Ackerkratzdistel (Cirsium arvense)

Ich hätte sie in ihren besseren Tagen und schöneren Farben darstellen, zeichnen und wiedergeben können. Aber so stand sie nun mal vor mir, als ich an einem sehr kalten der ersten Märztage, begleitet von einem eisigen und scharfen Wind über die Schlachtfelder in Richtung des Napoleonsteins bei Jena wanderte. 

Es fiel Schnee. Vielmehr wurde dieser vom Wind über die kargen und graubraunen Wiesen getrieben und hatte keine Chance, sich fallen zu lassen. Nur hier und da verfing er sich in den ausgedorrten Halmen und Blättern von Distel- und Hauhechel-Skeletten sowie flach auf den Boden und vom vorangegangenen Schnee zusammengepressten Gewirr der Gräser. 

Aber da stand sie nun mal. Vertrocknet, spröde wirkend, aber noch immer stolz und aufrecht. Wenig beugte sie sich dem kräftigen Wind, wankte bei nur starken Böen, zeigte sich aber sonst unbeeindruckt. Und es waren viele ihrer. Wie unbeugsame Soldaten, deren Schlacht schon längst gekämpft war, die noch immer vergeblich auf die Fortsetzung warteten, erneut ins Feld ziehen zu können. Ein Bild, welches diesen sogenannten Schlachtfeldern mehr als entspricht.   

Hier oben, am sogenannten Windknollen, der mit 361 Metern die höchste Erhebung des Landgrafenberges darstellt und auf dessen Gipfel der Napoleonstein steht, dehnte sich hinter dem Landgraf das ehemalige Schlachtfeld.. Im Oktober 1806 fanden hier die Kämpfe zwischen Preußischen Truppen und Napoleon statt, und man ist überzeugt, dass Napoleon diese kleine erhöhte Stelle als Beobachtungspunkt während des Schlachtgeschehens wählte. 

Am gleichen Tag kam es in einem kleinen Dorf südlich von Bad Kösen zu einer weiteren großen militärischen Auseinandersetzung zwischen den preußischen und französischen Truppen. Dieser Ort heißt Auerstedt. Daher spricht man von der Doppelschlacht bei Jena und Auerstedt. 

 

https://www.visit-jena.de/eventssport/festivals-feste/schlacht-von-jena-und-auerstedt/

 

Ich habe meine eigene Verbindung zum Landgraf, dem Napoleonstein und die Schlachtfelder. Zunächst sind da Kindergarten-Ausflüge, die mit dem Aufstieg vom Kritzegraben über 365 Stufen bis hinauf zum Landgraf begannen. Heute würde man das sicher als Kinderquälerei verurteilen, doch damals war es völlige Normalität. Und es hat Spaß gemacht. Bis auf diesen einen Ausflug, bei dem ich den Rückweg als kleines Kind allein antrat, weil ich wohl von irgendetwas abgelenkt war und den Anschluss an die Gruppe verlor, was Niemand bemerkte. Den Weg zurück zum Kindergarten fand ich allein. Dort erwartete mich eine heftige Standpauke - so, als ob ich den Fehler allein gemacht hätte. Meine Eltern erfuhren wohl erst später davon. 

Jahre später, als ich lange Zeit im Damenviertel am Fuße des Landgrafenberges wohnte, führte es mich oft und über verschiedene Wege hinauf zum Windknollen. Ob über den riesigen, parkähnlichen und wunderschönen Nordfriedhof, durch das Munketal, über die Eule oder, mit einem etwas größerem Umweg, durch das Rautal über die Schlachtfelder zum Landgraf und über die Sonnenberge zurück. Es war immer und zu allen Jahreszeiten schön, erst durch die Wälder zu laufen und später dann den Blick von der kargen Magerwiesenlandschaft über die Stadt schweifen zu lassen, die sich so gemütlich an die Ränder der sie umgebenden Berge schmiegte. An guten Tagen konnte man von hier oben bis zum Inselberg blicken. Und immer war es hier oben windig. 

