Sibirische Schwertlilie
Den aufrecht über dem Wiesengras stehenden und schon von Weitem gut sichtbaren blauvioletten Blüten der sibirischen Schwertlilie können wir nur noch selten begegnen. Um sie trotz ihrer auffälligen Erscheinung zu finden, bedarf es inzwischen längerer Suche. In der Nähe von verschwiegenen Sumpf- und Moorwiesen sowie im Überschwemmungsbereich von Bächen und Flüssen findet man sie gelegentlich - sofern diese Gegenden komplett sich selbst überlassen sind. Voraussetzung für die Erhaltung dieser schönen Pflanzenart, ist eine einzige Mahd (mit der Sense) im Spätsommer mit Abtransport des Mähgutes, wenn man sie im Garten ansiedeln möchte. Ansonsten kommt sie auch ohne Mäharbeiten sehr gut zurecht.
Weit verbreitet hingegen findet sich die Sumpf-Schwertlilie (Iris pseudacorus) an stehenden wie an fließenden Gewässern, in Waldsümpfen, Ebenen und im Hügelland. Auch ihre satt-gelben und stolz aufrecht stehenden Blüten verkünden sich schon aus der Ferne.
Wir kennen mehrere Arten dieser Pflanze, meist wird aber – und nur noch selten – die Deutsche Schwertlilie (Iris germanica) als
Heilpflanze genutzt. Zu Heilzwecken gebraucht man die verwilderte Pflanze, die warme und sonnige Plätze bevorzugt. Hierbei verwendet man die mindestens dreijährige Wurzel innerlich bei
Blasenkatarrhen, Entzündungen der Gallenblase, chronischen Husten, Blutkrankheiten, Schlaflosigkeit und bei Leberleiden, äußerlich zur Mundspülung gegen Mundgeruch. Hildegard von Bingen empfahl ihren
Einsatz bei oberflächlichen Verletzungen der Haut. Hildegard betont, dass die ganze Kraft der Schwertlilie in der Wurzel liege. Bei Hautproblemen solle man eine Salbe aus dem Pflanzensaft und Fett
zubereiten und sich oft damit salben. Für eine schöne Gesichtshaut solle man den ausgepressten Saft mit Quellwasser leicht erwärmen und das Gesicht damit waschen. Außerdem würden Wurzel und Blätter
der Schwertlilie auch bei Menschen verwendet, die den Verstand verloren haben. Die Wurzel solle bei verengten Harnwegen und Harnstein helfen. Bei schwerem Aussatz wie Lepra wird die Wurzel mit
Eselsmilch zubereitet als Salbe empfohlen.
In der übrigen Klostermedizin wurde die Schwertlilie bei Beschwerden der inneren Organe, der Atemwege, des Verdauungstraktes und der Harnwege eingesetzt. und nordamerikanische Ureinwohner verwendeten
die Wurzeln frisch oder getrocknet, gewannen Stärke aus ihnen, bereiteten gekochtes oder auch gebackenes Gemüse zu und aßen sie auch roh.
In der Lilie findet sich die astrologische Zuordnung der Sonne. Diese zeichnen sich durch meist gelbe, bisweilen aber auch rote Blüten aus, riechen sehr angenehm, haben oft ein majestätisches Erscheinungsbild und bevorzugen offene und sonnige Standorte. Aber auch die Qualität des Planeten Jupiter findet sich in der gelben und bläulichen Farbe, ihrem dominanten Wachstum und der Eigenschaft, stickstoffhaltige Böden zu bevorzugen. Jupiter wie auch die Sonne sind Gasriesen; sie stehen für Assimilierung, Ausdehnung, Anreicherung und Energiefreisetzung. Die Sonne steht für Vitalität schlechthin. Sie gibt Auskunft darüber, wie groß unser Lebenswille ist. An dem stolzen aufrechten Erscheinungsbild der Pflanze selbst lässt sich das allein schon ablesen. So wie die Sonne in jeder Hinsicht der Lebensmotor unseres Planetensystems ist, so ist das Herz der Motor unseres Körpers. Es sorgt für Zirkulation, Bewegung, Gefühlsäußerung und Leben.
