Sauerampfer (Rumex acetosa)
Alle Kinder lernten bis vor wenigen Jahren diese saure, erfrischende, belebende und die Säfte anregende Köstlichkeit schon recht früh kennen. Unter all den verschiedenen Frühlingskräutern ist der Sauerampfer wohl das bis heute bekannteste. Begleitet von Waldsauerklee, Scharbockskraut, Gundermann, Brennnessel, Löwenzahn und anderen ist er ein fester Bestandteil der grünen Neune – der keltisch-germanischen Kultspeise, die den Körper von den Wirkungen und Ermangelungen des Winters befreite und mit dem erwachenden Lebensgeist des neuen Jahres verband.
Ägypter, Griechen und Römer verwendeten den Sauerampfer als Ausgleich zu fettreichen Speisen, bewirkt doch die Geschmacksausrichtung „Sauer“ ein zusammenziehen der Säfte. Roh oder gekocht kann Sauerampfer gegessen werden. Zu reichlicher, alleiniger Genuss aber kann zu einer Oxalatvergiftung führen, was dem Entstehen von Nieren- oder Blasensteinen förderlich ist. Doch auch hier gilt, das natürliche Geschmacksempfinden nicht zu überstrapazieren. Da Sauerampfer stickstoffreiche Böden liebt, sollte man darauf achten, dass er nicht von überdüngten Wiesen stammt. Zudem ist er ein guter Säurezeiger und meidet Kalkböden.
Wild wachsende, schwer zu kontrollierende Unkräuter gelten oft als Bild blinder, niedriger Gedanken, die radikal ausgerottet werden müssen. Ein amerikanisches Standardwerk schreibt: „Sauerampfer ist ein Kommunist! Er hisst seine rote Flagge, wo immer er eindringt, und er dringt überall ein, wo die demokratischen Gräser mit schwierigen Umständen zu kämpfen haben. Obwohl er klein ist, kriechen seine schlangenartigen Wurzeln durch die Graswurzeln und lassen neue ROTE hier und da spriessen!“ Die Wirren des kalten Krieges und die Angst vor dem Feind aus der Ferne haben also eine Art der phytopolitischen Kreativität geboren.
Tatsächlich findet sich im Sauerampfer unter anderem die Signatur des Planeten Mars. Marskräuter sind rötlich, haben spitze und scharfzackige Blätter, geradlinig strukturierte und stabile Halme. Hätte man damals diese Eigenschaft schon gekannt, wäre wohl ein völlig neues Feindbild entstanden. Mars steht für Abwehr, Angriff Aggression, Sexualtität, Triebstruktur, tiefgreifende innere
Transformation, spirituelle Erneuerung, Heilung; Altes wird zerstört und macht Platz für Neues.
Mars verkörpert Willensstärke, Widerstandskraft sowie Triebhaftigkeit und Aggression als Willensimpuls zum Überleben. In der Antike verehrte man ihn als Kriegsgott Mars/Ares; auch die Göttin Athene und Helden wie Herakles oder Siegfried der Drachentöter zeigen marsianische Elemente.
Entsprechend ihrem himmlischen Abbild sind viele Pflanzen des Mars mit ihren Stacheln, Dornen oder Brennhaaren ebenfalls recht wehrhaft (Disteln, Weißdorn, Brennessel). Einige sind dagegen hautreizend oder blasenziehend (Bärenklau, Giftsumach, Seidelbast). Brennend und scharf ist die Geschmacksrichtug vieler Marspflanzen (Rettich, Knoblauch, Meisterwurz); Rottöne dominieren (Aronstab, Gauchheil, Kaffeebohne). Da auch Giftstoffe Pflanzen zur Abwehr dienen, sind diese häufig dem Mars unterstellt (Eisenhut; vor Entdeckung der transsaturnalen Planeten unterstanden alle Giftpflanzen Mars und/oder Saturn). Nicht alle Marspflanzen sind also wohltätig und Vorsicht ist bei manchen daher angebracht.
Dennoch sind die meisten Pflanzen des Kriegsgottes relativ ungiftig und ihre Anwendungsgebiete gehören zu den wichtigsten in der Heilkunde: Einerseits stärken viele die Abwehr und die Lebens- bzw. Willensenergie (Schlehe, Eleutherokokkus, Echinacea); manche Marspflanzen fördern auch die Gallentätigkeit (Galle ist das Organ des Willens; Disteln, Schöllkraut). Andererseits schützen sie den Körper vor Toxinwirkungen, bzw. leiten diese aus dem Körper aus (allg. Stachelsignatur zur Entgiftung), daher die Anwendungen bei chronischen Stoffwechselerkrankungen mit Erschöpfung, Rheuma, Gicht, Allergien oder Hautleiden. Ergänzend eignen sich für Entgiftungsrezepte Pflanzen der Venus und Sonne oder des Merkurs.
Manche Marspflanzen hängt man noch heute als schutzmagisches Amulett gegen Verhexung und Seuchen über die Tür, beispielsweise die Silberdistel, die mit ihrem animalischen Geruch (heißt auch Eberwurz) und ihrem Dornenkranz die Vitalität des Mars verkörpert. Sie enthält antibiotisch wirkende Stoffe (Carlinaoxyd) - die volkstümliche Verwendung als Schutzamulett ist also durchaus begründet.
Sauerampfer wirkt, wie fast alle Frühlingskräuter, blutreinigend und entschlackend. Sein Oxalsäureanteil macht ihn zu einem guten Fleckentferner. Ob in Kombination mit Spinat, Portulak oder als Salatzutat, zu kalten Eierspeisen oder Omeletts, zu Fischgerichten oder als wichtige Zutat in der berühmten Frankfurter grünen Sauce – Sauerampfer kann vielen Gerichten eine sehr besondere Note verleihen, die kaum ein anderes Kraut zu geben im Stande ist.
©kayweber