Küchenzwiebel (Allium cepa)

„Es ist das Weib ein süßes Übel,

ein leichtes und ein schweres Joch.

Es kommt mir vor wie eine Zwiebel,

man weint dabei und isst sie doch!“

 

Die Küchenzwiebel gilt seit alters her als vorzügliches Aphrodisiakum. Mit dem Begriff „Zwibolle“ wurde einst der paarige Männerhoden bezeichnet. Auch Vergleiche, dass die Zwiebel wie ein Fräulein sei, welches einem zum Weinen brächte, wenn man ihm das Röcklein auszöge, deuten auf ihre vermuteten oder auch tatsächlichen Eigenschaften hin. 

Klar jedoch ist, dass wir, neben dem Einsatz als Gemüse oder Kochzutat, selbst unzählige Anwendungsbereiche für die Küchenzwiebel kennen. Ihre tatsächliche Herkunft ist unklar; man vermutet ihre ursprüngliche Heimat in den Steppen Innerasiens. Schon im alten Ägypten galt die Zwiebel neben dem Knoblauch als Volksnahrung. Herodot berichtete, dass beim Bau der CheopsPyramide 1600 Talente Silber für Rettich, Zwiebeln und Knoblauch als Nahrung für die Arbeiter ausgegeben wurden. Plinius erzählt, dass bei den Ägyptern Zwiebelgewächse in so hohem Ansehen standen, dass man sie sogar beim Schworen anrief. Homer beschreibt in der Ilias die Festtafel, die im Auftrag Nestors für die Gäste bereitet wird; in ihrer Mitte habe ein Korb mit „trunkeinladenden Zwiebeln“ gestanden. Später, nachdem die Römer die Zwiebel den germanischen Völkern brachte, wurde aus „cepula“ die „Zwibolle“ und später die „Zwiebel“ selbst. 

Die heutigen Kräuterbücher sind voll des Lobes über die Küchenzwiebel und sie wird neben ihrer aphrodisierenden Wirkung für vielerlei Leiden empfohlen. In vielfältigen Zubereitungsformen findet sie Anwendung bei Appetitlosigkeit, zur Vorbeugung altersbedingter Gefäveränderungen, gegen Erkältung und bei Husten, Beschwerden im Magen-Darm-Trakt, gegen Flechten, Haarausfall und Hühneraugen, bei Ohrenschmerzen, Fließschnupfen, Bronchitis und Asthma. Alles in Allem wirkt ihr Lauchöl Allicin (Thiropropanalsulfoxid) als die Säfte in Bewegung bringend, was an dem tränenauslösenden Prozess deutlich wird. 

In der Phytotherapie zählt die herzberuhigende Zwiebel zu den mite-Mitteln. Das sind jene schwach wirksame Heilpflanzen, die langfristig regulativ wirken und sich zur Vorbeugung von Krankheiten wie auch zur Behandlung von chronischen Leiden und zur Rehabilitation eignen. Sie können gefahrlos eingesetzt werden, da sie nicht toxisch sind und kaum Nebenwirkungen haben. Bei den Wirkstoffen handelt es sich hierbei meist um komplexe Naturstoffmischungen, die in ihrer natürlichen Belassenheit bestens wirken und synthetisch nicht nachgeahmt werden können.

In ihrer süßlich-scharfen Geschmacksausrichtung mag der dafür Grund liegen, weshalb die Zwiebel in unzähligen kalten und warmen Speisen und Gerichten als Zutat zu finden ist. Doch wird ein weiterer Grund wohl der sein, dass unsere Nahrungsmittel auch unsere Heilmittel sein sollen, ein guter Koch immer ein guter Arzt ist und der Begriff Gastronomie als „Vorschrift zur Pflege des Bauches“ zu verstehen ist. 

Hildegard von Bingen empfiehlt die Zwiebel "für solche die an Schüttelfrösten leiden oder Fieber oder Gicht haben, ist sie gekocht (besonders) gut." Und im Jahre 1834 schreibt Karl Sigismund Kunth über die Zwiebel: "Sie wirkt …antiscorbutisch, harn- und wurmtreibend, äußerlich aufgelegt rötet sie die Haut.“ Heute wird ihr noch einiges mehr an Kräften zugeschrieben. Besonders über ihre schleimlösende Wirkung scheint damals wenig bekannt gewesen zu sein.