Ganz ähnlich ist auch Jupiter. Auch er treibt das Leben an, sorgt für Ausdehnung, Wachstum, Wohlbefinden, Erweiterung, Selbstverwirklichung und Durchbruch. Oft wird er auch als Glücksplanet genannt. Alle Krankheitsbilder, die dem Jupiterprinzip unterstehen, sind ein Hinweis auf den untauglichen Versuch, einen Mangel an persönlichem Glück und echter innerer Größe auszugleichen. Die organische Entsprechung vom Jupiter ist die Leber, aber auch die direkt über dem Herzen (Sonne) sitzende Thymusdrüse, die in Pubertät und Adoleszenz von größter Wichtigkeit ist.
Sonne und Jupiter sorgen für unser Wohlbefinden, für unsere Gesundheit. Es bedarf gesunder Nahrung und der Fähigkeit, diese umzusetzen. Die Leber spielt hier eine entscheidende Rolle. Sie produziert Hormone (Endorphine), die für unser seelisches Wohlbefinden verantwortlich sind. Auch die Redensart: „Dir ist wohl eine Laus (Mars) über die Leber (Jupiter) gelaufen?“ zeigt, dass man um die Bedeutung der Leber schon länger weiß, als medizinisch nachgewiesen werden kann.
Nehmen wir uns ein Beispiel am stolzen und aufrichtigen Stand der Iris, achten auf die Botschaften der Pflanzen, der Natur, heben unseren Blick und schauen vertrauensvoll nach oben – in die Sterne! Wie Goethe es schon immer sagte und im Belvedere-Park in Weimar (gleich bei mir um die Ecke) in sogenannten Stolpersteinen geschrieben steht: „Verweile, und hebe deinen Blick…“
In meinem ehemaligen Hinterhofgarten in Jena wuchs eine beeindruckend große Staude dieser Schönheit, doch währte ihre Blühperiode nicht lange. Dafür war die Freude darüber entsprechend größer. Über die Jahre aber schrumpfte die Pflanze. Mein geliebtes Salomonsiegel (Vielblütige Weißwurz - Polygonatum multiflorum) nahm der Iris die Luft, marschierte mit seinen kräftigen Rhizomen auf die Iris zu und bedrängte wiederum deren Rhizome, die nichts zu entgegnen hatten. Da ich mich über erhebliche Mengen vom Salomonsiegel an mehreren Stellen des Gartens erfreute und diese sich prächtig entfalteten, kam ich nicht umhin, diesem Vordringen zu entgegnen und der Iris wieder mehr Luft zu verschaffen. Im Herbst also grub ich die Wurzeln der Weißwurz großzügig aus, verschenkte und verschickte sie.
Im Folgejahr war nicht zu beobachten, dass sich die Iris nun endlich wieder ausdehnen kann. Auch die Jahre danach nicht. Sie blieb mickrig und wurde immer weniger. Jeder auch noch so behutsame Rettungsversuch scheiterte. Vielleicht war sie auch einfach nur zu alt oder konnte sich aufgrund der vorangegangenen Zudringlichkeit der Weißwurz nicht ausreichend periodisch erholen. Zumindest konnte ich in keiner Literatur etwas dazu finden - und auch Niemanden, der meine Beobachtung mit mir zu teilen vermochte. Da mir der Begriff der Phytosoziolgie nicht fremd war, suchte ich in diesem Gebiet. Leider sind hier nur flächenbezogene Untersuchungen zu finden wie z.B. Strauchgesellschaften, Salz-, Kriech- und Kulturrasen, Schuttflure und Felsspaltengesellschaften oder eben Wälder, also durchaus schon komplexe und natürlich vorkommende Systeme, die vom menschlichen Wirken sicher nicht unberührt geblieben sind.
