Bienen-Ragwurz (Ophrys apifera)

An einem herrlich sonnig warmen Tag im endenden Mai streifte ich durch die „Toten Täler“ nahe Naumburg an der Saale. Doch der Name verwirrt zuweilen, denn ich fand mich oberhalb der Täler auf einer Magerwiese mit beeindruckend farbiger und würzig duftender Vielfalt. Knabenkräuter, Kohlröschen, Waldvöglein, Stendelwurz, Fliegen- und Bienen-Ragwurz, Adonisröschen, Diptam, Silberdistel, Augentrost, Schwalbenwurz, dorniger Hauhechel, allerlei doldiges und orangerotes Habichtskraut, Dost, Feld-Thymian, Acker-Wachtelweizen und viele andere mehr. Auch die Zahl der Schmetterlinge, Insekten und besonders die Verschiedenheit der Grashüpfer erstaunte mich und zeugte von einem durchaus intakten und sich selbst überlassenen Areal. 

Wieder zurück in Jena stand in einem Wohngebiet mitten auf einer Spiel- und Wäscheplatzwiese, die sonst von emsigen und ordnungsaffigen Hausmeistern mit ihren knatternden Rasenmähern und -trimmern bis zu Wurzelgeflecht niedergemetzelt wird, eine einzige Bienen-Ragwurz in der Einöde der so begehrten monotonen Wohnlandschaft. Mir blieb nichts anderes übrig, als die Pflanze großzügig auszugraben und vor den wohl bald heran nahenden „Landschaftspflegern“ in Sicherheit zu bringen. So landete diese Bienen-Ragwurz für kurze Zeit auf meinem Tisch. Jetzt ruht ihre Knolle an einem trockenen, kalkreichen und sonnigen Platz im elterlichen Garten und ich bin gespannt auf ihr Erscheinen im kommenden Jahr.

Die Ragwurzen (Ophrys) werden zu den Orchideen (Orchidaceae) gezählt, unterscheiden sich aber hierdurch von ihnen, dass sie nur eine unterirdische Knolle besitzen, durch die sie die ungünstige Jahreszeit überstehen. Doch viel interessanter ist das, was über der Erdoberfläche geschieht. Die Bienen-Ragwurz ist eine Meisterin der Täuschung, des Betrugs, der Verlockung. Die Lippe einer Blüte stellt bei diesen Pflanzen eine Nachahmung eines weiblichen Insekts dar, in ihrem speziellen Fall das Hinterteil der weiblichen Hornbiene. Diese sind genau dann, wenn die Bienen-Ragwurz blüht, noch nicht flugbereit, wohl aber ihre paarungsbereiten männlichen Vertreter. Diesen Mangel hat die Bienen-Ragwurz erkannt und initiiert eine Pseudokopulation, indem sie die männlichen Insekten täuscht und so ihren Pollen übertragen lässt. Dieses „Lockmimikry“ ist bis ins feinste Detail ausgefeilt. Zunächst verströmt die Pflanze einen für uns nicht wahrnehmbaren olfaktorischen Reiz (Duft), der die männlichen Bienen betört und anlockt. Angekommen verfallen die Tiere dem visuellen Reiz der Blüte, der in Farbe und Form dem Hinterleib der weiblichen Biene entspricht. Doch selbst das genügt der Bienen-Ragwurz noch nicht - sie geht auf Nummer sicher. Sie setzt auf taktile Stimuli, auf Behaarung. Je nach Ausrichtung der Behaarung erkennt ein männliches Insekt nämlich, wo "vorn" und "hinten" bei einem Weibchen ist. Die Ausrichtung der Behaarung bei Ophrys-Blüten entscheidet daher darüber, ob der Bestäuber "kopf-voran" (Sektion Ophrys) oder "schwanz-voran" (Sektion Pseudophrys) mit den Blüten zu kopulieren versucht. Die Pollinien werden dementsprechend mit dem Kopf oder dem Hinterkörper (Abdomen) entnommen und transportiert. Die Konsequenz des Sexualtäuschungsmechanismus ist eine hohe Spezifität in der Bestäubung, weil Anlockung über Sexualduftstoffe immer sehr spezifisch erfolgt. So werden manche Ophrys-Arten nur von einer Insektenart bestäubt, andere haben wenige verschiedene Bestäuber. Die Bestäuber sind in den meisten Fällen Solitärbienen, z. B. der Gattungen AndrenaEuceraAnthophora, etc.. Wenige Ophrys-Arten werden von Grabwespen (O. insectifera), Dolchwespen (O. speculum), Käfern, Fliegen (O. fuciflora), oder Pflanzenwespen (O. subinsectifera) bestäubt. Aus der hohen Spezifität resultiert eine starke Abhängigkeit der Pflanzen von ihren jeweiligen Bestäubern. Der Schutz der Orchideen sollte daher immer auch den Schutz der entsprechenden Bestäuberinsekten im Auge haben.

Ich kann mich noch an Zeiten entsinnen, in denen es völlig normal war, das Frauen (Mütter und Großmütter) vom Land beim Sonntagsspaziergang im Frühling Orchideen (besonders beliebt war der Frauenschuh) pflückten und diese in einer Vase auf den Kaffeetisch stellten. Heute ist dies, wie früher jedoch auch, strengstens verboten. Uns ist kaum bis überhaupt nicht bewusst und bekannt, dass viele Insekten von einzelnen Pflanzen und ebenso viele Pflanzen von einzelnen Insekten abhängig sind und deren Leben und Überleben sich gegenseitig bedingen. Diese Ausgefeiltheit und Verletzlichkeit von Ökosystemen wird durch die Ragwurzen auf ganz besonders geschickte Weise symbolisiert und aufgezeigt. Doch sind es auch jene Pflanzenwesen, die all zu gern als Unkräuter bezeichnet und wie „Übelwesen“ behandelt werden, welche sich genau so spezifiziert haben, wie Ragwurzen und Orchideen. Die uns durchaus bekannte und offensichtliche industriell-aggressive Form der Land- und Forstwirtschaft, aber auch unser eigenes gärtnerisches Wirken stört dieses fragile System auf ganz empfindliche Weise; und wir vergessen aus unserer Selbstherrlichkeit heraus ganz einfach nur, wie das Nachfrageverhalten eines jeden Einzelnen von uns dazu beiträgt, dass wir uns unserer eigene Lebensgrundlage entziehen oder, durch kluge Kaufentscheidungen genau das verhindern können.  

© Kay Weber