 

Für Gemüsegärtner ist es wichtig zu wissen, dass sich Zwiebeln mit Bohnen, Erbsen und Rettich in ihrer Nähe ungünstig entwickeln. Förderlich auf ihr Gedeihen wirken sich rote Bete, Erdbeeren, Tomaten, Salat und Schirmblütler und Doldengewächse aus. Auch zählt die Zwiebel als Schwachzehrer, daher kann sie in der Fruchtfolge auch als Letzte gesetzt werden. Hierfür sollte der Boden zuvor eine leichte Düngung mit gut ausgereiftem Kompost erfahren. Fruchtfolgen sind wichtig, denn Pflanzen, die zur gleichen Familie gehören, beanspruchen den Boden einseitig. Die Fruchtfolge hilft, die Bodenqualität zu erhalten, sie mindert die Vermehrung von Krankheitserregern und Schädlingen und reduziert die Anhäufung von einseitigen Wurzelausscheidungen, die oft eine wachstumshemmende Wirkung haben (Storl; Der Selbstversorger).

 

In der planetarischen Signaturenlehre möchte ich die Zwiebel hauptsächlich der Sonne zuordnen. Sie fördert das Gefühl für die eigene Mitte, für das Magische und Transzendentale, was die Indikationen bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Vitalitäts- und Abwehrschwäche zu erklären vermögen. Auch einige Eigenschaften des Neptun finden sich in ihr. Der Planet der Mystik, des nebulösen, des Glaubens und der Hingaben, der göttlichen Liebe, der Grenzen zwischen Realität und Phantasie zeigt sich in der Zwiebel, der Frucht, an der sich (ähnlich wie beim Knoblauch) die Geister scheiden. Er fördert die Intuition, das Unbewusste und steigert die Traumwelt. Deutlich hervor tritt in der Zwiebel auch der Mond, jener, der alle höheren Kräfte an die irdische Ebene weiterleitet. Er steht für das passive, fließende Prinzip, welches der Zwiebel in ihrer Stimulation sexueller Energie und der Förderung der erotischen Kommunikation ebenso obliegt. 

 

Wie die Schichten der Zwiebel ihren Kern umhüllen, ist für Philosophen und Wissenschaftler seit jeher ein anregendes Bild gewesen. Ludwig Tieck liefert in seinen "Schriften" eine eindrucksvolle Beschreibung der Funktionsweise des menschlichen Verstandes. Dabei bedient er sich der Zwiebel:

"Was ist denn aber am Ende der menschliche Verstand? …Ia, das können wir mit unserm eigenen Verstande nicht leicht begreifen; aber er hat gewiß, wie eine Zwiebel, eine Menge von Häuten; jede dieser Haute wird auch Verstand genannt, und der letzte, inwendige Kern ist der eigentliche beste Verstand. Recht verständig sind nun also die Menschen, die ihren zwiebelartigen Verstand durch lange Übung so abgerichtet haben, daß sie jeden Gedanken, nicht nur mit den äußern Häuten, sondern auch mit dem innern Kerne denken. Bei den meisten Leuten aber, wenn sie auch die Hände vor dem Kopf halten, ist nur die oberste Haut in einiger Bewegung, und sie wissen es gar nicht einmal, daß sie noch mehrere Arten von Verstand haben, und so ist Bruder Anton. Agnes. Ha ha ha! das ist lustig! Zwiebel und Verstand, das ist eine artige Vorstellung."

Auch Bettina von Arnim benutzt in ihren Briefen "An die Günderode" das Bild der Zwiebel, um den menschlichen Geist zu beschreiben:

"Erdenleben ist Mutterhülle der geistigen Jugend, mag sie uns schützen, wie die Zwiebel den Keim des Narzissus schützt, bis sie im Spiegel ihr eignes Ideal erkennt."

 

© Kay Weber