche hing. Die Weltenesche Yggdrasil bildet die Achse und Stütze der Welt. Wie eine lebendige Säule durchdringt und verbindet sie Götterstadt, Riesenland und Unterwelt.

Da das Holz der Esche verletzen kann, kann es auch Wunden heilen und Blutungen stillen. So nähte man auch Eschensplitter ins Hemd, um einer Verwundung entgehen zu können. 

Bei Hildegard von Bingen ist die Esche ein Sinnbild der besonderen Einsicht. Sie bemerkt, dass Eschenlaub anstelle von Hopfen bei der Herstellung von Haferbier verwendet werden kann. Zubereitungen aus den Blättern und Früchten des Baumes werden gegen Gicht und Rheuma empfohlen, wenn sie mit Wacholderbeeren, Weiden- und Brennesselblättern in Alkohol zum „Eschengeist“ angesetzt werden. Bekannt ist heut noch der sogenannte „Holztee“, ein Aufguss aus geraspelten Spänen des Eschenholzes, der blutreinigend wirkt. Eschenasche, die reinweiß ist und auf die Sonnensignatur hinweist, wurde mit Essig verrührt und bei verstauchten und gebrochenen Beinen zur Anwendung gebracht. 

Die wahrhaftige Signatur der Sonne kommt auch in ihrer unglaublichen Vitalität zum Ausdruck. Die Esche ist ein wahrer Überlebenskünstler, sie bringt es auf eine stattliche Größe bis zu 40 Metern Höhe und selbst dem alljährlichen Beschneidungs- und Stutzungswahn (was irrsinnigerweise als Baumpflege bezeichnet wird) des Menschen strotzt sie mit üppigem Wuchs und schnell wieder austreibenden und grünenden Zweigen entgegen. Sie gewährt durch ihr gefiedertes Blattwerk, das sehr lichtdurchlässig ist und wenig Schatten spendet, nur jenen Pflanzen ein unbekümmertes Gedeihen in ihrer Nähe, die ihr später nicht zur Konkurrenz werden können. Warum auch sollte ein so sonnenhaftes Wesen seine eigene Existenz gefährden? Ihr Wurzelwerk ist sehr weitreichend und durstig, so dass nur Pflanzen in ihrer unmittelbaren Nähe gedeihen, die sich selbst auch in trockenen Zeiten selbst „über Wasser“ halten können. Zudem deutet ihre Frostempfindlichkeit deutlich auf ihre Sonnensignatur hin. Schon bei den ersten und geringen Nachtfrösten lässt sie ihr noch in sattem Grün stehendes Laub schnell fallen und erwartet, bis weit in den Frühling hinein, jene Tage, an denen die Sonne hoch genug gestiegen ist und die Tage lang und hell genug sind, dass Nachtfröste kaum noch möglich sind. Dann treibt sie schnell und üppig aus ihren schwarzen Knospen heraus. So kann man nach dem „Eschen-Treiben“ recht gut feststellen, ob kalte Nächte noch zu erwarten sind.

© Kay Weber