Prof. Dr. Otti Wilmanns vom Institut für Biologie II am Lehrstuhl für Geobotanik in Freiburg schreibt dazu:
„Die Pflanzensoziologie, Phytozönologie, Vegetationskunde oder Vegetationsökologie erforscht einen wesentlichen Teil der verschiedenen Typen von Ökosystemen, eben ihren pflanzlichen Anteil, d.h. ihre Pflanzengemeinschaften. Man bezeichnet sie auch als Phytozönosen (Pflanzengemeinschaft); die Gesamtheit der Phytozönosen eines Gebietes wird als dessen Vegetation bezeichnet. (…) Gegenstand der Pflanzensoziologie sind also aus Organismen aufgebaute Organisationen; diese haben einen recht hohen Komplexitätsgrad, stehen sie doch zwischen Individuum und Population einerseits, zwischen Biozönose und Ökosystem andererseits; sie sind damit auch von „mittlerer" Größenordnung, „zwischen Lupe und Fernglas" gleichsam. (…) Die Pflanzensoziologie ist damit ein Teil der Geobotanik, die auf das Verständnis des Verhaltens sowohl von Pflanzensippen als auch von Pflanzengesellschaften im Gelände abzielt. Ziel der Pflanzensoziologie ist es also, die floristisch definierten Pflanzengesellschaften in ihrer Artenverbindung und Struktur, in der Funktion ihrer Glieder, ihrer Einpassung in die Umgebung und ihrer geschichtlichen Entwicklung zu verstehen und die Folgerungen für die Erhaltung und Gestaltung von Ökosystemen zu ziehen.“
In Bezug auf die Sozialbeziehungen zwischen einzelnen Pflanzen hilft hier wahrscheinlich nur altes Gärtnerwissen oder eben die Erfahrung aus geduldigen, liebevollen und langjährigen Beobachtungen. Diese habe ich im Hortus durchaus im Gemüsebeet und der Halbschattenzone machen können.
Letztlich liegt es auch nahe, dass eine Pflanze, die sich in sumpfigen Gebieten, nah am Wasser oder feuchten Wiesen wohl fühlt, nicht unbedingt der Nähe eines schattenliebenden Waldbewohners bedarf. Das leuchtet ein.
Wir arrangieren in unseren Gärten eben Pflanzen, die unterschiedliche Standort- und Wachstumsbedingungen verlangen, verschiedene klimatische Bedingungen benötigen oder gar aus fernen Ländern stammen. Das es nur ein Zufall ist, wenn sich diese Pflanzen gegenseitig wohlwollend bedingen, sollte auf der Hand liegen. Ist das nicht der Fall, greift man gern zu sämtlichen dargebotenen Hilfsmitteln vom Dünger bis zur chemischen Keule. Aber auch dieses Vorgehen ist nicht von Erfolg gekrönt - und das beginnt oft auch schon am kurzlebigen Blumenkasten-Arrangement, aus dessen Kurzweiligkeit ein Lernen aus der Beobachtung möglich ist. Und meist mangelt es hier auch an Interesse, Zeit und Geduld.
Auch die Wurzelsoziologie spielt zur Erhaltung des Habitats eine wesentliche Rolle. Eintönige Flächen wie Getreide- oder Maisfelder monotone Fichtenwälder fehlt es eindeutig und nachweislich an Wasserbindungsvermögen im Boden. Man kann auf Maisfeldern nach kräftigen Regengüssen an den Auswaschungen deutlich erkennen, dass die Wurzel- und Bodenstruktur nicht ausreicht, das Regenwasser aufzunehmen. Vielmehr wird nahrhafter Boden weggeschwemmt. Auch unsere Fichtenwälder können nur etwa 10% der gefallenen Regenmenge aufnehmen, da sich eine hauchdünne Fettschicht über die Böden legt, die durch die Ausdünstungen der ätherischen Öle des Harzes bedingt sind. Solche Wälder sind zudem ihre eigenen Brandbeschleuniger. Klassische Laubmischwälder hingegen halten das Wasser durch ihre Wurzelsoziologie viel besser im Boden und können grundsätzlich auch nicht brennen. Das können nur Nadelbaumplantagen.
