Wilde Malve (Malva sylvestris)

Seit der jüngeren Steinzeit findet sich die wilde Malve in der Nähe menschlicher Siedlungen. Sie mag warme, stickstoffreiche Standorte und zeigt große Verbreitungslücken. An Wegen, am Fuss von Mauern und selbst auf Schutthalden findet sie sich ein und gedeiht auch hervorragend an „anrüchigen“ Stellen. Daher wird sie oft auch „Pisskraut“ oder „Schissblume“ genannt.

Ihr Name Malva leitet sich vom griechischen „maláche“ ab, worunter ein billiges Nahrungsmittel armer Leute gemeint ist. Dies bezieht sich jedoch mehr auf die Art Malva negelecta, welche in Asien als Nahrungsmittel direkt angebaut wurde. Der Namenszusatz „sylevstris“, die im Wald lebende, trifft offensichtlich nicht zu, da die wilde Malve sonnige und sehr warme Standorte bevorzugt. Tief in den Boden reichende Pfahlwurzeln versorgen sie auch auf sehr trockenen Standorten. 

Die Blüten und Blätter helfen sehr gut bei Katarrhen der oberen Atemwege und wirken schleimlösend und reizmildernd. Ihre farbprächtigen Blüten werden für viele Teemischungen gern genommen. Direkt nach dem Verblühen können die jungen Fruchtstände, die wie kleine Käselaibe aussehen, wie frische Erbsen verarbeitet werden und schmecken roh ähnlich wie Mais oder Zuckerschoten. Zwar mühselig, aber dennoch genussvoll sind die Knospen, wenn sie wie Kapern eingelegt werden.

Konrad beruft sich auf den Römer Plinius der behauptet, dass ein „…Undersatz die Geburt gleich und schnell auswirft…“. Mit Untersatz ist das Lager gemeint, auf dem sich die Gebärende bettet, welches mit den Blättern und Blüten der wilden Malve ausgelegt ist. Aber auch als Orakel für die Gebärfähigkeit leistet die Pflanze gute Dienste. Die Frau musste hierzu nur ihren Urin über die Malve giessen; war die Pflanze nach drei Tagen verdorrt, so gab es keine Hoffnung auf eine Schwangerschaft. Die gleiche Vorgehensweise gab Auskunft über die Jungfräulichkeit. Welkte die Malve, dann war das Mädchen „…kein Magt mehr, sondern sag fröhlich, sy hab schon oft Ratzen und Muss verbissen…“

Die scheibenförmigen Früchte dienten Kindern auch als Spielgeld und wurden auch gern als Käselaib bezeichnet, was landläufig zu verschiedensten regionalen Bezeichnungen der Pflanze, wie z.B. Käsepappel führte. 

Wie erwähnt, legt ihr Name nahe, dass sie im Walde leben würde, doch offenbart sie uns ihre Schönheit so offen wie die Venus selbst, deren untrügliche Signatur sie trägt.

Das Prinzip der Venus findet sich im Ausgleich, der Homöostase, Mütterlichkeit, Substanzbildung und vor allem weiblichen Regelmechanismen. Sie stellt die Verbindung von Geist und Materie dar und wird auch gern als „fortuna minor“, das kleine Glück bezeichnet. 

In der organischen Entsprechung ist die Venus für die angemessene Verteilung und Einlagerung der Energien zuständig. In ihrer Eigenschaft als Stiervenus sorgt sie für Substanzbildung und als Waagevenus stell sie die richtige Verteilung der Nährstoffe im Körper sicher. Die primäre organische Entsprechung sind hier die Nieren. Diese Sichtweise vertritt auch die traditionell chinesische Medizin, in der die Nieren als unterer Erwärmer, das Qi, die Lebensenergie, nach oben in den gesamten Körper verteilt. 

Wenn uns etwas an die Nieren geht, heißt das nichts anderes, als das wir auf unangenehme Weise aus unserem psychosomatischen Gleichgewicht gebracht sind. Die Steuerung von Regelmechanismen hat viel mit unserer inneren und äußeren Umwelt zu tun. So sind Krankheitsbilder, die mit der Venus in Beziehung stehen, auch immer ein Zeichen dafür, dass wir uns nicht in der Balance befinden, wie wir es sollten. 

An dieser Stelle kann es schon ein Malventee sein, der unser empfindliches Waage-System wieder ein wenig auszugleichen vermag. Besonders dann, wenn wir uns wieder die Zeit nehmen, uns aufmachen und auf die Pflanzen zugehen, wir uns ihnen nähern und von ihrer immer währenden Bereitschaft, sich uns hinzugeben, anerkennend und dankbar bedienen dürfen.

© Kay Weber