März-Veilchen (Viola odorata)

Ihre stark duftenden, dunkelvioletten Blüten begegnen uns meist im März in Hecken und Gebüschen, an Waldrändern und auffallend oft in Dorfnähe. In Anlehnung an ihren wissenschaftlichen Artnamen wird sie auch Duftendes Veilchen genannt (odor = Geruch, odoratus = wohlduftend). 

In vielen Gedichten und Liedern wird die bescheidene und als attraktiv geltende Pflanze mit hohem Symbolwert gewürdigt. Frühlingsblumen hielt man für ganz besonders heilkräftig und Plinius empfahl, die ersten, die man im Frühjahr findet, zu pflücken, in ein rotes Tuch zu binden und an einem schattigen Ort aufzubewahren. Bei Bedarf sollten diese später einem am Fieber Erkrankten angelegt werden. Neben den Veilchen sollten auch die ersten drei im Jahr gefundenen  Blüten der Schlüsselblume, des Buschwindröschens, des Gänseblümchens, die des Schlehdorns und des Seidelbasts verschluckt werden. Dann bliebe man das ganze Jahr von Fieber, Zahnschmerzen und anderen Beschwerden befreit. Zu Zeiten Leopolds IV., des Glorreichen am Wiener Hof, zog der ganze Hofstaat aus, um das Veilchen zu begrüßen und von einer Jungfrau pflücken zu lassen. 

Allerdings konnten blau blühende Frühlingsblumen wie der Frühlingsenzian, der Kriechende Günsel, das Hundsveilchen oder der Blaustern gefährlich sein. Wer sie berührt oder an ihnen riecht, bekäme Sommersprossen. Wer ebenfalls blau blühende Ehrenpreis-Arten abpflückt, beschwöre so heftigen Regen und Gewitter herbei. Sie ins Haus zu holen galt als Unheil bringend, denn ihr zwiespältiges Wesen verdanken diese Frühlingspflanzen einem sie bewohnenden Pflanzengeist. 

Für die Wahrsagerei haben sämtliche blaublütigen Pflanzen einen besonderen Stellenwert. Ein Tee aus den blauen Blüten verschiedener Pflanzen soll hellsichtig machen, Hexen erkennen lassen und hinter Lug und Trug versteckte Wahrheiten sichtbar machen. 

 

Weniger bekannt als die Nutzung zur Herstellung wohlriechender und beruhigender Duftessenzen ist die Heilwirkung des Veilchens. Ihr wird eine entzündungshemmende Wirkung zugeschrieben und sie erleichtert das Erbrechen nach dem Genuss von verdorbenem Essen. In größeren Mengen kann sie jedoch auch giftig wirken, was sich in heftigem Erbrechen äußert. 

Ein Tee aus Kraut und Blüten wirkt blutreinigend, bei Krampfhusten, Bronchitis, Heiserkeit, Halsschmerzen, Schlafstörungen, Stress, innerer Unruhe, Gelenkschmerzen und Hautleiden. Bei Zahnfleischentzündung, Magenbeschwerden und Blähungen hilft ein Tee aus der Wurzel. 

Die antivirale, antiseptische, antimikrobielle und antimykotische Wirkung von Veilchencreme und Veilchenöl zur äußerlichen Anwendung ist mittlerweile bestätigt und dermatologisch anerkannt. So wird sie bei Hautkrebs, Brustkrebs, Geschwüren, Hautunreinheiten, Ausschlägen, Ekzemen, Wundheilstörungen, Säuglingsekzemen und Milchschorf angewandt. Daneben bietet Veilchen-Salbe eine Alternative bei Nebenhöhlenbeschwerden, Bindegewebsknoten, Lymphdrüsenschwellung, Myomen und als Prophylaxe nach Röntgenbestrahlung. Bei chronischer und frühklimakterischer Depression empfiehlt selbst Hildegard von Bingen das Veilchen. Auch sagt sie: „Wenn jemand traurig ist, dann soll er vom Veilchenwein trinken. Das hat eine froh machende Wirkung und stärkt die Lunge.“ Der Veilchenwein, ein Weingemisch aus Veilchenblüten, Wein, Galgant und Süßholzwurzel bringt wieder Freude ins Leben. 

 

Im griechischen Altertum war das Veilchen Begleiter der Götter, deren Duft ihre Speise. Zeus ging bei seinen Seitensprüngen immer recht erfindungsreich zu Werke, verwandelte die schöne Nymphe Io in eine Kuh und bettete sie auf einer duftenden Veilchenwiese. Der Tochter des Gottes Atlas verfiel er auch und verwandelte sie selbst in ein Veilchen, um sie vor dem Sonnengott Helios zu verbergen. Seitdem lebt sie geschützt vor seinen Strahlen im Dickicht des Waldes. 

 

Im deutschen Brauchtum galt das Veilchen als sicherer Frühlingskünder, doch kam die Blüte zu früh, nähme der Sommer ein frühes Ende. „Wenn im März die Veilchen blühn, an Ludwig (25. August) schon die Schwalben ziehn.“ Als Ernte-Orakel galt es, wenn Veilchen am 19. März blühen und die Buchen am 30. April ausschlagen, dass eine reiche Kornernte eingefahren wird. 

