Die Namenlose (Sine nomine)

 An einem zunächst sehr kühlen, wässrig-vernebelten, dann aber gegen Mittag sonnendurchtränkten Oktobertag, streifte mich beim Schlendern, entlang der munter plätschernden Ilm, im Tiefurter Park dieser Zweig. Scheinbar war ihm meine Aufmerksamkeit wichtig. Diese schenkte ich zunächst einigen nervös über das Ufergestein hüpfenden und mit den Schwanzfedern aufgeregt wippenden Bachstelzen (die früher auch Ackermännchen genannt wurden). In diesem Moment aber zwängte sich die Sonne durch das zähe Nebelkleid, welches dem Tag bisher einen eher düsteren, traurigen Charakter verlieh.

Wie kleine, sich mutig zu Boden stürzen wollende Tautropfen wippten die goldig glänzenden Samenhülsen (oder –tropfen, -schoten, -samen?) erneut um meine Aufmerksamkeit vor mir her. Diesmal hatten sie auch Erfolg. Vom Sonnenstrahl berührt, schimmerten sie schüchtern, schwangen durch herabfallende Tautropfen auf und ab. Die geduldig biegsamen Zweige hielten dem Treiben gelassen Stand.

Mich hat diese elegante Traurigkeit, diese belebende Abschlussphase eines Lebenszyklus fasziniert. Der Blick  auf das Vergehende verspricht die Verlässlichkeit des Wiederkehrenden. Das ewige Lied. Bis heute weiß ich nicht, wer mir da begegnet ist, welcher Pflanzengeist mich anstuppte, um meine Aufmerksamkeit gebuhlt haben soll. Ich kenne nicht den Namen, keinen Gott, keinen Mythos, kein Märchen. Nur die Bachstelzen, die genauso wippten. Und den Ort im Park. Die genaue Stelle. Ein Tag im Sommer würde wohl genügen, zur Not auch ein Bestimmungsbuch, und ich würde des botanischen Namens kundig sein. Doch soll es keine Eile haben. Manchmal genügt Kenntnis im Leben, und die Faszination geht dabei zu Grunde…

 

Aber die Neugier hat gesiegt und ich habe mit Hilfe von Dr. Stefan Arndt, den wissenschaftlichen Leiter des botanischen Gartens in Jena ein wenig gerätselt. Es kann sich, bis zum heutigen Befinden,  nur um den Götterbaum (Ailanthus altissima) handeln. Im Tiefurter Park selbst bin ich nicht noch einmal gewesen, obwohl ich von Buchfart ganz gemütlich mit dem Fahrrad dorthin fahren hätte können. Oder auch mit dem Wohnmobil, um dort eine ruhige Nacht zu verbringen. 

Als mich dieser Zweig berührte, im Herbst 2012, habe ich  noch nicht in Buchfart gewohnt. Dorthin zog ich im Januar 2017. Ich kannte die Gegend zuvor schon sehr gut, kannte Weimar und seine Parks. Bis November 2025 bin ich in Buchfart geblieben, lebe jetzt in der Oberpfalz. In den Tiefurter Park habe ich es dennoch nicht erneut geschafft. Was mich gerade ziemlich traurig macht. 

 

Der Götterbaum wird übrigens als hochgradig invasiver Neophyt kategorisiert. Er wurde aus China und Vietnam nach Europa eingeschleppt und kann bis zu 30 Meter hoch wachsen. Er verbreitet sich durch Samen wie auch durch Ausläufer, die bis zu 15 Meter von der Pflanze entfernt spriessen können. 

Neophyten sind Pflanzen, die ursprünglich nicht in unseren Gegenden einheimisch sind, sich aber verstärkt hier verbreiten. Viele davon, darunter beispielsweise Edelkastanie und Baumnuss, haben uns einen großen Nutzen gebracht und ergänzen einheimische Arten, statt sie zu verdrängen. Andere wiederum haben negative Auswirkungen auf die hiesige Biodiversität. Diese Pflanzenarten werden als invasive Neophyten bezeichnet. Diese bringen heimische Pflanzen in Bedrängnis, weil sie sich stark ausbreiten. Oft werden invasive Neophyten in Gärten angepflanzt. Der Sommerflieder etwa ist eine beliebte Zierpflanze und viele wissen nicht, dass er zu den invasiven Neophyten zählt. Durch Samen verbreiten sich die Pflanzen schnell – auch über den eigenen Garten hinaus in der Natur. Durch ihre schnelle Ausbreitung können sie einheimischen Arten den Platz streitig machen. Das kann so weit gehen, dass heimische Blumen, Stauden und Sträucher derart stark bedrängt werden, dass sie gar keinen Platz mehr zum Wachsen haben und ganz verschwinden.
 Darunter leiden nicht nur Pflanzen, sondern auch Tiere. Einige Tierarten, darunter beispielsweise Insekten wie Wildbienen und Schmetterlinge, haben sich mit der Evolution auf bestimmte Pflanzenarten spezialisiert. Ihr Überleben hängt von diesen Pflanzen ab. Wenn invasive Neophyten diese Pflanzen zurückdrängen, gerät das ganze Ökosystem in ein Ungleichgewicht. 

