Seidelbast (Daphne mezereum)

 Von ihm stammt einer der ersten verführerischen und äußerst starken Düften, der uns im noch jungen Frühjahr den Weg durch lichtes Unterholz führen lässt. Bisher habe ich ihn immer in der Nähe von Buchen und Orchideen entdecken können. Die kleinen Sträucher werden meist zuerst mit der Nase gefunden – nicht selten schon aus zehn bis zwanzig Metern Entfernung. Auch wenn sich seine leuchtenden Blüten vom Umgebungsgraubraun des zeitigen Frühlings gut abheben sollten, stolpert man erst aus nächster Nähe über die kleinen Farbkleckse. Nur wenige Meter Entfernung genügen, und der Seidelbast verschmilzt mit seinem Umfeld,  beinahe so, als wolle er nicht gesehen werden. 

Später, im Sommer, hebt sich seine Belaubung von der Umgebung nicht sonderlich ab und man muss schon sehr genau hinsehen. Erst ab Juni leuchten seine roten Früchte und heben die Tarnung auf. Ansonsten ist dieser Kleinstrauch mit einer maximalen Wuchshöhe von 1,50 m nur schwer auszumachen. Er macht sich nicht groß, mag den Wind nicht und sucht daher lieber den Schutz in halbschattiger Umgebungsvegetation und bevorzugt kalkhaltige und lehmige Böden.  

   

Meine Freude, ihn gefunden zu haben, wird keineswegs von der Gewissheit getrübt, dass alle Teile von ihm giftig sind; besonders seine roten Scheinfrüchte. Zehn bis zwölf Stück von ihnen sind tödlich giftig. Beim Zerreiben der Zweige und Früchte werden übel riechende und giftige Stoffe ausgeschieden. Die alleinige Berührung der Pflanze oder des Blatt- und Fruchtsaftes führt zu Hautentzündungen und Muskelkonvulsionen (Muskelzucken) und bei schweren Fällen zu einer allgemeinen Vergiftung des Organismus. Der Verzehr von zehn Beeren ist für Kinder definitiv tödlich. 

Diese schwere toxische Wirkung erschwert dem Seidelbast den Einzug in die Heilkunde. Wenn, dann darf er nur in homöopathischer Verdünnung Anwendung finden. Ab der Dezimalpotenzierung D4 hilft er gegen Hautprobleme, Ekzeme, Gürtelrose, verschiedene Herpesarten und nässende Ausschläge. Auch gegen Kopfschmerz und Verstopfung kann er eingesetzt werden. 

Der Beiname „mezereum“ stammt aus dem Arabischen (Mazerium = Töten) und charakterisiert die Giftigkeit des Strauches. In Erinnerung an die liebliche Nymphe Daphne, die Tochter des Flußgottes Peneus, die laut griechischer Mythologie in einen Lorbeerkranz verwandelt wurde, trägt der Seidelbast in der Botanik den Gattungsnamen „Daphne“. 

 

Karl Heinrich Waggerl schreibt im heiteren Herbarium: 

 

„Wie lieblich duftet uns im März

der Seidelbast! Doch innerwärts

ist er voll Gift und Galle!

Weil wir, in diesem Falle, 

das Wunder nur beschauen sollen, 

(Man muss nicht alles kauen wollen !)“

 

 

Im Seidelbast finden wir, neben neben dem Mars, die planetarische Dominanz von Venus und Uranus.

Die Heftigkeit der Abwehrreaktion und die Schmerzhaftigkeit der Entzündung durch kurze Berührung zeigt deutlich die Marsanalogie im Seidelbast. Mars versetzt uns erst in die Lage, physisch kämpfen zu können – und auch zu müssen. Mars verkörpert zudem Willensstärke, Widerstandskraft sowie Triebhaftigkeit und Aggression als Willensimpuls zum Überleben. In der Antike verehrte man ihn als Kriegsgott Mars/Ares; auch die Göttin Athene und Helden wie Herakles oder Siegfried der Drachentöter zeigen marsianische Elemente. Marspflanzen sind entweder mit Stacheln, Dornen oder Brennhaaren versehen oder wirken hautreizend und blasenziehend, so wie der Seidelbast, aber auch Bärenklau und Giftsumach. 