Das Areal umfasst etwa 56 ha Halbmagerrasen, ist allseitig von Laubmischwäldern umgeben und bietet eine reichhaltige Flora und Fauna. Man erkennt aber noch sehr gut die frühere Nutzung als Militärgebiet durch die ehemalige Rote Armee. Panzerfahrrinnen, Betonrampen und - unterstände, einen über die Jahre zerbröselnder Paradeplatz, umgeben von Pappelgerippen, und überall vom steinharten Boden fest umschlossene Panzerkettensegmente, Drahtseile und Schrottfragmente. Unrat und Schrott findet sich wieder und wieder. 1990 jedoch zogen die Truppen ab - ohne aufzuräumen. 

 

Heute ist der Windknollen aufgrund seiner besonderen Artenvielfalt als Naturschutzgebiet ausgewiesen. Die jahrzehntelange militärische Nutzung bewahrte das insgesamt 185 Hektar große Naturschutzgebiet vor einer intensiven Nutzung durch die Land- und Forstwirtschaft. So leben eine Vielzahl an seltenen Tieren und Pflanzen auf dem weiten Halbtrockenrasen und in den umgebenden Laubmischwäldern. Hier wachsen zum Beispiel viele geschützte Orchideen wie Bienen-Ragwurz, Frauenschuh oder die Grünliche und Weiße Waldhyazinthe. Der farbenprächtige Drüsige Klappertopf ist seit über 100 Jahren für das Gebiet als einziges Vorkommen in Deutschland nachgewiesen. Zahlreiche bedrohte Vogelarten der Feldflur sind in dem Naturschutzgebiet heimisch. So beispielsweise die Heidelerche, der Neuntöter, die Grauammer oder die Sperbergrasmücke. Auch der Wendehals, eine in Deutschland stark gefährdete Spechtart, lässt sich auf dem Windknollen bei der Jagd nach Ameisen und anderen Insekten beobachten. Segelfalter, Goldene Acht, Himmelblauer Bläuling und viele andere Tagfalter bevölkern die weiten Halbtrockenrasen. Die schweren Panzer hinterließen außerdem zahlreiche verdichtete Bodensenken, die sich bei Regen rasch mit Wasser füllen. Diese sind inzwischen Lebensraum für gleich drei der vier heimischen Molcharten: den gefährdeten Nördlichen Kammmolch, Bergmolch und den Teichmolch. 

 

Und das ist doch viel interessanter und auch wichtiger, als immer und ständig eine Vergangenheit zu inszenieren, die mit Sicherheit sehr viele Übertragungsfehler in sich birgt. 

Neben bereits genannten Pflanzen wie Orchideen und Ragwurzen wachsen in diesem Areal noch viele weitere Geschöpfe. Ich erinnere mich an Feldthymian, an Dost (Oregano), Hauhechel, Gewöhnliche Natternzunge, Zierliches Tausendgüldenkraut, Feldmannstreu, Küchenschelle und die Gras-Platterbse. Hier und da finden sich Trockengebüsche vornehmlich aus Weißdorn, Hundsrose und Schlehdorn, die den teilweise extremen Bedingungen hier oben trotzen, eine windflüchtige Haltung annehmen und recht viele Flechten ansetzen. 

Die tonreichen Böden über dem oberen Muschelkalk neigen unter dem hier herrschenden Windeinfluss sehr zur Austrocknung, andererseits zu starker Verwässerung, was wohl noch auf die starke Verdichtung durch die frühere militärische Nutzung zurückzuführen ist. Und oft bedarf es weitaus mehr als 30 oder 40 Jahre, dass sich Böden von solchen Maßnahmen erholen. Dennoch schreitet die Besiedelung auch durch vereinzelte Pioniergehölze voran. Es dürfte nur eine Frage der Zeit sein, bis sich Birken, Eschen, Eberesche und Ahorn hier ausbreiten, den Boden über die Jahre auflockern, Struktur, Halt und Wasserbindungsvermögen geben, damit hier wieder ein ursprünglicher einheimischer Laubwald entstehen könnte. Wenn wir diesen Dingen ihren Lauf lassen, hätte die natürliche Sukzession freies Spiel, was grundsätzlich zu begrüßen wäre. Aber hierfür gibt es Gegenmaßnahmen, die durchaus sinnvoll erscheinen. 

