Prächtige Wiesenraute - Thalictrum rochebrunneanum
Dieses Exemplar der Prächtigen Wiesenraute, von der ich zunächst glaubte, dass es sich um die Akeleiblättrige Wiesenraute handelte, wächst schon seit Jahren am Ufer des kleinen Teiches im Garten meiner Eltern. Mal mehr, mal weniger prächtig. Das hängt immer vom Wetter ab. Spätestens an diesem Pflanzenwesen kann man erkennen, ob das Jahr, bis zur Blütezeit der Wiesenraute, zu heiß, zu kalt, zu nass oder zu trocken war. Das ist hilfreich. Ansonsten weiß ich nichts über sie.
Wiesenrauten kommen in unzähligen Arten weltweit vor. Alle Arten wachsen als ausdauernde krautige Pflanzen und bilden verholzende Rhizome oder Wurzelknollen als Überdauerungsorgane. Sie bildet aber auch Sammelfrüchte, die viele einzelne Nüsschen enthalten und sich auf diesem Weg mit Hilfe von Insekten und Vögeln ausbreiten.
In freier Natur habe ich diese wirklich sehr feingliedrige, grazile, zarte und fast zerbrechlich wirkende Pflanze nur an einer einzigen Stelle angetroffen. Diese befindet sich am Wegrand der mittleren Saale-Horizontale - genauer an den Hängen der Kernberge oberhalb von Wöllnitz in Richtung des Pennickentals. Gleich hinter der Diebeskrippe. Die alteingesessenen Jenenser wissen sofort, wo das ist.
Dieser schmale Weg, den man gemeinsam nur hintereinander gehen kann, fällt in Richtung des Fürstenbrunnens rechts steil hinab ins Pennickental und links steil hinauf zur Sophienhöhe. Mancher wird hier von einer deutlichen Akrophobie beschlichen, besonders dann, wenn die Wände links des Weges einen Überhang bilden, man den Kopf einziehen und sich leicht nach rechts in Richtung des Abhanges beugen muss. Doch sind es nur noch wenige Stellen, die diese leichte Akrobatik verlangen. Die für Jena typischen und oft sehr steilen Muschelkalkfelswände sind äußerst faszinierend und bilden ein für die Stadt besonderes Klima.
In der Schule habe ich gelernt, dass Jena die drittwärmste Stadt Deutschlands sein soll - aber das bezog sich damals wohl sicher nur auf den ostdeutschen Teil. Aber auch heute noch zählt Jena mit einer Durchschnittstemperatur von 11,7 Grad zu den wärmsten Städten des Landes. Die kahlen Muschelkalkwände saugen die Strahlen der Sonne förmlich auf und geben die Wärme wie ein Kachelofen noch lange Zeit an die Umgebung ab. Das kann man auch an der umgebenden Vegetation sehr gut erkennen.