Ein gutes und zugleich dramatisches Beispiel zeigt die Ahrtal-Katastrophe aus dem Jahr 2021. Die Hänge des Ahrtals sind kaum noch bewaldet und zu Weinbergen umgewandelt. Der Wein wird gehegt und gepflegt und wächst auf Hängen, die vornehmlich aus Schiefergestein bestehen. Durch die Weinpflege kann sich keine das Wasser aufnehmende Humusschicht bilden, wie es einst die Laubmischwälder getan haben mögen, die (in ihrer Grünphase) eine erhebliche Regenmenge schon mit ihrer Belaubung aufgenommen und retardiert an die Böden abgegeben haben. Dem Regenwasser blieb an den mehr oder weniger kahlen Hängen also keine andere Möglichkeit, als ins Tal zu schießen und die Bäche und Flüsse unaufhaltsam zu füllen.
Diese Beobachtung kann inzwischen überall gemacht werden. Bäche, an denen ich als Kind spielte und die das ganze Jahr munter plätscherten und gut gefüllt waren, führen heute nur noch nach ausreichendem Regen Wasser. Ansonsten sind sie ausgetrocknet. Das konnte ich in den letzten Jahren auch an der Ilm sehr gut beobachten.
Gut beobachten kann man aber auch, wie sich sich selbst überlassene Flächen regenerieren. Zuerst wachsen Gräser und Kräuter mit unterschiedlichen Wurzelarten und bilden Strukturen, wodurch sich die angesiedelten Pflanzen gegenseitig nähren und bedingen. Später finden sich Sträucher/Gehölze wie Weißdorn und Holunder ein, dann die ersten Pioniergehölze (Birken, Weiden, Pappeln, Eschen, Feld-, Berg- und Spitzahorn, Erle, Hasel, Eberesche, Hainbuche, Holunder und Weißdorn, um nur einige zu nennen) ein, die im Laufe der Jahre Schatten spenden und in einer Gemeinschaft aus Tief-, Flach- und Herzwurzel nicht nur sich selbst, sondern auch dem Boden Halt geben. Im Schatten dieser Pioniergehölz gedeihen dann die langsam wachsenden Eichen und Buchen, die letztlich den Hauptbestandteil des klassischen, ursprünglichen und einheimischen Waldes bilden und den regionalen Wasserhaushalt bedingen.
Ursprünglich sollen die riesigen bewaldeten Flächen Europas sogar für die benötigten Regenmengen bis nach Ostsibirien verantwortlich gewesen sein.
Das sich das Wetter verändert hat, kann Niemand abstreiten. Und das es von Menschen verursacht wurde, sollte einleuchtend sein. Aber vordergründig hat das für mich Nichts mit dem Ausstoß von Kohlendioxid zu tun, sondern in erster Linie durch die massiven Einschnitte in die Regelmechanismen der Global-Vegetation. Pflanzen sind es, die den Wasserhaushalt regulieren. Das ist und bleibt unumstritten. Und wenn wir eine Kulturlandschaft (eher eine Unkulturplantage) aus monokulturellen Flächen und Hybridplantagen errichten, müssen wir uns über eine Irritation dieses Systems nicht wundern. Aber allumfassendes Denken war noch nie des Menschen Stärke. Obwohl wir es könnten, wenn wir es uns trauen, uns auf die allumfassende Intelligenz der Natur einlassen.
„Wahres Wissen entspringt der Beobachtung!“, sagte einst Leonardo da Vinci, und viele große Namen äußerten sich ähnlich. Victor Schauberger ist ein Paradebeispiel für das Gelingen des Wissens aus Beobachtung und Kontemplation. Frei von der Beeinflussung des Denkens. Und frei von dem, was wir gelernt und eingetrichtert bekamen.
Manchmal möchte ich mich in die Zeit beamen, in der dieses kleinteilige, aber doch allumfassende und sich selbst versorgende System noch funktioniert hat. Wie würde es hier aussehen, sich anfühlen, riechen, duften und klingen? Mit Sicherheit könnte man beim Erblicken dessen zu der Erkenntnis gelangen, dass wir uns derzeit in einer riesigen Abraumhalde mit ein paar bei sich belassenen Flecken, die als Naturschutzgebiet deklariert sind, befinden.
Um die Natur mache ich mir keine Sorgen. Die erholt sich - wenn man sie gewähren lässt und einfach mal einen mutigen Schritt zurücktritt…
©kayweber