Als die einheimische Flora wirklich stark bedrängende Neophyten werden besonders der Riesenbärenklau (Herkulkesstaude), der Japanische Staudenknöterich, das Beifußblättrige Traubenkraut, das Einjährige Berufskraut und das Indische Springkraut genannt, die teilweise sogar mit einer Meldepflicht belegt sind. 

 

Ich hatte eine solche Begegnung unterhalb meines Hortus viridis mons im Steingraben in Bad Berka. Direkt am Fuße des Gartens gedieh eine prächtige Herkulesstaude. Deren riesige Blüte war über und über von Schwebfliegen, Distelfaltern, Tagpfauenaugen und Widderchen (Blutstropfen) besucht, die sich am dargebotenen Menü bedienten. Einen Tag später kam eine Gartennachbarin mit Sense und drosch mit einem regelrechten Hass auf die Pflanze ein. Ich fragte sie, warum sie das tun würde. Sie entgegnete keuchend, dass diese Pflanze gefährlich sei und man sich an ihr schlimme Verletzungen zufügen könne und sie nicht wolle, dass ihren Kindern etwas passiert. Erneut fragte ich, warum man dann seine Kinder nicht mal an die Hand nehmen könne, ihnen die Pflanze zeigt und zugleich beibringt, dass nicht Alles für Menschen bestimmt und zum Begrapschen geeignet sei. Das hätte auch etwas mit Respekt vor anderen Lebewesen oder auch Geschöpfen zu tun. Den Ausländervergleich habe ich mir erspart.  

Sie entgegnete sichtlich gereizt und spitzzüngig, dass man von einem durchgeknallten Öko wie mir, bei dem Disteln im Garten wachsen, auch nichts Anderes erwarten könne. Ich ersparte mir Antwort, Entgegnung, Rechtfertigung und was auch immer möglich gewesen wäre. 

Zwar stimmt es, dass man Berührungen auf der Haut  mit der Pflanze vermeiden sollte, weil es dann und unter Einwirkung von Sonnenlicht, zu phototoxischen Verbrennungen kommen kann, die in der Tat sehr schmerzhaft sind. Das kann mit Johanniskraut aber auch passieren. 

 

 

Oft denke ich, dass diese Neuankömmlinge nur die Lücken füllen, die wir in unsere Kulturlandschaft geschlagen haben, weil es schlicht und einfach zu ihrer Überlebensstrategie gehört, Fuß zu fassen und ihren Bestand zu erhalten. Egal wo sie landen. In einer ursprünglichen und intakten Flora und Fauna jedoch würden diese sich bestimmt nicht durchsetzen können.     Natürlich werden zahlreiche Pflanzen ist Jahrhunderten von Kontinent zu Kontinent verschleppt. Bewusst wie unbewusst. Inzwischen können wir kaum noch auseinanderhalten, welche Pflanzen ursprünglich heimisch sind und welche nicht. 

Ob weltweiter Nahrungsmittelhandel, Land- und Forstwirtschaft, wissenschaftliche Versuchsflächen, botanische Gärten, Zierpflanzenhandel usw. - der vor langer Zeit begonnene Vorgang ist irreversibel. Pflanzen deswegen zu tabuisieren oder gar zu dämonisieren, ist nicht die richtige Vorgehensweise. 

Viele dieser Pflanzen haben ein gehörige Heilpotenzial oder stellen auch gute Nahrungspflanzen für uns dar. Und wenn man den weltweiten Wandel (und Handel), der sich allein schon aufgrund unseres Konsumverhaltens nicht mehr umgehen lässt, einfach mal gewähren lässt, wird man immer wieder feststellen, dass die Natur in der Lage ist, ein Gleichgewicht zu finden und sich nicht selbst zu schaden oder Teile von sich zu verdrängen.   

 

©kayweber