Besonders hier, an den spröden Muschelkalkhängen der Kernberghorizontale findet sich das größte Schwarzkiefervorkommen nördlich der Alpen. Ich kann mich noch an Bilder erinnern, die die Kernberge und den besonders markanten Jenzig gänzlich kahl oder nur sehr dürftig bewachsen zeigen. Selbst Bilder aus den 1970er Jahren sind weit entfernt von dem Vegetationsbild, welches sich heute darbietet. Und ich kann mich selbst noch an diesen Anblick erinnern, der sich beim Blick über die Stadt aus dem Wohnzimmerfenster in der Wiesenstraße darbot. Der obere Teil des Jenzig war nur karg bewachsen, die Kernberge noch nicht so dicht wie heute. Weiterhin findet man hier sehr alte Wacholderhaine an den Hängen und auf den Magerwiesen der Hochplateaus. In sieben Naturschutzgebieten rund um Jena gibt es so viele Orchideenarten wie sonst in Deutschland. Auch im Umland ist der Reichtum an Orchideen besonders hoch. Die Toten Täler bei Naumburg, der Reinstedter Grund bei Kahla, das Ilmtal zwischen Weimar und Bad Berka mit dem Buchfarter Wald, das Leutratal bei Jena, das Orchideen-Paradies bei Rothenstein, das
Wappenholz bei Bucha, der Vollradisrodaer Grund und die Winterleite, die Ammerbacher Platte, das Hufeisen zwischen Jenzig und Kunitzburg, das Gleistal und noch viele andere Gegenden, die ich kenne, aber gar nicht sonderliche Erwähnung finden. Bemerkenswert ist auch die Ausbreitung von Winterlingen im Jenaer Umland, aber auch im Weimarer Land. Diese Winterlinge stammen ursprünglich auch aus Südeuropa, sind aber wohl über den Weinanbau in unsere Gegenden gelangt. Und überall dort, wo im Saaletal einst Wein angebaut wurde - wodurch sich die alten Aufnahmen der kahlen Hänge recht gut erklären lassen - tauchen im Februar bis März in gelb getränkte Waldböden auf. Ganz besonders in den trockenen Buchenwäldern rund um Jena. Auch in der Gegend bei Buchfart, zwischen Rosen- und Herlitzenberg, gibt es ein beeindruckendes Vorkommen. Auch hier wurde, zwischen Buchfart und Hetschburg, Wein angebaut. Zwei Muschelkalkfelsvorsprünge oberhalb der Ilm künden noch davon. Und wenn die Buchfarter Dorfchronistin - mit der ich immer gern eine rauchte, wenn sie mir die Post brachte - davon berichtet und mir stapelweise alte Unterlagen unter die Nase hielt, wird das wohl stimmen. Selbst Goethe soll hier den Weinanbau mit initiiert haben.
Weiter haben sich in den Bergen rund um Jena sonst in Deutschland kaum bis nicht vorkommende Arten. Perückensträucher, die im Spätsommer scharlachrot von den Sonnenbergen her leuchten. Der hier überall vorkommende Frauenschuh, der inzwischen aber deutlich weniger geworden ist und den unsere Großeltern und Eltern noch fröhlich gepflückt und in die Vase gestellt haben. Das Kriechende Netzblatt, die Korallenwurz, das blasse Knabenkraut, der Spinnen-Ragwurz, das Adonis-Sommerröschen und sogar Kreuz-Enzian habe ich hier entdecken können.
Von der Wiesenraute, die auch kaum irgendwo Erwähnung findet und auf den regelmäßig gemähten und teilweise beweideten Wiesen keine große Chancen haben dürfte zu erblühen, kenne ich nur dieses einzige Exemplar, das an den besagten Muschelkalkhängen der Kernberghorizontale wächst. Ich kann mich nur an ihr Aussehen erinnern, habe kein Foto von ihr, bin mir aus meiner Erinnerung heraus aber sehr sicher, dass es sich um eine Akeleiblättrige Wiesenraute handeln sollte. Ansonsten ist mir dieses Gewächs noch nirgendwo aufgefallen; und schon gar nicht an einer Stelle wie dieser, die nicht dem eigentlichen Habitat der Pflanze entspricht. Die einzig noch größeren Bestände der Akeleiblättrigen Wiesenraute sollen sich nur noch in den Alpen befinden.
Ihre Unscheinbarkeit besticht, wenn man sie entdeckt. Gerade wenn sie nicht blüht, und ihre schlanken, leicht gebogenen Halme mit ihren gefiederten Blättern, die mehr schwerelos nebeneinander zu schweben scheinen als von kaum erkennbar dünnen Halmen getragen zu werden. Eines Tages fiel mir dieses federleicht wirkende Pflänzlein am Wegesrand auf - und seitdem sticht es mir immer wieder ins Auge, wenn ich die Kernberghorizontale gehe. Was inzwischen wohl schon seit gut zehn Jahren nicht mehr der Fall war, seit ich in Buchfart lebte und mich in die dortigen Wege und Wälder Hals über Kopf verliebte.
