Hauswurz (Sempervivum tectorum)

Sempervivum bedeutet „Das immer Lebende“. Dieser Eindruck lässt sich gewinnen, wenn man betrachtet, unter welchen bisweilen unwirtlichen Bedingungen diese Pflanze noch immer hervorragend gedeiht, kräftige, auf hohem Stengel thronende Blüten hervorbringt und sich über unzählige Ableger vermehrt.

Bart des Jupiters, Dachlauch, Steinrose, Dachwurz, Donnerabart oder auch Donnerwurz sind andere Namen, unter denen uns das Sempervivum begegnet. Der Begriff des Donners lässt sich hier in zweierlei Richtungen ableiten. Karl der Große hat in seiner „Capitulare de villis“ angeordnet, gewisse Pflanzen anzupflanzen. Hierzu zählte auch der Hauswurz, der auf jedes Dach zu pflanzen war, da er vor Blitzschlag schützte. Und so bildeten sich auf den Dächern von Häusern und Scheunen, Torbögen und Mauerpfosten regelrechte Polster dieser Pflanze, die keiner weiteren Pflege und Zuwendung  bedurfte.

Verstärken lies sich die Wirkung, wenn die Hauswurzrosetten beim Herannahen eines Gewitters im Herdfeuer verbrannt wurden. Hierzu mussten sie jedoch an einem Johannitag gepflückt werden. An einem Donnerstag, dem Jupiter geweihten Tag, hat die Hauswurz ihre beste Heilkraft. Zu Brei zerstampft und auf die Stirn gelegt, hilft sie gegen starke Kopfschmerzen, mit Flusskrebsen gekocht gegen Angina und der Saft der Pflanze hilft gegen Sommersprossen, Warzen, juckende Mückenstiche und mit Wasser vermischt gegen Fieber.

Hildegard von Bingen warnt vor dem Genuss der Pflanze, denn diese lässt die ungebremste Begierde bei Man und Frau entflammen. In Ziegenmilch eingelegt empfiehlt sie sie jedoch für zeugungsunfähige Männer.

Auch als Orakel diente sie, was auch heute noch zu beobachten ist. Blüht die Blüte rötlich, stehen freudige Ereignisse ins Haus. Blüht sie hingegen in weiß, dann steht der Tod eines nahen Angehörigen bevor.

Die Pflanze benötigt volle Sonne und kann nasse Füsse gar nicht vertragen. Im Hortus gedeiht sie prächtig auf Kalksteinen und Schotter, auf Dachziegeln und in herumgedrehten Firstziegeln, die nur mit etwa Kalksteinen und Splitt aufgefüllt sind. Substrat und Erde sind überflüssig, denn die Hauswurz ist den Sukkulenten zugehörig. Ihre Kraft und Vitalität, ihre Vermehrungsfreudigkeit ist wirklich beeindruckend. Man könnte meinen, sie sein ein reines Kind der Sonne und trüge deren Signatur, stimmt nur teilweise. 

Die Sonne zieht die Pflanzen in die Höhe, gibt ihnen gerade Stängel und einen kräftig angenehmen Geschmack. Sie steht für Vaterschaft, Lebenskraft und das Erreichen des höheren Selbst. Auch an der Anordnung der Rosetten kann man den spiralförmigen Weg zum Zentrum, zur Mitte hin, sehr gut erkennen. Die Sonne steht als Lebensmotor in unserem Planetensystem für das Vitale schlechthin. Sie gibt Auskunft über unseren Lebenswillen.

 

Die doch viel prägendste Signatur wird durch Jupiter vertreten, der in Bezug auf Donar, den Donnerstag, schon genannt wurde. Jupiter ist der Planet, der der Sonne am ähnlichsten ist. Er steht für Ausdehnung, Anreicherung, Kreativität, Selbstverwirklichung und unerwartetes Glück. Alle Krankheitsbilder, die dem Jupiterprinzip unterstehen, sind ein Hinweis auf den untauglichen Versuch, einen Mangel an persönlichem Glück und echter innerer Größe auszugleichen.

 

© Kay Weber