Eingriffliger Weißdorn (Crateagus monogyna)

Er (oder sie?) ist mir eines der liebsten Gehölze in unseren Breiten. Sein überschäumendes Blühen im Frühjahr, sein üppig-dichtes Grün im Sommer und seine satten, leuchtenden Beeren im Herbst künden von Vitalität, Kraft und Gesundheit. Aus blühenden Hecken ist er nicht wegzudenken; sowohl aus Gründen des Schutzes vor austrocknenden Winden und als idealer Aufenthaltsort für Vögel und Kleingetier, gibt er dem Vogelgeschlecht reichlich Futter und uns Säfte, Gelee und Konfitüren.

Bei den Slawen galt der Weißdorn noch als sicherer Schutz gegen Vampire und die Römer steckten seine Zweige zum Schutz an Stall- und Haustüren. In einem Hof, der von diesem Gewächs umgeben, lässt sich ruhig schlafen. Im isländischen wird er auch als Schlafdorn bezeichnet. Odin machte von diesem Zauber Gebrauch, als er Brunhilde mit einem Weißdornstachel stach, so dass sie in tiefen Schlaf versank. Dornröschens Rosenhecke bestand wohl auch unter anderem aus Weißdorn, auch die Hecken von Schneeweißchen und Rosenrot können nur aus Weiß- und Rotdorn gewesen sein.

Merlin, der Archetypus der keltischen Druiden, schläft träumend bis ans Ende der Zeit unter den Zweigen des Weißdorns. Gallische Christen waren überzeugt, dass die Dornenkrone des Heilands aus Weißdornzweigen bestand.

Bis heute erhält das britische Königshaus zu Weihnachten einen Blütenzweig von diesem Baum. Der Brauch, vor der Wintersonnenwende Obstholzzweige (Rosengewächse) zu brechen und zum „Glühen“ zu bringen, gehört in den Kreis des keltisch-germanischen Fruchtbarkeitszaubers. Der Brauch wurde auf die heutige Barbara übertragen. An ihrem Namenstag, dem 4. Dezember, gehen die Frauen und brechen – sie dürfen nicht geschnitten werden – die Barbarazweige. Das Blühen über Weihnachten weist auf ein gutes, glückliches und fruchtbares Jahr hin.

Weißdorn heißt der Heckenstrauch wegen seines hellen Holzes; ganz im Gegensatz zur Schlehe, die wegen ihrer dunklen Rinde auch Schwarzdorn genannt wird. Der Rotdorn ist übrigens nichts anderes, als ein Weißdorn, der rot blüht. Allgemein jedoch ist die Blüte weiß, die mehligen Beeren rot. Rot, Weiß und Schwarz sind die mystischen Farben „der“ Göttin (Frau Holle), die Farben von Milch, Blut und Tod. Alle dornigen Heckenpflanzen gehören der großen, weißen Göttin, deren Spur uns noch heute in vielen Märchen begegnet.

Der Tee aus getrockneten Blüten, Blättern und Beeren wirkt vorbeugend und als Heilmittel bei degenerativen Herzerkrankungen. Ein Aufguss von zwei bis drei Tassen täglich hilft bei Herzschwäche, Angina pectoris, Fettherz, Bluthochdruck, Herzklopfen, unregelmäßigem Puls, Herzstechen, Durchblutungsstörungen der Herzkranzgefäße und bei Schlafstörungen. Der Tee kann über Jahre und ohne Pause genommen werden. Herzkranke sollten es zunächst immer mit Weißdorn probieren, bevor sie zu Herzpräparaten anderer Herkunft greifen.

Erst kürzlich hieß es wieder, dass Herzerkrankungen die Todesursache Nummer Eins in Thüringen sei; sicher auch im Rest des Bundesgebietes. Muss es uns dann noch wundern, dass uns der Weißdorn auf Schritt und Tritt begegnet? Alles was wir brauchen, wird sich uns zeigen, oder besser offenbaren. Die Wegwarte fällt mir immer mehr dort auf, wo wir uns wirklich bewegen – am Rande von Autobahnen und Bundesstraßen, aber immer weniger an den Rändern der Wege, die wir nicht mehr gehen.

Die offenkundige und weithin sichtbare Vitalität des Weißdorns können wir, wenn wir der Natur, der Schöpfung, dem Gottesfunken wieder mehr Achtung und Respekt zollen, durchaus auf uns übertragen und in uns aufnehmen.

© Kay Weber