Jetzt, in Kohlberg in der Oberpfalz, habe ich den dortigen monotonen Fichtenplantagen noch nichts Reizvolles oder Besonderes entdecken wie abgewinnen können. Zudem betrübt mich diese Gegend noch ziemlich. Vielleicht ändert sich das noch. Oder auch nicht. Man soll einen allmählich alt werdenden Baum nicht verpflanzen. Da scheint was Wahres dran zu sein. Auch wenn er sich selbst verpflanzt.
Es wäre an der Zeit, den Weg, die mittlere Horizontale wieder zu gehen und zu schauen, ob die Wiesenraute noch an dieser Muschelkalk-Nische steht, unterhalb einer knochigen Schwarzkiefer. Im Frühsommer, wenn die Sonne am höchsten steht und ihre Hitze in die unzähligen Ritzen der kahlen Felswände dringen lässt, verströmen die Schwarzkiefern den Duft ihres Harzes derart stark, dass man glaubt, es brodeln und knistern zu hören. Das Rauschen der Stadt, die zu Füßen des sich nach Westen öffnenden Tales liegt, wird von diesem Duft regelrecht verschluckt, derart aromatisch-berauschend wirkt die duftende Luft, die sich schwer anfühlt und dennoch leicht atmen lässt. Ich atme tief ein und möchte den ölig-harzigen Film so schnell nicht wieder entlassen. Der Duft öffnet und schließt zugleich. Und er erinnert mich an die ehemalige Drogerie an der Ecke Sophienstraße/Arvid-Hanack-Straße im Damenviertel in Jena. Allein den alten mit Kunstleder umsäumten und weinroten Filzvorhang am Eingang roch schon nach den Räumen hinter ihm. Dort drin, auf einem riesigen Apothekerschrank, stand ein Bernhardiner aus Porzellan, der ein hölzerneres Rumfass mit einem roten Kreuz darauf um den Hals trug. Dann trat der alte Drogist, der aussah wie Willi Schwabe und einen graublauen Kittel trug, hinter den Tresen. Gravitätisch, erhaben, stolz, höflich und eben vom alten Schlag. Er roch, sein Kittel roch, der Tresen roch, der Laden roch, der Vorhang roch - Alles roch nach einer Mischung aus Möbelpolitur, Leinöl, einem Hauch Terpentin und Eukalyptus. Und so riechen noch heute die Schwarzkiefern, wenn die Sonne auf ihre scharlachroten und phallusartigen Blüten brennt.
Die Wiesenraute hat für den Menschen keinen bekannten oder publizierten Nährwert und mir sind auch nur wenige heilkundlichen Anzeigen bekannt. In der Volksheilkunde nutzte man die Wiesenraute in der Antike bis in die Neuzeit als Heilpflanze; das Kraut hilft gegen Malaria und Erkältungskrankheiten, daher auch die volkstümlichen Namen Lungenkraut, Brusttee oder Kaisertee. Heute verwendet man sie wegen der unberechenbaren giftigen cyanogenen Glykoside wie Limanarin und sogar freien Blausäure nicht mehr. Auf Wiesen macht das Weidevieh wohlweislich einen großen Bogen um die Pflanzen. Die Wurzeln gelten als hochgradig giftig für Schweine.
In einem Tabellenwerk für Nutzungswertzahlen des Grünlandes taucht sie in den Kategorien Vorkommen, Mähverträglichkeitszahl, Trittverträglichkeitszahl, Futterverträglichkeitszahl für Weidetiere und Futterverträglichkeitszahl für Damwild auf und wird bei letzteren beiden als relativ wertlos betrachtet. Ansonsten wird sie als gute Bienenweide deklariert. Fliegen, Schwebfliegen und zahlreiche Käfer sind an ihrem Pollen sehr interessiert. Der abendlich auftretende Maiglöckchenduft lockt Schmetterlinge an.
Acht Nachtfalter legen hier ihre Eier ab, insbesondere die Eisenhut-Höckereule (Euchalcia variabilis) und die Wiesenrauten-Goldeule (Lamprotes c-aureum).
