Salomonsiegel/Vielblütige Weißwurz (Polygonatum multiflorum)

 Das sagenumwobene Salomonssiegel, auch umgangssprachlich Weißwurz genannt, ist eine der interessantesten einheimischen Pflanzen. Leider ist sie trotz vielfältiger Anwendungsmöglichkeiten in Vergessenheit geraten.

Ihren Namen verdankt sie der Form ihrer Rhizome ( bed. Eingewurzelte ), die wie Siegel aussehen. Jedes Jahr bildet das Rhizom einen neuen Spross, der, wenn der Stengel im Herbst abstirbt, vom Rhizom abbricht und eine kreisförmige Narbe gleich eines siegelähnlichen Aussehens hinterlässt.

 

Polygonatum (griech.: poly=viele/gony=Gelenk o. Knie) bezieht sich auf die knotigen Glieder des Wurzelstockes.

Der Sage nach soll König Salomon mit dieser Pflanze jene Felsen gesprengt haben, die ihm beim Bau seines Tempels im Weg standen.

Das Salomonsiegel soll jene „Springwurzel“ sein, mit deren Hilfe Schlösser und Türen geöffnet 

werden können. Die Springwurzel kann von keinem Menschen gefunden werden, hierzu bedarf es  der Hilfe des Schwarzspechtes, aber auch des Wiedehopfes. Wenn es einem gelang die Wurzel zu finden, dann war es ihm möglich, verborgene Schätze ohne Gefahr zu heben, so gut sie auch versteckt und von Dämonen bewacht waren. Ich denke, dass diese Pflanze uns auch befähigt, tief verborgenes oder einfach nur „verschüttetes“ Wissen finden und ergründen zu können. Selbst Fesseln aus Ketten und Eisen soll ihr zu sprengen möglich sein, doch auch hier, so denke ich, können sehr gut unsere seelischen Bande gemeint sein, oder jene Fesseln, die unsere Herzen schnüren.

Auch muss ich beim Anblick des Salomonsiegels immer an das Märchen vom Froschkönig denken. „Heinrich, der Wagen bricht!“, aber es waren nur die eisernen Bande, die Heinrich´s Herz umspannten.

 

Wie viele Pflanzen wurde auch diese verwendet, um Unheil von Haus, Hof und Stall fern zu halten. Hühneraugen sollen bei abnehmenden Mond mit der Wurzel eingerieben werden, damit sie verschwinden.

Für mich ist diese Pflanze etwas ganz besonderes. Sie wächst ungehalten in meinem Garten, unterfährt alles, was sich ihr in den Weg stellt und muss regelmäßig in ihre Schranken gewiesen werden. Dann las ich davon, das besonders Menschen die im Zeichen des Fisches geboren sind, der Anwendung dieser Pflanze unbedingt bedürfen, um ihre schwere Melancholie, ihre  Verträumtheit und ihren umbrechbaren Idealismus nicht die Oberhand gewinnen zu lassen.

 

Die wohl prägendste planetarische Signatur ist hier die des Saturns, desjenigen, der mit Abwehr und Begrenzung/Abgrenzung in Verbindung gebracht  wird. Hält man sich nicht daran, können schnell chronische Erkrankungen ( Saturn = Chronos ) begleitet von recht starken Schmerzen und Bewegungseinschränkungen mit uns einher gehen. Seelische entspricht dies dem Geiz in jedweder Form; man kann sich selbst und anderen nichts mehr gönnen und entartet zum freudlosen und verbitterten Pseudoasketen.

Die Volksheilkunde empfiehlt das Salomonsiegel bei Blutergüssen, Prellungen, Stauchungen, Brüchen, Gicht, Menstruations-Beschwerden, Husten, Blasensteinen und Verstopfung.

In der TCM nährt sie das Yin, die Substanzorgane, stärkt das Milz- und Magen-Qi, stützt die Nieren, wirkt leicht abführend und wird bei Trockenheit im Darm angezeigt.

Auch die nordamerikanischen Indianer schätzten sie, setzten sie bei erkrankten Schleimhäuten und bei Gelenks- und Knochenbeschwerden ein und er gehörte bei ihnen zur Wolfsmedizin. 

Die Salomonssiegelwurzel hilft in schwierigen Lebenssituationen, bei einschneidenden Veränderungen, sie hilft Entscheidungen zu treffen, unterstützt spirituell in solchen Lebensphasen und kann den Zugang (als Schlüssel) zur nicht alltäglichen Wirklichkeit erleichtern. Die Wurzel wächst unterirdisch horizontal und ist sehr leicht aus dem Boden zu holen, d. h. die Pflanze ist nicht sehr fest mit der Erde verbunden – so hilft diese Pflanze auch, sich vom Irdischem (der Erde) zu lösen. Sie kann uns helfen Trennungen zu verkraften und zu akzeptieren sowie Abschied zu nehmen.  

 

Der Salomonsiegel begleitet mich schon mein ganzes Leben. Im Garten am Hinterhaus, in dem meine Oma lebte, war er allgegenwärtig und ich kann mich an seine Anwesenheit erinnern. Später, als ich meinen Hinterhofgarten, direkt neben dem Hinterhaus meiner Oma Am Planetarium in Jena hegte und pflegte, war der Salomonsiegel nicht wegzudenken. Und er wucherte, breitete sich Jahr für Jahr aus und eroberte große Flächen. Dem musste ich irgendwann Einhalt gebieten. Ich grub regelmäßig im Herbst die Rhizome aus, pflanzte sie in den Gärten  meiner Schwester und Mutter in Oberfranken, später in der Waldzone meines Hortus, verschickte die Wurzeln über das Hortusnetzwerk quer durchs Land und nahm auch sie auch mit nach Buchfart. Dort pflanzte ich die Rhizome im Schatten einer Schwarzerle hinter der Mühle direkt an der Ilm und in meinen kleinen Vorgarten. Und immer gedieh die Pflanze ausnehmend gut und entwickelte sich prächtig. Für mich ist der Salomonsiegel immer ein guter Hinweis auf den Stand der jeweiligen Jahreszeit - ausgenommen des Winters. 

Im Buchfarter Vorgarten versteckten sich gern Frösche und Kröten im kühlen Schatten zwischen den Stengeln. Von dort habe ich noch eine große Kiste mit Rhizomen in Mutters Garten verschleppt und einen großen Eimer voll hat eine Freundin aus dem Dorf bekommen. Nur jetzt habe ich selbst keinen mehr. Und keinen Garten… 

 

©kayweber