 

Seit Mitte März 2022 grast eine kleine Herde aus Galloway-Rindern im nördlichen Teil des Windknollens. Mit dem Beweidungsprojekt soll eines der letzten regionalen Vorkommen des Nördlichen Kammmolches und des Laubfrosches erhalten bleiben. Auch Brutvögel wie die Feldlerche werden von der Anwesenheit der Rinderherde profitieren. So erklärt es Franziska Hermsdorf, Mitarbeiterin der NABU-Stiftung Nationales Naturerbe. Seit 2020 setzt sich die gemeinnützige Stiftung als Eigentümerin für den Erhalt der Artenvielfalt in dem thüringischen Naturschutzgebiet ein. 

Die robusten Rinder halten die Uferbereiche der wertvollen Tümpel durch Verbiss und Tritt offen, wirken so dem Prozess der natürlichen Verlandung entgegen. Zugleich fördert die Beweidung durch selektiven Fraß den Strukturreichtum der angrenzenden Wiesen und verbessert somit das Nahrungsangebot für Insektenarten, die sich hier mittlerweile etabliert haben. Davon profitieren auch bedrohte Vogelarten. Innerhalb dieser eingezäunten Fläche können so auch Bodenbrüter wie Feldlerche und Schwarzkehlchen ungestört ihren Nachwuchs aufziehen. 

Vergessen dürfen wir hierbei jedoch nicht, dass es ursprünglich nicht Rinder waren, welche durch Verbiss und Tritt offene und halboffene Gras- und Steppenlandschaften geschaffen und erhalten haben. Vielmehr war das hier die Aufgabe von Reh-, Dam- und Rotwild, die keine reinen und ursprünglichen Waldbewohner sind und waren. Erst durch die Bejagung haben sich diese Tiere schutzsuchend in die Wälder begeben. Der heute stattfindende Verbiss, den die Tiere an den Schößlingen und Trieben junger und nachwachsender Bäume verursachen und für einen oft und laut beklagten forstwirtschaftlichen Schaden sorgen, ist nur ursprüngliches und natürliches Verhalten. Sieht man heute beispielsweise Rehwild tagsüber frei auf Äckern stehen und die frischen Halme der Sommer- oder Wintersaat äsen, dann nur, weil sie gelernt haben, dass am helllichten Tag kaum Jagd stattfindet. In der Dämmerung ziehen sie sich zurück in den vermeintlichen Schutz der verbliebenen Wälder. Uns aber wird erzählt, dass die Bejagung absolut notwendig sei, um Verbissschäden in den Wäldern entgegenzutreten, aber nicht erklärt, dass es sich hierbei um ein Notverhalten von ursprünglichen Graslan-Bewohnern handelt. 

 

Cirsium bedeutet nach dem lateinischen cirsion „eine distelförmige Sippe“, womit ein Verweis distelartiger Gewächse gemeint ist, vielmehr aber die Familie der Kratzdisteln angesprochen wird. Arvense leitet sich von arva ab und bedeutet wortwörtlich „Acker“ oder auch „Saatland“. 

Natürlich kann man das an den Ausbreitungsgebieten von Disteln und distelartigen Pflanzen sehr gut erkennen. Auch ist gut zu beobachten, dass Disteln und Distelartige sehr schnell darin sind, Flächen zu erobern, die meist durch menschliches Wirken starke Veränderungen erlitten haben und Besiedelungsmöglichkeiten bieten. Das kann man nach Rodungen, Waldbränden, Überschwemmungen, Schutthalden in Gebirgen, auf Bauland oder einfach nur an Erdschutt- und Bauschutthaufen recht gut und schnell sehen. Natürlich gibt es noch viel andere „Ersteroberer“, wie Mauer- und Kompasslattich, Klatschmohn, Berufskraut, Nelkenwurz, Löwenzahn, Stinkenden Storchenschnabel, Wegwarte, Nachtkerze, Natternkopf, Gänsefuß, Guter Heinrich und viele mehr. Deren Aufgaben sind zunächst Erosionsschutz und Bodenverbesserung. Werden solche Flächen sich selbst überlassen, gesellen sich alsbald Eschenahorn, Salweide, Schwarz-Erle und Robinie hinzu. 