Pate stand das Futter auch bei der Großen Wiesenrauten-Goldeule (Panchrysia deaurata), der Wiesenrauten-Silbereule (Panchrysia v-argenteum) und dem Wiesenrauten-Kapselspanner (Gagitodes sagittata).
Über den erstaunlichen Artenreichtum der heimischen Eulenfalter-Arten kann man sich hier:
„https://www.wildlife-media.at/bilder/suchen/Eulenfalter/sortieren/bildgroesse" gern belesen und wird erstaunt sein, wie diese auf Einzelpflanzen spezialisiert und von deren Vorkommen abhängig sind. Doch darüber denkt wohl kaum noch Jemand beim Mähen seiner Wiesen und Rasenflächen nach.
Inzwischen bekommt man eine reichhaltige Auswahl von prächtig blühenden Wiesenrauten-Sorten, die sich vor allem in ihrer Wuchshöhe und der Blütenfarbe unterscheiden. Einige blühen nicht wie die Wildform, sondern weiß oder rot und bringen noch mehr Farbtupfer in den sommerlichen Garten. Wie auch immer Gärtner das anstellen mögen.
Sollte es aber wirklich sein, dass dieses Exemplar an der Kernberghorizontale ein ganz seltenes ist, wenn sie mir sonst in freier Wildbahn noch nirgendwo begegnete - begleitet von der Erkenntnis, dass sie bei uns nur noch in den Alpen vorkommen soll - dann muss ich auf jeden Fall zu ihr. Ich habe unzählige Bilder von der Horizontale zu allen Jahreszeiten, aber nicht von dieser Wiesenraute, die auch noch, entgegen ihrem Namen, aus einem Felsspalt wächst.
Je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr zieht es mich dorthin. Aber es ist Februar. Ein außerordentlich kalter, grauer und dauertrüber dazu. Ich muss mich gedulden. Aber es wird ein Wiedersehen geben…
Grundsätzlich kann ich eine Wanderung in dieser Gegend empfehlen; und wer mag und kann, sollte sich Zeit nehmen und die gesamte Saale-Horizontale, die eine Laufstrecke von etwa 100 Kilometern darbietet, laufen. Die Teilstrecke der Kernberghorizontale jedoch ist für mich die reizvollste, weil sie durch ihre vielen Biegungen hinein in kleine Seitentäler sehr viel Abwechslung, Richtungswechsel und Blickwinkel bietet. Hier eine Wegbeschreibung:
"https://www.jena-impressionen.de/wandern-in-jena/wandern-pennickental.html"
Dieses Bild zeigt den Weg zu der Stelle, an der mir die Wiesenraute begegnet ist. Den Pfad in Richtung des Felsvorsprunges noch etwas weiter gegangen, gelangt man an eine Einkerbung im Gestein - und dort, ganz unscheinbar und grazil, steht sie in Brusthöhe in einer kleinen Nische. Das sie dort, an einer wirklich sehr kargen und trockenen Stelle, überhaupt gedeiht, wundert mich. Bevorzugt die Wiesenraute doch eher humöse Böden, die sich hier nun gar nicht bieten. Der brüchig-felsige Boden ist zwar durchlässig und der Standort sonnig - so wie sie es mag -, aber es fehlt ganz klar am humösen Boden. Dennoch strotzt sie diesem Umstand und scheint sich ihre Nährstoffe aus der dünnen Schicht verrottender herabgefallener Schwarzkiefernadeln und wenigen Blättern vom Sibirischen Hartriegel zu nehmen.
Aber sie wächst. Jahr für Jahr. Klein. Unscheinbar. Unter kargen Bedingungen an einem Standort, der wechselhafte und teilweise extreme Bedingungen aufdrängt. Trockenheit, kaum Wasser, dauerhafte, direkte Sonneneinstrahlung und eine sich schnell aufheizende Umgebung. Und im Winter scharfe Winde und klirrende Kälte. Manchmal fühlt sich das eigene Leben derartigen Extremen ausgesetzt - und man überlebt trotzdem…
©kayweber