In der Bretagne existiert noch heute der Brauch, dass Veilchen an Karfreitag ausgesät werden, um den Frühling herbei zu locken. 

In Ungarn werden zu Ostern Mädchen mit Wasser übergossen. Zuvor fragen die Männer mit einem Vers um Erlaubnis: „Ich ging im kleinen Wald, sah ein blaues Veilchen, es wollt verwelken, darf man es gießen?“  

In Kroatien werden Karsamstag Veilchen gepflückt und deren Blüten in Wasser gelegt. Ein Gesicht, mit diesem Wasser gewaschen, soll das ganze Jahr frisch und schön bleiben. 

 

Astrologisch ist das März-Veilchen - im Monat der von Neptun regierten Fische blühend - nicht nur aus diesem Grund dem Planet Neptun (Poseidon) zuzuordnen. Er ist der Planet der Mysterien, des Nebulösen, des Glaubens und der Hingabe, der göttlichen Liebe und der Grenze zwischen Realität und Phantasie. Genau in dieser Phase, wenn die Sonne allmählich wieder Einzug ins neue Jahr hält, der Traum nach mehr Licht aus dem Dunkel heraus wahr zu werden scheint und die Kräfte des Winters sich wieder und wieder gegen den aufkeimenden Frühling auflehnen, ist die Zeit der Unentschlossenheit der Fische deutlich zu erkennen. Denn auch ihr Regent, Neptun, steht für Undefinierbares, nicht Greifbares, sich nicht festlegen Wollendes. Seine wetterbezogene Unklarheit und Ungewissheit, teilweise auch Falschheit (falsche Versprechungen), ist in dieser Jahreszeit, die alle Überraschungen offen hält, mehr als deutlich. So wie das Tierkreissymbol zwei (unentschlossene) Fische darstellt, von denen der eine stromabwärts, der andere stromaufwärts schwimmt, so wechselhaft zeigt sich in dieser Zeit auch das Wetter. Dennoch ist die Fische-Periode eindeutiger Vorbote des kommenden Jahres, ohne jedoch konkret zu versprechen, was es bringen wird.  Die Fische sind Vollendung und zugleich Vor-Anfang des Tierkreises. So repräsentieren sie die Möglichkeit zur Erleuchtung, zur Überwindung des Stofflichen, zur Verwirklichung der Wahrheit.

In dieser oft nicht genau zu definierenden Jahreszeit zeigt das Veilchen deutlich, dass der Kreis des Lebens vorwärts gegangen werden muss. Und das das Besinnen auf das Vergangene einer Schwermut gleichkommt, die mit dem Verharren in einem pränatalen Zustand vergleichbar ist. Eben dieser fischetypische und neptunische Schwermut, diese Melancholie und Lustlosigkeit ist es, gegen die Hildegard von Bingen den Veilchen-Lautertrank auch empfiehlt: „Wer durch Melancholie und Ärger (…) beschwert ist und so die Lunge schädigt, koche Veilchen in reinem Wein (…) trinke es, und so wird die Melancholie unterdrückt, und das Veilchenelixier wird ihn fröhlich machen und seine Lunge heilen.“ 

Noch deutlicher wird sie, indem sie sagt: „Das Veilchen ist zwischen warm und kalt. Aber es ist doch mäßig kalt und wächst von der Süße und Reinheit der Luft, wenn sich die Luft nach dem Winter eben erst zu erwärmen beginnt.“

Das Veilchen blüht im Verborgenen, 

 

In der Literatur wird dem Veilchen eben so viel Aufmerksamkeit entgegen gebracht, wie sonst nur Rosen oder Lilien. Goethe soll bei seinen Spaziergängen in und und um Weimar stets Veilchensamen mit sich geführt haben, um sie an geeigneter Stelle auszusäen und so zu verbreiten: „Das gute Veilchen schätze ich sehr; es ist so gar bescheiden - und duftet schön.“

Shakespeares Leartes in Hamlet wünscht: „Es mögen Veilchen aus Ophelias Körper sprießen - voller Würze, nicht dauerhaft, lieblich, nicht beständig - der Duft und das Gewähren einer Minute.“

Auch Theodor Storm schwärmte: Der Frühling kommt, der Himmel lacht, es steht die Welt in Veilchen.“ Und Nikolaus Lenau poesiert: „Ein Veilchen auf der Wiese stand an Baches Rand, und sandte ungesehen bei sanftem Frühlingswehen süßen Duft durch die Luft.“

 

Das Veilchen 

 

Ein Veilchen auf der Wiese stand, gebückt in sich und unbekannt;

es war ein herzig´s Veilchen.

Da kam eine junge Schäferin, mit leichtem Schritt und munterm Sinn,

daher, daher, die Wiese her, und sang.

 

„Ach!“ denkt das Veilchen, „wär ich nur die schönste Blume der Natur,

ach, nur ein kleines Weilchen, 

bis mich das Liebchen abgepflückt und an dem Busen matt gedrückt!

Ach nur, ach nur ein Viertelstündchen lang!“

 

Ach! aber ach! das Mädchen kam und nicht in acht das Veilchen nahm,

Ertrag das arme Veilchen.

Es sank und starb und freut´ sich noch: „Und sterb` ich denn, so sterb` ich doch

durch sie, durch sie,

zu ihren Füßen doch.“

 

J.W.v. Goethe

 

© Kay Weber