Diese Pionierpflanzen lassen den Eindruck der Wundversorgung, des Wundverschlusses und der Wundheilung aufkommen. Gärtner, die ihre Beete gern frei halten und an einer Stelle eben nur „Die Eine“ wachsen lassen wollen, kennen das. Und für die Besiedler mit ihrem effektiven Verbreitungsmechanismus - die meisten der genannten Naturverjünger gelangen ja durch Flugsamen an Ort und Stelle - gibt es natürlich einen Namen: Unkräuter! Über den aussichtslosen Kampf gegen diese Pflanzen muss ich nichts schreiben. Nur seltsam, dass es dem Mensch nicht auffällt, dass Alles, wogegen er den Kampf ansagt, ihm gegenüber immer mehr, größer und intensiver wird. Das lässt sich auch auf politischer Ebene sehr gut beobachten. 

Offensichtlich zumindest ist, im Leben wie in der Natur, dass immer Jenes an Intensität gewinnt, wonach man seine Aufmerksamkeit richtet. Geist schafft Materie. Energie folgt der Aufmerksamkeit. Ganz einfach. Und wir sind ja sehr gründlich dahingehend konstituiert. 

 

Meine Erfahrung bei der Errichtung einer sogenannten Magerzone im Sinne eines Halbmagerrasens nach dem Prinzip eines Drei-Zonen-Gartens, hat mich Folgendes gelehrt: ich muss gar nicht so viel tun. Natürlich bedurfte es zunächst einer geeigneten Fläche, eines Grundstückes. Dieses fand sich auch. Ein ehemaliges Gartengrundstück mit ausgesprochener Hanglage - voll von ausgewachsenen Fichten, die dem Boden unter ihnen weder Licht noch Wasser gönnten. Die Vision eines „Hortus“ nach benanntem Prinzip erforderte eine komplette Rodung. Abgesehen von wenigen einheimischen Gehölzen. Die Stämme und dicken Äste fanden Verwendung, den Hang terrassenartig abzufangen und abzumagern, indem der versauerte Boden abgetragen, mit Dachziegelbruch (es waren etwa 30 Tonnen, die von Hand nach oben befördert werden mussten) aufgefüllt und mit einer dicken Schicht Kalkschotter und Sand bedeckt wurde. Dann wurde gezielt Saatgut einheimischer Pflanzen ausgebracht, welche solche Magerstandorte besiedeln. Jedoch haben wir die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Zwar stellten sich einige gewünschte Pflanzen ein und recht schnell war zu beobachten, dass sich viele bodenbewohnende Insekten und Kleintiere hinzu gesellten, was auch Sinn und Zweck dieses Vorhabens war. Aber auch unzählige Disteln schwirrten unbemerkt ein und wuchsen in atemberaubender Geschwindigkeit empor. Natürlich entsprach dieses Bild in seiner Besiedelungsdichte nicht der gewünschten Ästhetik, aber wir ließen den Dingen vorerst ihren Lauf. 