Manche Marspflanzen hängt man noch heute als schutzmagisches Amulett gegen Verhexung und Seuchen über die Tür, beispielsweise die Silberdistel, die mit ihrem animalischen Geruch (auch Eberwurz genannt) und ihrem Dornenkranz die Vitalität des Mars verkörpert. Sie enthält antibiotisch wirkende Stoffe (Carlinaoxyd) - die volkstümliche Verwendung als Schutzamulett ist also durchaus begründet.  

 

Die Schönheit der Venus zeigt sich in Pflanzen mit harmonischen weichen Formen, verwöhnt das Auge mit einer üppigen und bunten Blütenpracht und die Nase mit betörend sinnlichen Düften. Venuspflanzen sind die wichtigsten Bestandteile von Liebestränken (Damiana), Parfüms (Ylang-Ylang), erotischen Körperölen (Rose) und kosmetischen Präparaten (Dachwurz, Gänseblümchen). Aber auch in Venen- (Venen = Venus; z.B. Hamamelis) und Nierenrezepten (Bärentraube) oder in Lebenselixieren (Melisse) sind sie enthalten.

 

Jenseits der Schwelle, wenn wir hinter Saturn die sieben kosmischen Grundkräfte verlassen haben, stoßen wir in den Bereich des kosmischen Bewusstseins hervor. Hier begegnen wir  Uranus, Neptun und Pluto (wenngleich er als Planet deklassiert wurde). Obwohl man diese Planeten als „kollektiv wirkend“ bezeichnet, wird jeder Einzelne durch sie aufgerufen, seinen wahren und einzigartigen Weg zu finden - jenseits aller Institutionen und Glaubensvorstellungen. Die Wirkung dieser Kräfte ist auflösend auf verkrustete soziale Strukturen.  

Pflanzen des Uranus zeigen viele Gemeinsamkeiten mit Merkur. Sie eignen sich vor allem dazu, das kreative Potential des Bewusstseins zu steigern (Channeling: Akelei, Immergrün, Natternkopf, Wahrsagesalbei). Andere zeigen ihre Heilwirkung bei Leiden durch plötzliche Einflüsse oder nach Strahlungen (Wasserdost, Beifuß, Arnika). Uranus steht für unerwartete Veränderungen und Exzentrizität. Aber auch Rebellion und Erfindungsfreude werden ihm nachgesagt. Quasi alles, was aus dem Nichts passiert, fällt unter seine Fittiche.

Im Seidelbast wirkt Uranus zunächst durch die instantane Reaktion auf Berührungen und nicht nur durch seine Giftigkeit. 

Giftige Pflanzen kommen in der Homöopathie auch bei «giftigen» Zuständen in Frage. So hilft Mezereum oft bei äußerst schmerzhaftem Herpes zoster. Die   Schmerzen sind bohrend, schiessend und brennend (wie verbrüht). Eine durchaus uranische Eigenschaft. Ist die Gürtelrose äußerlich abgeheilt, bleiben aber weiterhin neuralgische Schmerzen zurück, empfiehlt sich die Wahl von Mezereum. Wird bei einem Mezereum-Menschen ein Hautausschlag unterdrückt (Cortison-Salben), treten oft tieferliegende Beschwerden wie Knochenerkrankungen, Gehörverlust oder Neuralgien auf.

Eine Pflanze, die im Winter blüht, fällt aus dem üblichen Rahmen, was zudem auch eine saturnische Eigenschaft ist. Genauso unüblich sind die Wärme-Kälte-Modalitäten von Mezereum. Den Patienten mangelt es an Lebenswärme, sie frieren dauernd, fühlen sich kalt bis auf die Knochen, trotzdem verschlimmern sich z. B. Kopfschmerzen oder Juckreiz durch Wärme. Umgekehrt ist es bei neuralgischen Schmerzen, hier verschlimmert die Kälte.

 

Erkrankungen also, die durch unterdrückte und nicht verarbeitete Wut ausgelöst werden, zeigen sich im äußeren Verhalten der Betroffenen oft durch Gifteleien gegenüber anderen Menschen. Sonst können sie stundenlang teilnahmslos aus dem Fenster schauen. Deren oft sehr schikanösen Sticheleien kommen ebenso unverhofft und urplötzlich aus ihnen heraus geschossen, wie das Gift des Seidelbastes wirkt und wir darauf reagieren. 

Die ansonsten sehr wortkargen Mezereum-Menschen leben genauso zurückgezogen und versteckt, wie der Seidelbast im Dickicht des Waldes. Sie schlagen nur dann zu, wenn man ihnen zu dicht auf die Pelle rückt. 

 

©kayweber