Erstaunlich, wie schnell die Disteln - es waren Nickende Disteln, Kugeldisteln, Kratzdisteln und Gänsedisteln (die streng genommen keine Disteln sind) - die im lockeren und ausnehmend trockenen Substrat Fuß fassen und festen Halt gewinnen konnten. Diese Fähigkeit, von irgendwo daher geflogen zu kommen und Boden zu gewinnen, ist für mich beeindruckend. Als Same vom Wind getrieben, ohne zu wissen, wohin der Flug geht und wann er endet, sich auf diese Reise voller Orientierungslosigkeit einzulassen, bedarf schon viel der Zuversicht und des Vertrauens. Beneidenswert, sich derart sorglos und vertrauensvoll dem Fluss des Lebens und den Naturgewalten hingeben zu können. Ich fühlte mich nach einer Lebensraumveränderung zunächst deutlich heimatlos, wurzellos, orientierungslos und es bedurfte immer viel Zeit, wirklich Boden zu gewinnen. Erst recht mit zunehmenden Alter. Pflanzen gelingt dies scheinbar mühelos. Aber auch sie müssen ja erst den für sie geeigneten Boden finden. Die Blühfreudigkeit der Distelarten und die Bildung einer riesigen Anzahl flugfähiger Samen lassen vermuten, dass wohl nicht jeder Same einen für sich geeigneten Platz finden wird und dieses für uns scheinbare vage Zufallsprinzip durchaus von einem gewissen Geist gesteuert ist. Geist aber nicht im Sinne von Intelligenz. Zumindest in der Form, wie wir Intelligenz verstehen und anwenden. Eher eine allumfassende, schöpferische und vertrauensvolle Form. Nicht gestalterisch, berechnend, kalkulierend, sondern einfach nur sich hingebend und vertrauend. Indigene Völker haben dafür ihre eigenen Begriffe und Beschreibungen, mit denen wir heute nicht mehr viel anfangen können, sofern wir überhaupt davon wissen oder erfahren. 

Jedoch einfach nur zu erleben, wie sich die Natur selbst arrangiert, selbst gestaltet, das Netz ihrer unzähligen Wechselbeziehungen gelassen spinnt und Alles wie von Zauberhand zueinander findet, was sich gegenseitig bedingt, ist einerseits Faszination und Staunen, anderseits aber auch die mich beschleichende Erkenntnis, dass hier ein kreativer, liebevoller und in gewisser Weise sich seiner Selbst bewusster Geist am Wirken ist, ohne in Erscheinung zu treten. 

Sicher kann man das Alles auch anders erklären. Nämlich so, wie es unter Einflussnahme sämtlicher zugehöriger Parameter funktioniert. Auch warum es genau so funktioniert. Es gibt immer Erklärbären. Evolution und daraus hervorgehende genetische Muster sind meist die herangeführten Argumente. Und das Alles hat in einem einzigen Urknall seinen Anfang genommen. Ganz genau. Bauen wir auf einer Theorie auf, wiederholen sie oft genug, (er-)finden Beweise, machen sie zur Tatsache und dann läuft der Laden. Je mehr ich die Welt beobachte, desto widersinniger begegnet mir der Gedanke des reinen Zufallsprinzips. Wie unwissenschaftlich aber auch…

 

Nun ja. Die distelförmige Sippe weiß sich sehr schnell zu etablieren, zu behaupten und unzählige Liebhaber anzulocken. Sie verstehen es perfekt, Insekten aller Art und Menge anzulocken, wenngleich die menschlich-ästhetische Gartenbild-Vorstellung genau dieses Bild weniger erwünscht. Oft sind es jene Pflanzen, welche die meisten Insekten anziehen, die Niemand in seinem Garten haben möchte und die nicht mit außerordentlicher Blüten- und Farbenpracht aufwarten. Auch dazu gehören besonders jene Pflanzen, die sich als invasive Neophyten zunehmend bei uns ausbreiten. Am meisten hat mich das Getummel, Geschwirre und Genasche auf der ausladenden Blüte eines Riesenbärenklaus fasziniert. Leider hat mich meine Begeisterung weder Kamera noch Stift und Papier zücken lassen, um wenigstens einen groben Abriss des Besucherstromes festzuhalten. 

Ich habe in den Disteln die meisten Schmetterlinge gezählt. Insgesamt waren es im Garten selbst 24 verschiedene Arten, wovon sich die meisten über die Disteln hermachten. Wenn nicht sogar alle. Im Nachhinein ärgere ich mich auch hier, keine genauen Zählungen und Aufzeichnungen gemacht zu haben. Ich hockte einfach nur mittendrin und gaffte paralysiert wie fasziniert in das flatterhafte Treiben hinein und freute mich. 

Mein Vater war hin und wieder zu Besuch im Garten, als er die 36 Stufen zur Hütte noch bewältigen konnte, und zeigte sich jedes Mal erstaunt über das viele Leben, welches in dem dichten Gewirr aus Disteln und all den anderen Bereichen des Gartens lautlos tobte. 

 

Disteln tragen die Signaturen von Mars Der Mars und Venus Die Venus in sich. 

Mars verkörpert Willensstärke, Widerstandskraft sowie Triebhaftigkeit und Aggression als Willensimpuls zum Überleben. Entsprechend ihrem himmlischen Abbild sind viele Pflanzen des Mars mit ihren Stacheln, Dornen oder Brennhaaren ebenfalls recht wehrhaft (Disteln, Weißdorn, Brennnessel). Manche Marspflanzen hängt man noch heute als schutzmagisches Amulett gegen Verhexung und Seuchen über die Tür, beispielsweise die Silberdistel, die mit ihrem animalischen Geruch (daher auch der Trivialname Eberwurz) und ihrem Dornenkranz die Vitalität des Mars verkörpert. Sie enthält antibiotisch wirkende Stoffe (Carlinaoxyd) – die volkstümliche Verwendung als Schutzamulett ist also durchaus begründet.

Der Venus-Aspekt bei Disteln ist nicht besonders offensichtlich, weil sich Venus gern in harmonischen und weichen Formen, in üppiger bunter Blütenpracht und sinnlichen Düften ausdrückt. Venuspflanzen vermitteln jedoch auch Selbstsicherheit, können von seelischem Ballast befreien und uns sozial verträglicher machen. Venus tritt für mich in dem aufrechten Stand der Disteln hervor; und in der Eigenschaft, soziale Beziehungen im Sinne von Lebendigkeit und liebevoller Zuwendung zu fördern. Disteln stehen zudem seit einiger Zeit unter dem Verdacht, die Nierentätigkeit zu unterstützen. Das Venusorgan Niere steht in der Astrologie für Liebe und Beziehungen sowie das hierfür wichtige und gesunde Gleichgewicht. Zeitgleich werden die Nieren aber auch als das Organ der Angst angesehen, wenn eben dieses Gleichgewicht gestört ist.

 

Die vertrocknete, von Wind, Kälte und Winter gepeitschte Ackerkratzdistel von den Schlachtfeldern erinnert mich an Vieles. Auch daran, dass es inzwischen salonfähig geworden ist, Disteln im Blühgarten zu etablieren. Zumindest wird die Anregung dafür vorangetrieben. Doch muss ich immer wieder feststellen, dass es recht Wenige sind, die sich hierzu überwinden können. Die meisten Gärten müssen pflegeleicht sein, dürfen nicht viel Zeit in Anspruch nehmen und bestenfalls kein bis nur wenig Laub produzieren. Die bunte Vielfalt, die so gern propagiert wird, ist in Fußgängerzonen inzwischen größer als in so manchen Gärten. Von unserer Kulturlandschaft ganz zu schweigen. 

Diese Ackerkratzdistel erinnert mich aber auch an einige Menschen aus und in meinem Leben. An jene Wenigen, die, wenn es unbequem wird, die Zeiten unangenehm werden, nicht einknicken, den Kopf aufrecht halten, sich nicht brechen und biegen lassen. An jene, die an meiner Seite bleiben, wenn auch ich mal nicht klug und bedacht handelte, Fehler machte, den Überblick verlor, Entscheidungsunfähig vor mich hin glubschte oder mich von dem mehr und mehr befremdenden Leben um mich herum verwirrt zeigte und zurück zog. Mich vertrocknet zeigte und nur darauf wartete, gegossen zu werden, wenn ich es selbst gerade nicht konnte. 

Meist aber bin ich selbst Distel gewesen. Mit Wind von allen Seiten…    

 

©kayweber